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Psychologie

Der Ursprung von Ängsten – können uns Ängste auch helfen?

Veröffentlicht am:19.01.2023

7 Minuten Lesedauer

Aktualisiert am: 25.04.2024

Angst ist überlebensnotwendig. Sie setzt wichtige Körperreaktionen wie die Flucht in Gang. Allerdings empfindet nicht jeder Mensch in den gleichen Situationen Angst. Doch warum ist das so und können Ängste auch im normalen Alltag hilfreich sein?

Eine Frau blickt sich ängstlich schauend um, während sie in der Dunkelheit allein eine Straße entlang geht.

© iStock / urbazon

Porträt von Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Katharina Domschke

© privat

Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Katharina Domschke ist Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Sie erklärt im Interview, warum Menschen Angst haben und welche wichtige Funktion diese unangenehme Emotion hat.

Was ist Angst?

Angst ist etwas ganz Normales. Sie gehört neben Freude, Ekel, Wut, Überraschung, Trauer und Verachtung zu den sieben Grundemotionen. Angst ist überlebensnotwendig, denn sie dient als Alarmsystem – sie warnt unseren Körper vor Gefahren. Wer beispielsweise nah an einen Abgrund herantritt, bekommt in der Regel Angst. Das Gefühl vermittelt die Botschaft: Achtung, hier lauert Gefahr! Angst macht unseren Körper und Verstand wacher, dadurch können Menschen die sogenannte Fight-, Flight- oder Freeze-Reaktion zeigen – auf Deutsch Kampf-, Flucht- oder Starre-Reaktion. Je nachdem, in welcher Situation sich ein Mensch befindet, wählt er die Reaktion, die ihm am sinnvollsten erscheint, um zu überleben. Personen entscheiden sich bei einem Angriff eines anderen Menschen beispielsweise dazu, zu kämpfen oder die Flucht zu ergreifen. Die Angst ist in unserer Entwicklungsgeschichte tief verwurzelt – sie stammt noch aus einer Zeit, in der Menschen vor wilden Tieren flüchteten oder sie angriffen, um ihr Überleben zu sichern.

Wie und wo entsteht Angst?

Damit Menschen in einer Gefahrensituation schnell reagieren können, ist es wichtig, dass die Verarbeitung von Reizen im Körper blitzschnell funktioniert. Stellen wir uns vor, dass eine Person einen Weberknecht, ein langbeiniges Spinnentier, sieht. Der visuelle Kortex, der sich hinten im Gehirn befindet und das Sehen ermöglicht, sendet die Informationen direkt an die Amygdala, auch Mandelkern genannt. Als Bestandteil des limbischen Systems ist die Amygdala für die emotionale Bewertung der Situation verantwortlich – sie steuert also die Angst. Die Amygdala schickt die Botschaft „Alarm“ dann an den Locus coeruleus, der sich im Hirnstamm befindet. Das kleine Kerngebiet veranlasst sofort die Adrenalinfreisetzung – es kommt zur Angstreaktion. Erst verzögert erhält der Kortex, der unter anderem für die Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen zuständig ist, die Informationen. Er tauscht sich mit dem Hippocampus aus, der die Erinnerung speichert. Der Hippocampus kann dem Kortex dann die Rückmeldung geben, dass es sich lediglich um einen Weberknecht und nicht um eine giftige Spinne handelt. Nun beruhigt der Kortex die Amygdala und die Angstreaktion lässt nach. Es gibt aber auch Vorfälle, bei denen der Körper den Kortex gar nicht erst hinzuzieht. Nämlich dann, wenn ein Mensch aus großer Angst direkt flüchtet und sich so der Situation entzieht.

„Als Bestandteil des limbischen Systems ist die Amygdala für die emotionale Bewertung der Situation verantwortlich – sie steuert also die Angst.“

Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Domschke
Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg

Entwicklung von Angst und ihr Einfluss auf die Umgebung

Ist Angst angeboren oder erlernt?

Beides! Es gibt eine genetische Grundlage für die Angst. Allerdings verleiht uns nicht ein einzelnes Gen die Fähigkeit, Angst zu empfinden. Vielmehr sind Hunderte bis Tausende Gene dafür verantwortlich. Die Angst ist allerdings nichts Starres – sie besitzt eine gute Plastizität (Formbarkeit). Da sich der Mensch zum Überleben an seine Umwelt und an die Gefahren anpassen muss, ist es sehr wichtig, dass die Angst formbar ist. Das bedeutet: Personen können Ängste erlernen und sich so vor neuen Gefahren schützen. Das Erlernen funktioniert auf zwei unterschiedlichen Wegen. Zum einen können Menschen die Angst durch Imitation erlernen – beobachtet ein Kind beispielsweise, dass die Mutter Angst davor hat, auf einen gefrorenen See zu gehen, löst der Tritt auf die eisige Fläche womöglich später auch beim Nachwuchs ein hilfreiches Angstgefühl aus. Zum anderen kann eine Konditionierung zur Angsterlernung führen, was mitunter auch unnötige Ängste hervorbringt. Bei der Konditionierung lernt ein Mensch, dass das Verhalten eine bestimmte Konsequenz hat. Streichelt eine Person mehrmals einen Hund und wird wiederholt gebissen, kann sich daraus eine konditionierte Angst entwickeln. Die Person hat nun grundsätzlich Angst vor Hunden. Durch die Imitation und Konditionierung ergeben sich verschiedene Ursachen von Angst. Grundsätzlich gilt: Menschen können in der gleichen Situation sehr unterschiedlich reagieren, auch ihr Angstempfinden kann stark voneinander abweichen.

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Hat sich die Angst beim Menschen mit der Zeit verändert?

Auf jeden Fall. Schließlich sind wir nicht immer den gleichen Gefahren ausgesetzt. Umfragen zeigen sehr deutlich, dass die Ängste der Menschen insbesondere von aktuellen Geschehnissen abhängen. Im Jahr 2015 hat beispielsweise die Flüchtlingskrise die Menschen sehr bewegt, momentan sind es wohl eher die steigenden Lebenserhaltungskosten, die Inflation und der Klimawandel. Mit Sicherheit ist es so, dass uns nicht mehr genau die gleichen Ängste beschäftigen wie vor 50 oder 100 Jahren. Allerdings spielt nicht nur das Zeitgeschehen eine Rolle, sondern auch die individuellen Lebensverhältnisse. Ein Mensch, der in einem ländlichen Gebiet in Afrika lebt, hat womöglich mehr Angst vor einer schlechten Gesundheitsversorgung als vor hohen Gasrechnungen.

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Was ist der Unterschied zwischen Angst und Angststörung?

Angst ist, wie eingangs erwähnt, etwas ganz Normales, sie kann aber auch krankhaft werden. Einen Krankheitswert hat sie dann, wenn sie zu lange andauert, zu häufig auftritt oder sie dann auftaucht, wenn gar keine Gefahr besteht. Die Angst übersteigt auch dann ein normales Maß, wenn sie zu einem Vermeidungsverhalten und damit zu Beeinträchtigungen im Alltag führt – Menschen mit einer Raumangst nutzen beispielsweise keinen Fahrstuhl. Wie eine Angst überhaupt zu einer Angststörung wird, darauf liefert das sogenannte Vulnerabilitäts-Stress-Modell eine Antwort. Das Modell besagt, dass jeder Mensch eine ganz eigene Verletzlichkeit aufweist. Menschen, die eine hohe biologische Verletzlichkeit mitbringen, überschreiten die Schwelle zur Angststörung schneller – bei ihnen können anhaltender Stress oder dramatische Ereignisse das Fass eher zum Überlaufen bringen und eine Angsterkrankung auslösen. Eine hohe biologische Verletzlichkeit kann sich beispielsweise durch eine genetische Veranlagung ergeben. Durch innere und äußere Faktoren kann zudem ein Ungleichgewicht an Botenstoffen (beispielsweise zu wenig Serotonin, zu wenig Noradrenalin) entstehen – auch das hat Einfluss auf die biologische Verletzlichkeit. Übrigens ist auch Angst und Furcht nicht dasselbe. Die Furcht ist auf ein Objekt oder eine Situation bezogen – Menschen fürchten sich also vor etwas Bestimmtem wie einer Spinne. Angst ist hingegen ungerichtet, dabei geht es eher um ein allgemeines Gefühl, das nicht konkret mit einer Situation oder einem Objekt in Verbindung steht. Daher sind Phobien wie Arachnophobie (Angst vor Spinnen) genau genommen auch Furchterkrankungen und keine Angsterkrankungen. Die generalisierte Angststörung oder die Panikstörung ist hingegen eher ungerichtet, also nicht auf ein konkretes Objekt oder eine konkrete Situation bezogen.

Eine junge Frau kurz vorm Absprung beim Bungee-Jumping.

© iStock / Sviatlana Lazarenka

Angstlust: Angst und Spaß können nah beieinanderliegen – wenn man sicher ist, dass das Abenteuer gut ausgehen wird.

Gibt es etwas Positives an Ängsten?

Ja, sogar sehr vieles. Zunächst ist Angst natürlich ein wichtiger Schutzmechanismus. Sie schärft die Sinne und macht mobil, indem sie beispielsweise den Herzschlag beschleunigt und den Blutdruck sowie die Durchblutung der Muskeln erhöht. So können Menschen der Gefahr ins Auge blicken oder flüchten. Ein mittleres Maß an Angst ist sogar hilfreich bei Prüfungen, denn es macht wachsam und ruft so eine optimale Leistungsfähigkeit hervor.

Angst kann sogar Spaß machen, sie ist sozusagen das Salz in der Suppe. Viele Menschen nutzen die Angst als Nervenkitzel. Dafür gibt es auch einen Begriff, die Angstlust. Dabei empfinden Personen Freude an der Angst, allerdings mit sicherer Gewissheit, dass die Situation gut ausgeht. Beispiele dafür sind der Besuch in einer Geisterbahn und das Bungee-Jumping. Und Angst verleiht Flügel – wenn wir uns einer (sicheren) Mutprobe stellen und sie bestehen, gewinnen wir an Selbstbewusstsein dazu.

„Ein mittleres Maß an Angst ist sogar hilfreich bei Prüfungen, denn sie macht wachsam und ruft so eine optimale Leistungsfähigkeit hervor.“

Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Domschke
Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg

Was wäre, wenn Menschen keine Angst hätten?

Wenn Menschen keine Angst verspüren würden, wäre die Welt viel grausamer. Schließlich halten uns Ängste davon ab, gewisse Dinge zu tun. Wenn jemand keine Angst hat, andere zu verletzen oder falsch zu handeln, kann das weitreichende Folgen für das Sozialleben haben. Menschen ohne Ängste brächten sich auch in große Gefahr und könnten dabei sogar versterben. Es gibt tatsächlich ein Syndrom, bei dem die Amygdala, also die Angstzentrale im Gehirn, verkalkt – Betroffene verspüren dann viel weniger Angst, was zu sozialen Beeinträchtigungen und zu einem höheren Verletzungsrisiko führt. Die Angst ist und bleibt also eine sehr wichtige Grundemotion des Menschen.

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