Psychische Gesundheit
Gutes Miteinander im Job hilft gegen Einsamkeit
Veröffentlicht am:15.08.2025
5 Minuten Lesedauer
Der Arbeitsplatz ist ein bedeutender Ort des Miteinanders. Das dort erlebte Gemeinschaftsgefühl ist wichtig für ein Unternehmen und seine Beschäftigten. Eine offene Unternehmenskultur, kooperative Führung und gezielte Maßnahmen können ein Arbeitsumfeld schaffen, das dem Gefühl von Einsamkeit vorbeugt und den Zusammenhalt im Team stärkt.

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Miteinander am Arbeitsplatz
Eine wachsende Zahl von Singlehaushalten, Isolation in der Coronazeit und mehr Online-Kontakte statt echten Begegnungen zeigen ein verbreitetes gesellschaftliches Phänomen: Einsamkeit.
Auch am Arbeitsplatz kann dieses Gefühl entstehen, zum Beispiel durch veränderte Arbeitsmodelle oder fehlende zwischenmenschliche Kontakte.
Zugleich bietet der Arbeitsplatz aber auch die Möglichkeit, Vereinsamungsgefühlen etwas entgegenzusetzen: dank der im Job erlebten Gemeinschaft, guter Kommunikations- und Austauschmöglichkeiten und einer wertschätzenden Team- und Führungskultur.
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„Gerade durch die Corona-Pandemie haben viele Menschen erfahren, was Einsamkeit wirklich bedeutet. Und das betrifft nun mal eben nicht nur das Privatleben“, erklärt Dr. Marlen Rahnfeld, Diplom-Psychologin und Referentin im Referat „Analysen, Umfragen und Evaluationen“ des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG).
Was dabei laut Rahnfeld häufig übersehen wird: Der Arbeitsplatz ist kein Ersatz für fehlende private Kontakte. Aber er kann ein Ausgleich sein. „Der Job ist eine wichtige Ressource, wenn ich mich im Team und am Arbeitsplatz wohlfühle. Dieser positive Einfluss entfaltet sich umso mehr, wenn die Unternehmenskultur echte Begegnung und Gemeinschaft ermöglicht.“
Typische Situationen mit wenig Gemeinschaft
Arbeitssituationen, in denen Einsamkeit verstärkt auftreten kann:
- Berufliche Isolation: Außendienst, Nachtdienst oder Tätigkeiten, die hauptsächlich allein ausgeführt werden, wie etwa im Handwerk.
- Homeoffice und Remote-Arbeit: Wer aus dem Homeoffice arbeitet, verliert häufig den sozialen Austausch, der in einem Büroalltag selbstverständlich ist.
- Teambasiertes Arbeiten ohne echte Interaktion: Wenn zwischen den Mitarbeitenden nur ein oberflächlicher Austausch stattfindet.
Verstehen, was Einsamkeit ist
Trotz zahlreicher zwischenmenschlicher Kontakte können Menschen sich auch bei der Arbeit einsam fühlen. „Leider wird das Gefühl der Einsamkeit oft mit Alleinsein gleichgesetzt“, so Rahnfeld.
„Doch das ist eine weit verbreitete falsche Vorstellung. Denn Einsamkeit hat nicht nur mit der Anzahl der Kontakte zu tun, sondern vor allem mit der Qualität dieser Kontakte. Das bedeutet: Wer trotz vieler Kontakte mit niemandem über das, was einen bewegt, sprechen kann, kann sich genauso einsam fühlen wie jemand, der einfach nur allein ist.“
„Einsamkeit hat nicht nur mit der Anzahl der Kontakte zu tun, sondern vor allem mit der Qualität dieser Kontakte. Wer trotz vieler Kontakte mit niemandem über das, was einen bewegt, sprechen kann, kann sich genauso einsam fühlen wie jemand, der einfach nur allein ist.“
Dr. Marlen Rahnfeld
Diplom-Psychologin
Gemeinschaft als Schlüssel
Mit einem starken Gemeinschaftsgefühl lässt sich aktiv vorbeugen. „Arbeitgeber können viel tun, um ihre Mitarbeitenden zu unterstützen und eine Kultur des Miteinanders zu etablieren. Führungskräfte haben im Idealfall eine offene Tür – nicht nur im w örtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne“, erläutert Rahnfeld.
„Regelmäßiges Feedback und gemeinsam erarbeitete Entscheidungsprozesse können das Zugehörigkeitsgefühl stärken. Führung bedeutet in diesem Fall, eine Kultur zu schaffen, in der Beschäftigte sich gesehen fühlen.“
Regelmäßige Treffen und Events
- Teammeetings und Workshops: Regelmäßiger aufgabenbezogener Austausch im Team stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und fördert die Zusammenarbeit.
- Teamevents und Challenges: Gemeinsame Projekte, Sport- und Gesundheitsangebote oder soziale Herausforderungen stärken den Zusammenhalt und fördern das Vertrauen.
- Eine „Dank“-Stelle einrichten: Kolleginnen und Kollegen, aber auch Führungskräfte können vorbereitete Karten beschreiben, einwerfen und so einander danken. In regelmäßigen Abständen werden die Karten in großer Runde vorgelesen.
Gemeinschaftsgefühl virtuell fördern
- Online-Kaffeepausen und digitale Teamevents: Auch virtuell kann das Gemeinschaftsgefühl durch regelmäßige, informelle Treffen gefördert werden.
- Virtuelle Projektarbeit: Projekte, die über digitale Plattformen gemeinsam bearbeitet werden, stärken den Teamgeist und ermöglichen den Austausch.
- Kontakt halten: Als Führungskraft auch mit Remote-Mitarbeitenden Fürsorgegespräche führen.
Besondere Beschäftigtengruppen
- Junge und neue Mitarbeitende: Mentoring-Programme oder regelmäßige Check-ins können helfen, das Gemeinschaftsgefühl schon in der Anfangsphase zu stärken.
- Beschäftigte vor/nach Renteneintritt: Diese Phasen sind oft mit Unsicherheit und Isolation verbunden. Gezielte Maßnahmen wie flexible Arbeitsmodelle oder soziale Integration können unterstützen.
- Interne Stellenwechsel: Beschäftigte gut ins neue Team integrieren, zum Beispiel mit aufgabenbezogenem Informationsaustausch, Events und offener Kommunikation über das im Team übliche Miteinander.
Übergreifende Maßnahmen
- Sensibilisierung schaffen: Workshops oder Schulungen durchführen, um ein Bewusstsein für die Thematik zu wecken.
- Vertrauen ermöglichen: Eine Unternehmenskultur fördern, in der sich Mitarbeitende sicher fühlen, Gefühle und Herausforderungen anzusprechen.
- Prävention ernst nehmen: Das Thema bei der psychischen Belastung im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen und kontinuierlich die sozialen Beziehungen und das Miteinander im Team im Blick haben.

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Gesundheitliche Folgen
„Einsamkeit ist unsichtbar. Bleibt sie unbemerkt, kann sie umso weitreichendere wirtschaftliche Folgen für Unternehmen haben“, gibt Marlen Rahnfeld zu bedenken. Einsame Beschäftigte sind häufiger krank, weniger produktiv und neigen zu Jobwechsel.
Vor allem die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit werden laut Rahnfeld unterschätzt:
- Einsamkeit ist ein Risikofaktor für Depressionen sowie Angststörungen und Demenz.
- Einsamkeit führt zu einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle oder einer höheren Anfälligkeit für Viruserkrankungen.
- In der Forschung wird Einsamkeit mit einer geringeren Lebenserwartung in Verbindung gebracht.
- Studien zeigen, dass dauerhaft erlebte Einsamkeit schädlicher ist als das Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag.
Einsamkeit ist ansteckend
Ein für Arbeitgeber wichtiges, bislang wenig bekanntes Phänomen ist der Ansteckungseffekt von Einsamkeit. Rahnfeld: „Studien zeigen, dass das Einsamkeitsgefühl schleichend von einer Person auf das gesamte Team übergreifen kann, ähnlich wie bei Suchtverhalten. Das bedeutet, dass eine einsame Person unbewusst auch ihre Kolleginnen und Kollegen beeinflussen kann, was das allgemeine Betriebsklima negativ verändert.“
All dies kann zu einem Teufelskreis führen. Wichtig für Arbeitgeber und Führungskräfte ist darum, die Zusammenhänge zu kennen und aktiv zu werden.
Ein gutes, gemeinschaftliches Arbeitsumfeld hat weitere positive Effekte. Marlen Rahnfeld: „Mitarbeitende, die sich unterstützt und wertgeschätzt fühlen, sind motivierter und engagierter. Sie arbeiten besser zusammen und zeigen mehr Eigeninitiative. Ein gesundes Arbeitsumfeld fördert das Vertrauen und den Austausch, was sich direkt auf Produktivität, Teamklima und damit auch auf die Beschäftigtenbindung auswirken kann.“
„Mitarbeitende, die sich unterstützt und wertgeschätzt fühlen, sind motivierter und engagierter. Sie arbeiten besser zusammen und zeigen mehr Eigeninitiative.“
Dr. Marlen Rahnfeld
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