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Interview mit Dr. Johannes Wendsche

„Man macht Pausen, damit Arbeit überhaupt funktioniert“

Wer überlastet ist, dem unterläuft leichter einmal ein Fehler. Gerade in Berufen mit viel Verantwortung, wie zum Beispiel in der Pflege, sind regelmäßige Pausen darum unerlässlich, sagt Diplom-Psychologe Dr. Johannes Wendsche von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit.

Warum ist es gerade bei Berufen mit hoher Belastung problematisch, wenn Pausen nur als Unterbrechung im Arbeitsablauf angesehen werden?

Dr. Johannes Wendsche: Erholung findet immer dann statt, wenn wir nicht arbeiten oder wenn wir etwas anderes tun als das, was wir vorher gemacht haben. In hoch belastenden Berufen, die emotional und körperlich sehr anspruchsvoll sind, wie zum Beispiel in der Pflege, sind Pausen umso wichtiger, um negativen psychischen und physischen Beanspruchungsfolgen vorzubeugen, zum Beispiel starker Ermüdung oder Unkonzentriertheit.

Was verändert sich, wenn sich Pflegekräfte diese Einstellung zu Pausen zu eigen machen?

Wendsche: Dann ändert sich die Grundhaltung in der Arbeitsplanung: Man macht Pausen nicht nur dann, wenn es zur Not geht. Man macht sie, damit Arbeit überhaupt funktioniert. Wenn man die Pausen als notwendigen Teil der Arbeitsgestaltung begreift, um seine Arbeit überhaupt gut erfüllen zu können, ist schon viel gewonnen. 

Reichen die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten aus, um im Pflegealltag echte Erholung zu ermöglichen?

Wendsche: Studien zeigen, dass die formalen Regeln in verschiedenen Berufen ausreichen, um ein grundlegendes Sicherheitsniveau herzustellen. Dort, wo diese Pausenvorschriften eingehalten werden, fällt die Selbstfürsorge insgesamt besser aus. Das, was im Arbeitszeitgesetz steht, ist schon mal eine gute Grundlage – wenn es eingehalten wird. Bei einer Repräsentativbefragung deutscher Erwerbstätiger hat fast jeder zweite Beschäftigte in der Pflege berichtet, dass die gesetzlichen Pausen regelmäßig ausfallen. Da ist noch nicht mal das Grundschutzniveau sichergestellt. Das müsste man erst mal schaffen, bevor man über zusätzliche Pausen nachdenkt. In der Pflege sind die Raucherpausen für viele die letzte Flucht, weil die anderen Pausen oft eben nicht funktionieren. 

Würden Sie sagen, dass im Pflegealltag kurze Erholungsfenster besonders relevant sind?

Wendsche: Warum wirken solche Kurzpausen? Da ist zum einen die Erholungsfunktion. Das zweite ist eine motivationale Funktion. Wir Menschen sind darauf ausgelegt, mit unserer Energie sparsam umzugehen. Wenn jemand weiß, er muss jetzt viele Stunden durcharbeiten, schaltet er auf Sparflamme, um das durchzuhalten. Wenn er weiß, jetzt kommt eine kürzere Arbeitsphase und dann wieder eine kurze Unterbrechung, strengt er sich mehr an.

Wo lassen sich Kurzpausen sinnvoll einfügen?

Wendsche: Kurzpausen eignen sich besonders gut bei Arbeitswechseln, als kurze Entlastung, bevor man mit der nächsten Aufgabe beginnt. Es gibt bestimmte Phasen oder Tätigkeiten, die sich wiederholen – bestimmte Aufgaben in der Pflegedokumentation zum Beispiel. Die kann man gut vorhersehen und solche Übergänge für eine kurze Entlastungspause nutzen. Die Forschung zeigt, dass selbst kurze Erholungsphasen viel ausmachen. Bei zunehmender Arbeitsdauer steigen die Beanspruchungsfolgen, zum Beispiel die körperliche und psychische Ermüdung, exponentiell an. Dem kann man vorbeugen, wenn man rechtzeitig präventiv eine kurze Pause einbaut. 

Oft reicht schon ein kurzes Durchschnaufen. Trotzdem ist aber auch wichtig, sich Zeit für längere Pausen zu nehmen. Teampausen zum Beispiel haben offenbar eine stark identitätsstiftende Funktion. In Pflegeteams, wo mehr oder regelmäßiger Teampausen gemacht werden, kündigen weniger Leute. 

Ist eine gewisse Distanz von der Arbeit die Voraussetzung für eine erholsame Pause? 

Wendsche: Um in die Erholung zu kommen, ist nicht immer eine physische und geistige Distanzierung von der Arbeit nötig. In Studien haben Pflegekräfte erzählt, dass gerade in den Pausen auch viel über Arbeit geredet wird und ihnen das auch wichtig ist. Es hat offenbar eine Art eher bewältigende Funktion, sich mit anderen zum Beispiel über stressige Situationen austauschen zu können, weil diese Arbeit oft auch emotional sehr belastend ist. 

Wie fängt man am besten an, wenn man erholsame Pausen im Pflegealltag verankern möchte?

Wendsche: Zuerst wird der Ist-Zustand festgestellt. Wenn zum Beispiel Pausen regelmäßig ausfallen, muss man nach den Ursachen gucken und die Bedingungen umgestalten. Eine wichtige Rolle spielt aber auch die sogenannte Erholungskompetenz. Das ist das Wissen darüber, was für mich zur Erholung geeignet ist. Das ist individuell sehr verschieden. Diese Kompetenz kann man als Betrieb fördern, indem man Angebote macht und die Beschäftigten für das Thema Erholung sensibilisiert. 

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