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Interview mit Prof. Dr. Arno Villringer

„Wichtig ist, dass Pausen zu machen der Normalfall wird“

Wer sich keine Pausen gönnt, schwächt seine Fähigkeit, Stress zu verarbeiten, und läuft Gefahr, in einen permanenten Überlastungszustand zu geraten, sagt Prof. Dr. Arno Villringer, Direktor der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. 

Was versteht man aus neurowissenschaftlicher Sicht unter Ruhe? Was verändert sich im Gehirn, wenn Menschen kurz innehalten?

Prof. Arno Villringer: Das Gehirn organisiert sich in Netzwerken. Wenn bei neurowissenschaftlichen Untersuchungen die Probanden Aufgaben lösen, sehen wir, dass dabei bestimmte Netzwerke im Gehirn aktiv sind. Der Neurologe Marcus Raichle von der Washington University hat ein Netzwerk gefunden, das immer dann, wenn man sehr aktiv ist, quasi ruhig ist. Das ist das sogenannte Default Mode Network, also das Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns. Es ist immer dann aktiv, wenn wir keinen externen Aufgaben oder Aktivitäten nachgehen, sondern uns nur mit uns selbst beschäftigen. Aus neurophysiologischer Sicht würde ich sagen: Das sind Ruhephasen. 

Menschen, die in der Pflege arbeiten, haben nach einer kurzen Pause manchmal das Gefühl eines mentalen Neustarts. Gibt es dafür eine neurobiologische Erklärung?

Villringer: Während ich mit Ihnen spreche, bin ich aktiv im Tun. Nach Gesprächsende speichert mein Gehirn ab, was eben passiert ist. Und bis das abgespeichert ist, ist mein Gehirn voll mit Informationen, die noch nicht so richtig gesichert sind. Durch eine kurze Pause bereinige ich mein Gehirn von dem, was darin noch herumschwirrt und noch nicht richtig abgespeichert ist. Und danach bin ich dann quasi wieder bereit für neue Aufnahmen. 

Welche Rolle spielen Ruhephasen für das Gedächtnis und für das Verarbeiten von Eindrücken?

Villringer: Wenn ich etwas neu erfahre oder lerne, dann werden bestimmte Erinnerungen in einer Struktur im Gehirn, dem sogenannten Hippocampus, abgespeichert. Offensichtlich nutzt das Gehirn dabei eine Struktur, die Dinge, die sich im Zeitverlauf abspielen, an unterschiedlichen Orten ablegt. Bestimmte Orte codieren bestimmte Informationen. Und jetzt stellen Sie sich vor, ich müsste mir eine Abfolge von Dingen merken. Die wird, in dieser Reihenfolge, im Gehirn an verschiedenen Orten abgespeichert. Wenn ich dann zur Ruhe komme, macht der Hippocampus das Gleiche noch mal: Dieselbe Sequenz wird noch einmal wiederholt. Man nennt das Replay. Und dieses Wiederholen, das ist das bessere Abspeichern. Die Ruhephase ist dafür da, dass man Dinge besser und vor allem dauerhafter abspeichert. Auch im Schlaf passiert dieses Replay, und danach sind alle Informationen noch besser gespeichert.

Das heißt, wenn man tagsüber eine kurze Pause macht, kann so eine Replay Session schon einmal ablaufen, und in der Nacht dann ein weiteres Mal?

Villringer: Ja. Man nennt diesen Vorgang Konsolidierung. Die nächtliche Konsolidierung ist noch effizienter – wahrscheinlich, weil dann die Störeinflüsse durch ständig neue sensorische Eindrücke am geringsten sind.

Was bedeuten Pausen für das Verarbeiten von Emotionen oder von belastenden Situationen? Das ist im Pflegealltag ja auch ein wichtiges Thema.

Villringer: Emotionen werden auf ähnliche Art und Weise abgespeichert, sodass man annehmen darf, dass letztlich der gleiche Prozess abläuft: Dass durch diese Ruhephasen diese Eindrücke erst einmal gespeichert werden und die kontinuierliche Beschäftigung des Gehirns damit erst mal zur Ruhe kommt. Wenn ich ins Grübeln komme, dann wird dieser Effekt möglicherweise umgedreht. Aber wenn ich es schaffe, mich für einen Moment davon abzugrenzen, zu distanzieren, dann findet dieses Abspeichern statt, auch bei Emotionen. Und gleichzeitig wird das Gehirn dadurch in gewisser Weise reingewaschen.

In der Pflege sind in Phasen großer Belastung die Pausen oft das Erste, was entfällt. Verstehe ich es richtig, dass man damit auf Dauer seine Fähigkeit schwächt, mit diesem Stress adäquat umzugehen?

Villringer: Ja. Und ich würde sogar noch weitergehen. Zum medizinischen Alltag gehören ja auch Gespräche mit Patienten und Angehörigen. Auch da würde ich sagen, ist es für beide Seiten sinnvoll, nicht einfach nur Informationen zu sammeln und auszutauschen, sondern auch Pausen einzulegen. Denn dadurch bringt man das Gehirn wieder in einen Zustand, in dem Dinge gespeichert werden, sodass man sich danach wieder neuen Dingen widmen kann.

Warum, würden Sie sagen, ist es wichtig, dass Pflegende Pausen machen?

Prof. Villringer: Wenn Sie dem Gehirn konsequent Ruhepausen verweigern, kommt die pflegende Person in einen Zustand, der zunehmend Stress erzeugt und in chronischen Stress übergehen kann. Nach einer vorübergehenden Stressphase geht die Anspannung wieder zurück. Aber wenn dieser Zustand zu lange andauert, wenn eine Pflegekraft ständig überaktiv sein muss, dann wird aus einem Stresszustand, der sich wieder zurückbildet, etwas, das den Körper dauerhaft schädigt. Dann ist ein Punkt erreicht, an dem man seiner Gesundheit schadet, weil sich chronische Stress-Folgeerkrankungen wie zum Beispiel hoher Blutdruck entwickeln, die wichtige Risikofaktoren für zum Beispiel Schlaganfall und Herzinfarkt sind. 

Und was passiert, wenn es nicht gelingt, das Stresslevel wieder auf ein gesundes, entspanntes Maß ganz herunterzufahren? Baut sich die Anspannung dann weiter auf?

Prof. Villringer: Ja. Wenn der akute Stress in chronischen Stress übergeht und ich das Gefühl habe, ich komme da nicht mehr raus, dann sinkt das Stresshormon Cortisol im Körper nicht mehr vollständig ab. Auch der Puls geht nicht mehr richtig runter. Und genau da liegt die Gefahr. Wir wissen, dass chronischer Stress zu hohem Blutdruck, aber auch zu Depressionen führen kann.  

Wenn Sie Pflegeeinrichtungen einen Rat zum Thema Pausen geben sollten: Was wäre aus neurobiologischer Sicht dabei zu beachten, damit sie einen positiven gesundheitlichen Effekt haben?

Prof. Villringer: Wichtig ist ein Rückzugsort – einer, der vielleicht auch für Einzelpersonen geeignet ist. Soziale Kontakte, etwa in der Kaffeeküche, sind gut. Aber es ist sinnvoll, wenn es auch eine Möglichkeit gibt, sich auch mal für sich allein zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen. Wichtig ist auch, dass Pausen zu machen der Normalfall wird. Das ist immer eine Frage der übergeordneten Kultur in einer Gruppe. Eine empathische, das Miteinander fördernde Struktur im Team ist, glaube ich, das Allerwichtigste. Dann sind solche Dinge wie regelmäßige Pausen einfacher zu realisieren – allerdings immer noch nicht wirklich einfach in Strukturen, die unter einem starken monetären Druck stehen. Aber das zu ändern, wäre eine politische Aufgabe.

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Bildnachweise

Steffen Roth/www.steffenroth.com