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Eltern

Neuanfang nach Trennung: So gelingt Eltern der Start ins neue Leben

Veröffentlicht am:13.12.2023

8 Minuten Lesedauer

Aktualisiert am: 25.04.2024

Eine Trennung ist für Eltern und Kind eine einschneidende Situation, die für tiefe Verunsicherung sorgen kann. Wenn Eltern sich gemeinsam um eine Lösung bemühen, die dem Kind Sicherheit vermittelt, kann der Neuanfang gelingen.

Ein Vater und eine Mutter besprechen eine Trennung mit ihren Kindern.

© iStock / Wavebreakmedia

Porträt von Dr. Tobias Engelschalk

© Fotografie Weiss

Dr. Tobias Engelschalk ist Diplom-Psychologe und Leiter der Augsburger Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF), einem anerkannten Fachverband der Caritas. Im Interview erklärt er, wie Eltern im Falle einer Trennung diese emotionale Ausnahmesituation meistern können, damit ein Neuanfang gelingt.

Der Anfang: Wie Sie die Trennung bei den Kindern ansprechen können

Was können Eltern bedenken, bevor sie ihren Kindern von der Trennung erzählen?

Eltern sollten bedenken, dass ihre Kinder oft schon ahnen, dass sich eine Trennung anbahnt. Wenn es dann endlich angesprochen wird, ist es für sie häufig eine Erleichterung und eine wichtige Bestätigung ihrer Wahrnehmung. Daher sollten die Kinder möglichst früh ins Boot geholt werden, wenn die Trennung für die Eltern feststeht. Vor dem Gespräch überlegen sich die Eltern am besten, was sich aus Sicht des Kindes nicht ändern wird. Was bleibt in der Welt des Kindes stabil? Das ist zum Beispiel das Zimmer mit den Spielsachen und dem Teddybären. Dazu gehören aber auch die Beziehungen. Kann das Kind noch beide Elternteile umarmen? Es gibt diesen Spruch, dass Eltern immer Eltern bleiben. Sie sollten dem Kind erklären, was das genau bedeutet: Papa und Mama sind kein Paar mehr, aber als Eltern werden sie immer für das Kind da sein.

Wie sagen Eltern ihren Kindern am besten, dass sie sich trennen?

Zunächst sollten die Eltern einen guten Zeitpunkt für das Gespräch wählen. Das heißt zum Beispiel, dass sie nicht direkt vor dem Zubettgehen mit dem Kind über die Trennung sprechen. Besser wäre es am frühen Nachmittag, wenn kein Stress herrscht und anschließend noch Zeit ist. Manches Kind sagt womöglich nach der Nachricht, das habe es sich schon gedacht, und spielt erst einmal weiter. Dann ist es gut, später Zeit zu haben, um das Gespräch nochmal aufzugreifen oder das Kind aufzufangen. Ich halte es für wichtig, dass beide Elternteile zusammen das Gespräch führen. Das ist für das Kind ein entscheidendes Signal, dass beide Eltern da sind. Die Eltern können zum Beispiel erklären, dass es gelegentlich passiert, dass Liebespaare wieder auseinandergehen. Hier kann es hilfreich sein, auf Familien zu verweisen, bei denen auch eine gelungene Trennung stattgefunden hat. Wichtig ist es, dem Kind zu erklären und zu signalisieren, dass es keine Schuld an der Trennung hat.

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Wie erklären Eltern einem Kind, was sich durch die Trennung verändern wird?

Um zu erklären, wie das Leben künftig weitergeht, können die Eltern im Gespräch Bilder als Hilfsmittel verwenden. Dies kann dem Kind dabei helfen, sich die neue Situation vorzustellen und den Neuanfang nach einer Trennung erleichtern. Je nach Alter des Kindes kann es nämlich schwierig sein, so etwas mit Worten zu beschreiben. Die Kinder müssen es sich vorstellen können. Wenn zum Beispiel der Papa wegzieht und das Kind ihn in der neuen Wohnung besuchen wird, kann ein gemaltes Bild helfen, den Weg dorthin zu erklären. Oder man bastelt Figuren aus Kastanien, um sichtbar zu machen, dass das Kind von einem Elternteil zum anderen wechseln kann. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Ermutigen Sie Ihr Kind, Fragen zu stellen!

Vielen Eltern ist das Gespräch mit den Kindern unangenehm, sie wollen es schnell hinter sich bringen. Kinder hingegen müssen erst einmal verarbeiten, dass ihre ganze Welt plötzlich anders aussieht. Das gelingt ihnen nur, wenn sie die Eltern als Ansprechperson haben, denen sie ihre Fragen zur Trennung stellen können und auch dürfen. Das nimmt ihnen die Verunsicherung. Wenn die Eltern auf manche Fragen noch keine konkreten Antworten geben können, sollten sie das in dem Moment auch zugeben. Wichtig ist, dass Mama und Papa keine Versprechungen machen, die sie am Ende nicht einhalten können.

„Wichtig ist es, dem Kind zu erklären und zu signalisieren, dass es keine Schuld an der Trennung hat.“

Dr. Tobias Engelschalk
Diplom-Psychologe

Worauf Eltern beim Neustart nach der Trennung achten sollten

Wie stark sollten die Kinder in den Ablauf der Trennung eingebunden werden?

Im Grunde gilt hier – so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. So viel wie nötig, weil bei der Trennung das Thema Sicherheit eine entscheidende Rolle spielt. Das Problem für die Kinder ist nicht allein, dass sich die Eltern trennen, sondern dass sie sich nicht mehr sicher fühlen. Wer sich nicht sicher fühlt, braucht Informationen. Mit den Informationen kehrt zumindest ein wenig das Gefühl zurück, die Lage im Griff zu haben. Daher sollten sich Eltern je nach Alter des Kindes überlegen, welches Mitwirken und welche Informationen für das Kind wichtig sind, um in der Trennungssituation ein Gefühl der Sicherheit zu erhalten.

So können die Eltern zum Beispiel das Kind informieren, wenn der Mietvertrag für eine neue Wohnung unterschrieben ist. Das ist eine interessante Information, die ein bisschen Struktur bietet: Da wird es irgendwann eine neue Wohnung geben. Gleichzeitig sollte ein Kind so wenig wie möglich eingebunden werden, insbesondere wenn es um die Konflikte in der Trennung geht. Das sind Informationen, die für das Kind nicht zur Sicherheit beitragen, sondern es zusätzlich belasten.

Wie erkennen Eltern, wie das Kind die Trennung verkraftet?

Die Eltern müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Trennung für Kinder eine echte Erschütterung und eine Verunsicherung ist. Eltern sollten daher auf Belastungszeichen achten. Manche Kinder reagieren emotional, sie sind wütend oder verärgert. Bei anderen Kindern können es psychosomatische Anzeichen sein, zum Beispiel Bauchschmerzen oder Verschlossenheit. Wieder andere bekommen Schwierigkeiten in der Schule. So reagiert jedes Kind unterschiedlich auf die Verunsicherung in dieser Situation.

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Wie lassen sich Verunsicherung und Belastung der Kinder verringern?

Zunächst müssen Eltern sich bemühen, trotz der Trennungssituation nicht die Bindung zum Kind zu verlieren. Diese Verbundenheit gibt dem Kind das Gefühl, nicht allein zu sein und dass die Eltern mitbekommen, wie es dem Kind geht. Eltern, die sehr zerstritten sind, stehen womöglich so unter Stress, dass die Verbundenheit zum Kind verloren geht. Dann müssen sich die Eltern um ihr Stressmanagement kümmern und Selbstfürsorge treffen.

Wenn Eltern feststellen, dass sie im Moment keine guten Ansprechpartner für ihr Kind sind, sollten sie für Ersatz sorgen. Das können Freunde oder Familienmitglieder sein, aber zum Beispiel auch Gruppen für Trennungs- und Scheidungskinder in Beratungsstellen. Um Verunsicherung zu vermeiden, sollten Eltern unbedingt ihren Konflikt untereinander aus der Beziehung mit dem Kind heraushalten und respektvoll miteinander umgehen. Sie können mit einer guten gemeinsamen Absprache für klare Strukturen und Verlässlichkeit im Alltag des Kindes sorgen.

Und schließlich sollten Eltern ihr Kind in seinen Gefühlen unterstützen. Das nennt sich Emotionscoaching. Äußert ein Kind zum Beispiel, dass es verunsichert oder wütend ist, sollten Eltern nicht über dieses Gefühl hinweggehen. Stattdessen ist es hilfreich, sich für das Gefühl zu interessieren, es sich beispielsweise vom Kind beschreiben zu lassen und gemeinsam eine Lösung zu finden, um das Gefühl besser aushalten zu können oder es abzumildern.

Zwei Frauen sprechen mit ihrer Tochter im Wohnzimmer auf der Couch.

© iStock / FG Trade

Reagiert ein Kind mit Verunsicherung oder Wut, sollten Eltern einfühlsam darauf eingehen und versuchen, gemeinsam mit dem Kind eine Lösung zu finden.

Sollte ein möglicher neuer Partner oder eine Partnerin einbezogen werden?

Wenn Vater oder Mutter einen neuen Partner oder eine neue Partnerin haben, sollte er oder sie mit einbezogen werden – aber nur wenn sich abzeichnet, dass es eine dauerhafte Beziehung ist. Ein neuer Partner oder eine Partnerin bedeuten für alle Beteiligten eine neue Herausforderung, die manchmal auch den Konflikt der Eltern wieder in den Vordergrund rücken kann. Außerdem hängt es viel vom Kind ab, ab wann ein neuer Partner oder eine Partnerin in die Familie integriert werden sollte: Manche Kinder gehen sehr cool mit einer solchen Situation um und freuen sich über eine neue Bezugsperson, andere hingegen reagieren verunsichert.

Daher müssen die Eltern abwägen, wann ein guter Zeitpunkt ist, um die neue Person einzuführen. Bevor Vater oder Mutter diesen Schritt gehen, sollten sie sich auch mit dem neuen Partner oder der Partnerin über dessen Rolle verständigen: Beginnt er oder sie damit, sich in die Beziehung mit dem Kind einzumischen? Dazu sollten klare Regeln vereinbart werden, damit das Kind nicht durch die neue Person in der Familie durcheinanderkommt. Das würde wieder für Verunsicherung sorgen.

Für einen guten Neuanfang nach einer Trennung müssen Eltern miteinander kommunizieren

Was tun, wenn ein Elternteil jegliche Kommunikation oder Zusammenarbeit verweigert?

Das ist eine sehr schwierige Situation, die vermieden werden sollte. Denn solange Eltern gut miteinander kommunizieren, bekommen sie auch ihre Trennung und einen Neuanfang gut geregelt. Außerdem sind beide Elternteile verpflichtet, für ihr Kind da zu sein. Dazu gehört auch, sich mit dem getrennten Elternteil im Sinne des Kindes auseinanderzusetzen. Wenn sie sich trennen, müssen sie gemeinsam eine Lösung suchen, sodass das Kind nicht unter der Trennung leidet. Das ist übrigens auch eine rechtliche Pflicht. Daher verbietet es sich schlicht und einfach, nicht zu kommunizieren. Wenn es aber doch passiert, dass ein Elternteil die Zusammenarbeit verweigert, empfehle ich schnellstmöglich eine professionelle Beratung.

„Solange Eltern gut miteinander kommunizieren, bekommen sie auch ihre Trennung gut geregelt.“

Dr. Tobias Engelschalk
Diplom-Psychologe

Wie läuft eine professionelle Beratung bei einer Trennung ab?

Häufig kommen die Eltern zunächst einzeln in die Beratung, im Idealfall kommt es dann bald zu gemeinsamen Gesprächen. Oft erhalten streitende Eltern auch von einem Gericht den Auftrag, im Rahmen einer Beratung ihr Kommunikationsverhalten zu hinterfragen. Die Beratung beginnt in der Regel mit zwei Terminen, bei denen die Mutter und der Vater allein erscheinen, damit sich der Berater oder die Beraterin ein Bild von der Situation machen kann. Der Berater oder die Beraterin ergreift nicht Partei für eine der beiden Seiten, sondern nimmt eine neutrale Sichtweise ein.

Es geht nicht darum, ob einer von beiden recht hat oder recht bekommt – es geht allein um das Wohl des Kindes. Im nächsten Schritt setzen sich idealerweise beide Elternteile zusammen, um mit dem Berater oder der Beraterin einvernehmliche Lösungen zu finden, die für das Kind optimal sind. Im besten Fall verlassen die Eltern die Beratung mit einer gemeinsamen Vision von einem Neuanfang. Etwa, wie sich die Situation in drei Jahren darstellen könnte. So ein Ausblick ist sehr hilfreich, um die konfliktreiche Vergangenheit hinter sich zu lassen und die Energie wieder auf das Kind zu richten.

Wo können Eltern Beratungsangebote bekommen?

In Deutschland gibt es insgesamt über 1000 Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstellen, die Eltern, aber auch Kindern und Jugendlichen kostenlos und streng vertraulich helfen. Sie werden zum Beispiel von Arbeiterwohlfahrt, Caritasverband oder Diakonischem Werk, aber auch von kommunalen Trägern angeboten. Mit der KJF Augsburg helfen wir zum Beispiel an über 25 Orten in Schwaben, im Allgäu und im Bayerischen Oberland unkompliziert und kostenfrei.

Solche Angebote gibt es in ganz Deutschland. Wenn bei einer Trennung minderjährige Kinder betroffen sind, beraten auch die zuständigen Jugendämter. Eine Beratungsstelle in der Nähe lässt sich über den „Beratungsführer online“ der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung finden. Außerdem gibt es Online-Beratungsangebote, zum Beispiel von der Caritas oder dem Berufsverband der Erziehungsberatungsstellen.

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