Essstörungen
Was bei Kindern und Jugendlichen häufig mit einer harmlosen Diät beginnt, endet nicht selten in einer ernsthaften Erkrankung – einer Essstörung. Essstörungen sind schwerwiegende psychosomatische Krankheiten mit Suchtcharakter. Klassische Formen sind die Magersucht (Anorexie) und die Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Beide treten auch als Mischformen auf. Die Übergänge des gestörten Essverhaltens sind häufig fließend. Des Weiteren zählt die Ess-Sucht, auch als Binge Eating Disorder bezeichnet, zu den Essstörungen. In den letzten Jahren wird auch über das Krankheitsbild der Orthorexie berichtet, bei der sich die Betroffenen zwanghaft gesund ernähren. In wieweit es sich hierbei ebenfalls um eine Essstörung handelt, ist noch unklar.
Rund fünf Millionen Frauen und Männer in Deutschland leiden unter einer Essstörung. Mehr als 20 Prozent der Schüler im Alter zwischen 14 und 18 Jahren haben bereits ein gestörtes Essverhalten, der Vorstufe von Essstörungen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Jena eines Wissenschaftler-Teams um Prof. Bernhard Strauß aus dem Jahre 2002. Bislang galten Magersucht und Bulimie als vorwiegend weibliche Krankheit. Experten schätzen jedoch, dass mittlerweile jeder zehnte Essgestörte in der Risikogruppe der zehn- bis 25-Jährigen männlich ist.
Schönheitsideale erzeugen sozialen Druck
Die Ursachen für Essstörungen sind vielfältig und komplex. In jedem Fall sind sie Ausdruck seelischer Konflikte, ausgelöst durch verschiedene Faktoren wie Schönheitsideale in Werbung und Medien, das Elternhaus oder Gleichaltrige. Der soziale Druck, dünn sein zu müssen, ist groß. Übergewicht wird besonders bei Frauen gesellschaftlich als negativ bewertet. Übergewichtige Männer werden als stattlich bezeichnet, Frauen als fett. Die Medien suggerieren, nur wer schlank und dünn ist, ist auch erfolgreich und beliebt, weiß Andrea Messmann, Ernährungswissenschaftlerin bei ANAD. e. V., einer Beratungsstelle für Essstörungen.
Umfragen zufolge möchte die Hälfte der erwachsenen Deutschen gern schlanker sein: Vier von zehn haben schon einmal eine Diät gemacht, jede dritte Frau sogar mehrere. Rund 70 Prozent der Frauen findet ein Gewicht unterhalb des Normalgewichts am attraktivsten. Zunehmend sind auch jüngere Schüler betroffen: Wie eine Studie am Therapiezentrum für Essstörungen (TCE) München zeigt, hat rund ein Drittel der Jungen und Mädchen zwischen neun und 13 Jahren schon die ersten Abnehmversuche hinter sich. Diäten können eine Art Einstiegsdroge und Vorläufer für gestörtes Essverhalten oder eine Essstörung sein. Allerdings führen sie nur selten dauerhaft zum gewünschten Körpergewicht.
Eltern sind Vorbilder
Forscher fanden heraus, dass Familienmitglieder Ähnlichkeiten in der Einstellung zu Nahrungsmitteln entwickeln. Kinder schauen ihren Eltern kontrolliertes Essen genauso ab, wie Diäten, Essen aus Langeweile, Frust oder die Überzeugung, dass sich die Lebensqualität durch einen schlanken Körper verbessert, so Andrea Messmann. Kinder begreifen bereits mit acht Jahren, dass Übergewicht unerwünscht ist. Schon fünfjährige Mädchen werden davon beeinflusst, wenn die Mutter Schlankheitskuren macht oder unter einer Essstörung leidet.
Störungen des Essverhaltens sind häufig auch eine Reaktion auf gesellschaftlichen oder familiären Leistungsdruck. Viele Magersüchtige kommen aus so genannten Bilderbuchfamilien. Ihnen bietet die Kontrolle über ihren Körper eine Möglichkeit zum Protest und zur Selbstbestimmung. Bulimie hingegen tritt häufiger bei Kindern aus chaotischen Familienverhältnissen auf, in denen Emotionen oft unkontrolliert sind und viel gestritten wird, so die Ernährungswissenschaftlerin. Mediziner gehen davon aus, dass Essstörungen auch in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch stehen können.
Männer streben zwanghaft nach muskulösem Körper
Dass zunehmend auch das männliche Geschlecht Essstörungen entwickelt, liegt möglicherweise daran, dass Jungs sich in der Pubertät oft zu schwächlich vorkommen. Der Wunsch nach Muskeln und Waschbrettbauch, dem so genannten Adonis-Komplex, führt häufig zu exzessivem Sporttreiben, Hungern, der Einnahme von Entwässerungsmitteln und Steroiden. Durch die Emanzipation der Frau sind auch die Geschlechterrollen heute nicht mehr so eindeutig wie früher. Das verunsichert häufig gerade junge Männer. Hinzu kommt der zunehmende Leistungsdruck in Beruf und Gesellschaft.
Essstörungen bei Männern bleiben häufig unerkannt. Oft gestehen sie sich selbst nicht ein, an einer weiblichen Krankheit zu leiden. Zudem ziehen Ärzte die Diagnose Essstörung weniger schnell in Erwägung als bei Frauen.
Gene begünstigen Essstörungen
Einer aktuellen Zwillingsstudie zufolge spielen bei der Entstehung von Essstörungen auch die Gene eine Rolle. Wissenschaftler beobachteten, dass bei eineiigen Zwillingen deutlich häufiger beide Geschwister von Magersucht betroffen waren, als bei den zweieiigen.
Weitere Informationen finden Sie bei den einzelnen Krankheitsbildern:
- Magersucht (Anorexie oder Anorexia nervosa)
- Ess-Brech-Sucht (Bulimie oder Bulimia nervosa)
- Binge Eating Disorder (Ess-Sucht)
- Orthorexie (Orthorexia nervosa)
Eine Auswahl von Links
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
- Seite des Vereins Hungrig-Online
- Beratungs- und Informationsserver zu Essstörungen
- Die Beratungsstelle ANAD e.V. hat viele Tipps für Betroffe
- Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen
- Aktionskreis für Ess- und Magersucht Cinderella e. V.
- Auf der Seite www.essprobleme.de finden Betroffene unter anderem ein Forum
- Tipps von der Essstörungs-Hotline
Letzte Änderung: Oktober 2011

