Liebe & Sex
Beziehungsphasen
Liebesfilme enden meist mit einem Happy-End: fortan lebt man glücklich und konfliktfrei auf Wolke sieben. Im richtigen Leben entpuppt sich die Liebe allerdings eher als ein Prozess mit eigener Dynamik.
Alle unsere Liebesbeziehungen, egal ob zu Eltern, Partnern oder Kindern, entwickeln sich in Phasen. Wie die Jahreszeiten in der Natur hat jede der Beziehungsphasen ihre eigenen Merkmale und ihren eigenen Sinn. Diese Phasen zeigen sich im Großen wie im Kleinen und gehen mal plötzlich, mal fließend ineinander über. Insgesamt verläuft die Entwicklung der Liebe spiralförmig. Das heißt, man kommt scheinbar immer wieder an den gleichen Punkt, aber jeweils auf einer höheren Stufe, mit etwas tiefer gehenden Problemen und Lösungen. Nichts fordert uns so sehr heraus, uns persönlich weiterzuentwickeln, und nichts hilft uns dabei so sehr wie eine enge Beziehung.
Die Romantik-Phase
Wenn wir verliebt sind, idealisieren wir unseren Partner und uns selbst. Wir nehmen an dem anderen vor allem seine Potenziale wahr und wachsen gleichzeitig über uns selbst hinaus. Romantische Gefühle sind der Treibstoff einer Beziehung. Sie zeigen uns, was wir voneinander erhoffen. Gleichzeitig ermöglichen sie uns, die Beziehung auch gegen Widerstände in Gang zu bringen und am Laufen zu halten. Immer, wenn wir einen Konflikt gelöst und den entsprechenden Entwicklungsschritt vollzogen haben, werden wir dafür mit einer romantischen Phase belohnt.
Die Machtkampf-Phase
Wenn uns der Unterschied zu anderen bewusst wird, empfinden wir meist Enttäuschung, Wut und Ablehnung. Oft nehmen wir die Fehler des anderen wie durch eine Lupe wahr und "balancieren" sie durch das entgegengesetzte Extrem. So wird einer der Partner vielleicht immer kontrollierender und der andere immer nachlässiger, einer immer bedürftiger und der andere immer distanzierter, einer immer positiver und der andere immer negativer. Aus Angst zu kurz zu kommen, schwächen wir den vermeintlichen Gegner (und uns selbst) durch Machtkämpfe. Dabei sehen und bekämpfen wir am Partner vor allem die Schwächen, die wir an uns selbst nicht erkennen oder annehmen können. Scheinbar unvereinbare Gegensätze sind nichts weiter als die zwei Seiten derselben Medaille, die einander ergänzen und vervollständigen. Beide Pole haben im richtigen Maß ihre Vorteile und im Extrem ihre Nachteile. Beide sind gleich wichtig, zum Beispiel Sicherheit und Freiheit, Vorsicht und Vertrauen, Probleme analysieren und Probleme lösen. Wenn beide Partner erkennen, dass sie einerseits selbst für ihr Glück verantwortlich und andererseits "Entwicklungshelfer" füreinander sind, werden Machtkämpfe überflüssig.
Die Erstarrungs-Phase
In dieser Phase scheint die Beziehung am Ende. Man hat sich müde gekämpft, auseinander gelebt, mit seinen Rollen abgefunden oder glaubt, den anderen in und auswendig zu kennen. Das lähmende Gefühl der Enge wird oft durch Überaktivität im beruflichen oder gesellschaftlichen Leben kompensiert. Manche versuchen vielleicht, durch Hochzeit, Schwangerschaft, Krankheit oder einen Seitensprung die erneute Zuwendung des Partners zu erzwingen. Andere haben sich jahrelang aufgeopfert und fühlen sich nun zu erschöpft für irgendeinen ersten Schritt. Vielleicht sehen sie sich in einer Beziehungsfalle, die sie an eine ausweglose Situation in ihrer Kindheit erinnert.
Echte, tiefe Nähe lässt sich nicht mit äußeren "Maßnahmen" herstellen. Wir müssen selbst die volle Verantwortung für den derzeitigen Stand unserer Beziehung übernehmen, in dem Wissen, dass zwischen Partnern eine Wechselwirkung besteht. Wer dicht macht, schürt bei beiden die Angst vor einer Trennung. Wer sich öffnet, macht sich verletzlich, aber er zeigt dem anderen auch, dass ihm an der Beziehung liegt. Nur wenn wir eigenverantwortlich liebevoll auf den anderen zugehen, entsteht ein Freiraum, in dem jeder wieder lebendig und für den anderen spannend werden kann.
Die Förder-Phase
Wer Beziehungskonflikte nicht vermeidet, sondern an ihnen und durch sie wächst, wird zunehmend Geborgenheit, Sicherheit und inneren Frieden genießen können. Die Partner begegnen sich auf Augenhöhe und schätzen einander als Entwicklungshelfer. Langweilig wird ihnen dabei nicht: Es macht ihnen Spaß, sich gegenseitig bei der Entfaltung verborgener Potenziale zu unterstützen. Wenn auch in dieser Beziehungsphase Konflikte auftauchen, ist das kein Anzeichen für einen Rückfall, sondern für eine gesunde Entwicklung der Beziehung. Im Schutzraum der Förder-Phase können auch ganz tiefe Verletzungen an die Oberfläche kommen und geheilt werden. Je größer die Konflikte sind, desto größer sind die Chancen, dass sich mit ihrer Lösung auch die Liebesbeziehung vertieft.
Weiterführende Infos
-
"Von ganzem Herzen lieben" von Chuck Spezzano, Integral Verlag, 2000, EUR 18,95
- "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest" von Eva-Maria Zurhorst, Goldmann, 2004, EUR 18,90

