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Resilienz - Was hat euch Kraft gegeben?

Veröffentlicht am:09.02.2026

5 Minuten Lesedauer

Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen und Krisen ohne dauerhaften Schaden zu bewältigen. Was oder wer macht uns widerstandsfähig und wo sind unsere Kraftquellen? Vier Menschen aus Bremen und Bremerhaven erzählen, wie sie mit schweren Zeiten umgehen und wer ihnen dabei zur Seite steht.

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Die Kraft der Sprache

Gedichte als Brücke zwischen den Kulturen

Farhan Hebbo im Gespräch mit einem Mann.
Im Sprachcafé für Geflüchtete in Huckelriede liest Farhan Hebbo selbstgeschriebene Texte vor. Das Projekt der Beratungsstelle „Ankommen im Quartier“ lebt von der Unterstützung vieler Ehrenamtlicher.

© Cathrin Frerichs

„Wenn man in ein anderes Land kommt und die Sprache nicht kennt, dann ist man blind. Man weiß nicht, wohin man gehen soll“, sagt Farhan Hebbo. Seit 2015 lebt der Syrer in Bremen. In seinem Heimatdorf hatte er sich für Frieden eingesetzt. Dann wurden Nachbarn und Bekannte verhaftet und er beschloss, mit seiner Familie zu fliehen. „Es wurde zu gefährlich, ich hätte der nächste sein können“, erzählt er. 

Die Familie floh auf getrennten Wegen in Richtung Düsseldorf, wo Verwandte leben. „Es gab einen Transfer in ein Übergangswohnheim nach Bremen-Huckelriede. Wir kannten hier niemanden. Aber wir hatten ein Dach über dem Kopf, Essen, Strom und eine Krankenversicherung“, erinnert sich der heute 76-Jährige. Um etwas zurückzugeben, organisierte Hebbo mit anderen ein Neujahrsfest. Es kamen 150 Menschen, darunter Perser, Afghanen, Somalier und Deutsche.

Schreiben als Ventil

„In Syrien habe ich schon geschrieben, aber im Geheimen“, erzählt Hebbo. Wären die Texte in die falschen Hände gefallen, wäre es gefährlich geworden. Auf der Flucht trug er ein Notizbuch bei sich. In Bremen schrieb er weiter. „Zufällig lernte ich eine Journalistin kennen und begann, eine Kolumne für den Weser-Kurier zu schreiben. Sprache verbindet die Menschen und ist ein Stück Heimat“, sagt er. Das Schreiben sei für ihn ein Ventil, das ihm erlaubt, seine Gedanken und Erlebnisse zu verarbeiten. 

Als vor sieben Jahren das Amt für Soziale Dienste im Quartierszentrum Huckelriede ein Sprachcafé für Geflüchtete startete, waren Farhan Hebbo und seine Frau sofort dabei. Jeden Mittwoch von 10 bis 12 Uhr ist das Café ein Ort der Begegnung und ein Stück Heimat für die Teilnehmenden. Immer zu Beginn liest Hebbo eine Geschichte auf Arabisch vor. Es folgen Übersetzungen in Farsi und ins Deutsche. Hebbos kurze Geschichten und gefühlvolle Gedichte sind in einem Buch erschienen. Es heißt „Aus jedem Garten eine Blume. Gedanken und Gedichte über Flucht und das Leben“. Seine Texte seien eine Brücke zwischen seinem Mund und den Herzen der anderen, sagt Hebbo. Ein zweites Buch ist in Arbeit.

Neustart nach der Firmenpleite

„Ich war persönlich am Limit“

Portrait Ina Hacheney
Aus ihrer Not machte Ina Hacheney eine Tugend. Heute berät sie Existenzgründende beim Bremerhavener „Arbeitsförderungs-Zentrum im Lande Bremen“. Sie hält Vorträge, leitet Workshops und ist ehrenamtliche Mentorin für Gründerinnen.

© Cathrin Frerichs

„Sich selbst zu hinterfragen ist wichtig, wenn man aus seinen Fehlern lernen will“, sagt Ina Hacheney. Die 61-jährige gebürtige Bremerin weiß, wie es sich anfühlt, etwas gegen die Wand zu fahren. Die Unternehmertochter war Inhaberin eines Groß- und Einzelhandels für Kosmetikprodukte. Die Firma lief viele Jahre gut und wurde immer größer. „2008 hatten wir unser bestes Jahr. Dann wurde die Sache zu groß und ich verlor den Überblick“, erzählt sie. Elf Kommanditgesellschaften und zwei GmbHs hatte die damals alleinerziehende Mutter zweier Töchter zum Schluss allein zu verwalten. Die laufenden Kosten überstiegen die Einnahmen. „Es lief aus dem Ruder und die Kraft ging mir aus“. 2012 meldete sie Unternehmensinsolvenz an. „Ich war persönlich am Limit.“

Erst sei sie in ein tiefes Loch gefallen, habe auch mit niemandem darüber geredet. Das gehe vielen Menschen in vergleichbarer Situation so, weiß sie heute. Noch im gleichen Jahr zog sie nach Cuxhaven. Die gelernte Bürokauffrau hatte dort eine Teilzeitstelle in der Ferienimmobilienbranche gefunden, dann mit Glück eine Wohnung, in der sie zur Ruhe kam. Ihre Töchter waren aus der ehemaligen Wohnung in Bremen bereits ausgezogen, beziehungsweise im Ausland. „Schnell habe ich ehrenamtlich für eine Telefonhotline für Unternehmer in Krisen gearbeitet“, berichtet Ina Hacheney. Die hatte sie bei ihren Recherchen im Internet gefunden, als sie für sich selbst Hilfe suchte. Es ging bergauf.

Eigene Erfahrungen nutzen und anderen helfen

Zehn Jahre dauerte die Abwicklung der Insolvenz. Es habe Phasen der Selbstzweifel gegeben, sagt Ina Hacheney. Sie sei gerade so finanziell über die Runden gekommen, habe viel ausprobiert und genetzwerkt. „Bereit für Veränderungen sind wir erst, wenn etwas nicht funktioniert. Ich habe versucht, mir eine neue Zukunft vorzustellen, wie sie mir gefällt.“ Ein großer Schritt sei die Fortbildung zur systemischen Coachin gewesen. Ihre eigenen Erfahrungen kann sie nun nutzen, um Gründerinnen und Unternehmerinnen online deutschlandweit und offline in Cuxhaven zu beraten und zu unterstützen.

Kraft hätten ihr in all den Jahren die Töchter, neue Freundschaften in Cuxhaven und die Strandspaziergänge mit ihrer Hündin gegeben. „Gut getan hat auch positives Feedback. Sei es von Feriengästen oder den Menschen, die ich beraten habe.“

Narben, die Mut machen

Not-OP nach Kletterunfall

Mit 20 Jahren entdeckte Liz Rusche das Bouldern für sich. „Ich war vorsichtig beim Klettern und hatte Respekt davor“, sagt sie. Dann kam der Tag Ende Januar 2023. „Ich kletterte im Überhang und hing mit dem Rücken zum Boden. Vor dem letzten Griff verlor ich den Halt und fiel ein paar Meter tief auf die Matte.“ Mit starken Schmerzen im unteren Rücken ging es mit dem Krankenwagen in die Notaufnahme des St.-Joseph-Stifts. Die Untersuchungen zeigten, dass ihr erster Lendenwirbel zersplittert war. „In diesen Momenten ,lähmte’ mich die Angst, dass der zerstörte Knochen ins Rückenmark wandert und nachträglich zur Lähmung führt“, erinnert sich die heute 25-Jährige. In einer Not-Operation wurde ihr Rücken stabilisiert. Vier Wochen später führten Wirbelsäulenexperten in Rotenburg einen zweiten mehrstündigen Eingriff durch. Eine Woche blieb die junge Frau in der Klinik. Als sie dort das erste Mal wieder allein zur Toilette gehen konnte, habe sie vor Freude geweint.

Aufarbeitung dauert bis heute an

In den ersten Wochen habe sie sich wie eine Porzellanpuppe gefühlt und sich vor jeder Bewegung gefürchtet, berichtet Liz Rusche. Sie zog vorübergehend zu ihrer Mutter, führte ein Video-Tagebuch, um das Erlebte kreativ zu verarbeiten, und fing das Häkeln an. Körperlich erholte sie sich überraschend schnell. „Nach drei, vier Monaten konnte ich wieder meinen Alltag leben und studieren.“ Doch erst Monate nach dem Unfall sei ihr bewusst geworden, war mit ihr passiert war. „Familie und Freunde haben mir Kraft gegeben, es war gut, darüber reden zu können, auch mit meiner Therapeutin.“ Die mentale Aufarbeitung des Unfalls dauere bis heute an. 

„Ich denke jeden Tag an die Verletzung und sehe meine Narben. Das ist ok. Sie erinnern mich daran, dass mich mein Körper immer noch durchs Leben trägt“, sagt die junge Frau, die derzeit an der Hochschule für Künste Design studiert. Sie achte nun mehr auf sich, fügt sie an: „Gesundheit ist das allerhöchste Gut. Heute habe ich mehr Motivation, meinen Körper gesund zu halten.“ Das tut sie regelmäßig im Fitnessstudio. 

Gemeinsam gegen Depressionen

„Ich versuche Dinge zu ändern, die mir nicht gefallen“

Portrait Carl Clausen
Carl Clausen schöpft Kraft aus dem Zusammensein mit anderen Menschen, sei es mit seinen Enkeln oder mit den Betroffenen in den Selbsthilfegruppen, die er besucht und leitet.

© Cathrin Frerichs

In seinem Wohnzimmer hängen selbstgefertigte Holzscheiben mit Sprüchen darauf. Auf einer steht: Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag. Verlorene Tage kennt Carl Claussen nur zu gut. „Früher bin ich in lange depressive Phasen hineingerutscht. Ich wusste nicht, wie ich hinauskommen soll“, sagt der 70-Jährige. In der psychosomatischen Reha und in Einzeltherapie habe er gelernt, besser mit Depressionen, Panikattacken und Ängsten umzugehen. 

Wenn er heute Momente erlebt, in denen die Panik hochkommt, etwa beim Einkaufen im Supermarkt, stellt er sich seinem Angstgefühl. „Früher wäre ich rausgelaufen. Heute kaufe ich weiter ein. Ich mache mir die Situation bewusst und frage mich: Willst du jetzt in die Panik? Oder willst du auf die andere Seite?“

Viel Halt findet der Bremerhavener in der Selbsthilfegruppe „Depression und Ängste“, die er seit neun Jahren besucht. „Ich habe mich dort vom ersten Abend an wohlgefühlt.“ In diesem geschützten Raum habe er gelernt, mit anderen über sich und seine Situation zu sprechen. 

Mittlerweile engagiert sich Claussen bei der „Selbsthilfe Bremerhavener Topf“. Der Verein, der Anfang September sein 35-jähriges Bestehen feiert, ist eine Informations-, Kontakt-und Unterstützungsstelle und Träger der Selbsthilfegruppen in Bremerhaven. 

Arbeit mit jungen Menschen gibt Kraft

Claussen hat vor viereinhalb Jahren selbst eine Gruppe für junge depressive Erwachsene gegründet. Eine weitere Gruppe für Betroffene, die aus der Tagesklinik entlassen werden, kam hinzu. „Vor allem die Arbeit mit den jungen Menschen hat in mir etwas verändert, ich werde richtig gefordert“, sagt er. Auch die positiven Rückmeldungen der Betroffenen würden ihm viel geben. Er habe gelernt, vor Gruppen zu sprechen und Verantwortung zu tragen. „Ich versuche Dinge zu ändern, die mir nicht gefallen“, sagt er.

Das alles gebe ihm Kraft in schwierigen Lebensphasen wie etwa nach der Trennung von seiner Ehefrau nach 44 gemeinsamen Jahren. Seit einem Jahr wohnt Claussen in einem neuen Zuhause. Wenn ihm die alte Umgebung und sein alter Garten fehlen, gehe er vor die Tür und drehe eine Runde. „Eine liebe Freundin aus Köln stand und steht bei Selbstzweifeln an meiner Seite.“ Er genieße auch die Zeit mit seinem Sohn und der Schwiegertochter. Seine beiden Enkel, acht und elf Jahre alt, spielen gern Fußball mit ihm. „Wenn ich die beiden sehe, vergesse ich alles.“ 

Text und Fotos: Cathrin Frerichs

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