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Gut schlafen, besser arbeiten
Veröffentlicht am:12.11.2025
6 Minuten Lesedauer
Schlaf ist eine essenzielle Grundlage für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Wie erholsamer Schlaf gelingen kann und warum das Themenfeld für Arbeitgeber wichtig ist.

© AntonioDiaz – Adobe Stock
Ein Viertel der Bevölkerung schläft schlecht – mit Folgen für Gesundheit und Produktivität. Warum guter Schlaf Chefsache ist und wie Betriebe durch Aufklärung, Prävention und passende Arbeitsbedingungen erholsamen Schlaf fördern können, erklärt Dr. Matthias Berger im Interview.
Nehmen Schlafprobleme zu oder nehmen wir sie nur stärker wahr?

Dr. Matthias Berger: Tatsächlich sehen wir in den letzten Jahren sowohl in der klinischen Praxis als auch in epidemiologischen Studien eine Zunahme von Schlafproblemen, im Sinne eines nicht erholsamen Schlafes. Dabei spielt beides eine Rolle: Zum einen nehmen Schlafstörungen tatsächlich zu – beispielsweise durch veränderte Lebensgewohnheiten, zunehmende und anhaltende Stresssituationen, Schichtarbeit, digitale Reize. Zum anderen gibt es aber auch ein gesteigertes Bewusstsein für das Thema „gesunder Schlaf“. Leider hat diese „Medaille“ auch eine zweite Seite, denn ein überzogenes Bewusstsein kann wiederum Schlafstörungen auslösen oder verstärken.
Woran erkennt man eine Insomnie – eine krankhafte Ein- oder Durchschlafstörung?
Dr. Matthias Berger: Gelegentlich „schlecht“ zu schlafen, gehört zum Leben dazu. Entscheidend ist – nach WHO – aber die Dauer und der Leidensdruck. Von einer chronischen Insomnie, also einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung, sprechen wir dann, wenn die Ein- oder Durchschlafstörungen mindestens dreimal pro Woche auftreten, und das über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten. Zudem müssen die Schlafprobleme am nächsten Tag Auswirkungen auf das Befinden und die Leistungsfähigkeit haben – etwa in Form von Tagesschläfrigkeit, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Gereiztheit oder sogar depressiven Verstimmungen.
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Schlaf ist lebenswichtig
Gesunder Schlaf ist kein „Luxus“, sondern eine lebenswichtige Grundfunktion unseres Körpers – vergleichbar mit Atmen oder Essen. Während wir schlafen, laufen im Hintergrund essenzielle Regenerationsprozesse ab.
Körperliche Erholung
Zellen reparieren sich, das Immunsystem wird gestärkt, Hormone wie das Wachstumshormon werden ausgeschüttet. Schlafmangel schwächt direkt unsere Abwehrkräfte.
Gehirn und Gedächtnis
Im Schlaf werden Informationen verarbeitet, sortiert und im Langzeitgedächtnis gespeichert. Auch emotional belastende Ereignisse werden im REM-Schlaf „entkoppelt“. Menschen mit chronischem Schlafmangel sind oft reizbarer, ängstlicher und weniger belastbar.
Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System
Gesunder Schlaf reguliert unseren Blutzucker, unseren Blutdruck und das Hungergefühl. Schlafstörungen erhöhen das Risiko für Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und sogar Herzinfarkte.
Das Thema Schlaf nimmt im Betrieblichen Gesundheitsmanagement an Fahrt auf – wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Dr. Matthias Berger: Diese Entwicklung ist absolut zu begrüßen. Schlaf ist eine zentrale Ressource für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und seelische Stabilität – und wird im betrieblichen Kontext oft unterschätzt. Wenn Unternehmen den Schlaf ihrer Mitarbeitenden ernst nehmen, investieren sie nicht nur in weniger Krankheitstage, sondern auch in mehr Konzentration, Kreativität und langfristige Motivation. Schlaf gehört deshalb zwingend ins Betriebliche Gesundheitsmanagement.

© Markus Kümmerle, Städtisches Klinikum Karlsruhe
Sind uns die Asiaten in Sachen Power-Napping am Arbeitsplatz ein gesundes Viertelstündchen voraus?
Dr. Matthias Berger: Absolut! In vielen asiatischen Ländern ist der kurze Mittagsschlaf – das sogenannte Power-Napping – gesellschaftlich akzeptiert und wird sogar gefördert. Studien zeigen, dass ein 10- bis 20-minütiges Nickerchen die Konzentration, Reaktionszeit und Stimmung deutlich verbessern kann. In westlichen Kulturen wird das leider noch oft mit Faulheit verwechselt.
Wie lässt sich gegensteuern, wenn einem am Arbeitsplatz die Schläfrigkeit übermannt?
Dr. Matthias Berger: Kurzfristig helfen Strategien wie ein Power-Napping, ein Spaziergang an der frischen Luft, kaltes Wasser über den Handgelenken oder auch ein „caffé doppio“. Sogar Kaugummi-Kauen kann kurzfristig die Aufmerksamkeit steigern. Aber das sind eher Notlösungen. Wenn die Schläfrigkeit regelmäßig auftritt, sollte man der Ursache auf den Grund gehen.
Gerade bei Stress im Job dreht sich das Gedankenkarussell nachts weiter. Wie lässt es sich effektiv stoppen?
Dr. Matthias Berger: Angst, Scham, Unsicherheit, Unruhe, Wut, Zorn, Schuld – all das sind der Tod des Schlafes! Der Körper liegt im Bett, doch das Gehirn bleibt im „Arbeitsmodus“. Um das zu unterbrechen, ist es wichtig, bereits am Tag einen bewussten Abstand zu den „Mördern“ des Schlafes zu schaffen. Sogenannte schlafhygienische Maßnahmen können helfen, die Voraussetzungen für den Schlaf zu verbessern.
Helfen kann auch eine To-do-Liste – indem man vor dem Zubettgehen schriftlich notiert, was einen beschäftigt und was man wie lösen will oder schon gelöst hat. Wird die Drucksituation zu stark, kann professionelle therapeutische Begleitung helfen.
Stichwort Schichtarbeit: Wie lässt sich diese Herausforderung meistern?
Dr. Matthias Berger: Schichtarbeit ist eine große Herausforderung für die „innere Uhr“ des Menschen, die uns in der Nacht schlafen und am Tag wach bleiben lässt, und das ganze Organsystem des Menschen, das diesem Rhythmus unterliegt. Wichtig ist daher eine gute Schichtplanung mit möglichst vorhersehbarer und ausreichender Erholungszeit dazwischen und idealerweise in vorwärts rotierenden Schichten (Früh-Spät-Nacht statt umgekehrt).
Individuelle Unterschiede – etwa ob jemand eher ein „Lerchen-“ (Früh-) oder ein „Eulen-“ (Spät-)Typ ist – sollten dabei berücksichtigt werden. Arbeitgeber können unterstützen, indem sie Ruheräume zur Verfügung stellen, Schlaf- und Lichtschutz am Arbeitsplatz ermöglichen und die Mitarbeitenden über schlaf-hygienische Maßnahmen und die Bedeutung von Regeneration informieren. Auch die Sensibilisierung für gesunde Ernährung und Koffeinverzicht in den späten Stunden ist hilfreich. In manchen Fällen kann ein gezielter Lichteinsatz sinnvoll sein, um die innere Uhr zu „steuern“ bzw. wieder zu stabilisieren.
Fester Rhythmus
Fester Aufsteh- und Zubettgeh-Rhythmus: Unser Körper liebt Regelmäßigkeit.
Abendrituale
Ruhige Aktivitäten wie Lesen, Musik hören, eine Tasse Kräutertee (zum Beispiel Baldrian, Lavendel, Melisse) oder ein Glas warme Milch mit Honig können beruhigend wirken.
Bildschirmfreie Zeit
Mindestens eine Stunde vor dem Schlaf auf Smartphone, Tablet und Fern-sehen verzichten – nicht nur wegen des Blaulichts, sondern auch wegen der Reize an sich.
Koffein und Alkohol
Verzicht auf koffeinhaltige Getränke, auch schon am Nachmittag, schweres Essen und Alkohol am Abend.
Zur Ruhe kommen
Nur schlafbereit (nicht „nur“, weil man müde ist) ins Bett gehen: Wer nach 20-30 Minuten nicht einschlafen kann, sollte kurz aufstehen, etwas Ruhiges tun und es dann erneut versuchen. Das Bett soll mit Schlaf assoziiert sein, nicht mit Grübeln.
Entspannungsverfahren ausprobieren
Techniken wie progressive Muskelentspannung, Meditation oder Atemübungen können helfen, den Tag loszulassen und innerliche Ruhe zu bekommen.
Optimale Schlafumgebung
Das Schlafzimmer sollte dunkel, ruhig und wohltemperiert sein (17-19 °C). Auch eine passende Matratze und wenig Lärm sind wichtige Faktoren.
BGF mit der AOK
Betriebliche Gesundheitsförderung: Strukturanalyse, Gesundheitschecks, Gesundheitstage: Die AOK unterstützt Arbeitgeber mit BGF-Angeboten und hilft ihnen, die Gesundheit der Mitarbeitenden zu verbessern.




