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AOK Rheinland/Hamburg fordert Zurückhaltung bei der Verordnung von Psychopharmaka

Psychopharmaka sollten sorgsamer und in geringerer Menge verordnet werden, fordert die AOK Rheinland/Hamburg. Anlass sind die Verordnungsdaten 2010 der hiesigen AOK aus der Behandlung von psychisch Erkrankten.

30.03.2011

Die Auswertung zeigt, dass immer mehr Patienten immer größere Mengen von Psychopharmaka wie Mittel gegen Depressionen oder psychisch stimulierende Arzneien erhalten. Besonders kritisch ist dabei die stark wachsende Verordnung von Antidepressiva zu sehen. So erhöhte sich allein von 2009 auf 2010 die Zahl der antidepressiv behandelten Patienten um 21,4 Prozent, während die Verordnungsmenge der Antidepressiva um 12,8 Prozent zunahm. Hinzu kommt, dass bei den Verordnungen ein Umstieg von niedrigpreisigen zu höherpreisigen Psychopharmaka festzustellen ist.

Wie in den Vorjahren stieg die Verordnungsmenge der Psychopharmaka von 2009 auf 2010 weiter an und zwar um 2,1 Prozent. 2010 überschritten die Ausgaben bei der AOK Rheinland/Hamburg mit 101,5 Mio. € erstmals die 100-Millionen-Grenze. Damit haben sich die Ausgaben für diese Arzneimittel in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Der Ausgabenanstieg geht sowohl auf eine Zunahme der Verordnungsmenge (konkret: die Anzahl der Packungen) als auch auf eine größere Zahl von Patienten zurück. Dazu kommt ein Anstieg der Kosten je Tagesdosis. Insgesamt stieg in den letzten zehn Jahren die Zahl der verordneten Tagestherapiedosen um mehr als 55 Prozent, die Kosten je Tagestherapiedosis nahmen um fast 40 Prozent zu.

Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, erklärte: „Die Höhe des Anstiegs kann nicht rational nachvollzogen und begründet werden. Wir müssen feststellen, dass Psychopharmaka besonders bei alten Menschen verstärkt eingesetzt werden, aber auch Kindern und Jugendlichen verordnet werden. Hier stellt sich die Frage, ob die Vielzahl der Verordnungen überhaupt therapeutisch notwendig ist, und ob Umfang oder Art des Einsatzes angemessen und zweckmäßig erfolgen.“ Dies gelte ungeachtet der Tatsache, dass Untersuchungen zum Krankenstand von Arbeitnehmern bundesweit eine Zunahme von psychischen Erkrankungen erkennen lassen.

Antidepressiva als Hauptgruppe unter den Psychopharmaka werden bei allen Formen von Depressionen eingesetzt. Depressionen müssen aber nicht zwangsläufig mit Antidepressiva behandelt werden. Es bestehen auch gut geprüfte, in den Leitlinien empfohlene, nichtmedikamentöse Therapieverfahren, besonders für „leichte“ Depressionen. Antidepressiva werden mit einem Anteil von 68 Prozent überwiegend Frauen verordnet. Insgesamt erhielt bereits knapp jeder elfte Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg (8,6 Prozent) mindestens einmal im Jahr ein Antidepressivum verordnet. Bei den über 50jährigen Versicherten lag 2010 der Anteil bei 10,5 Prozent. Der höchste Anteil mit über 15 Prozent ist in der Altersgruppe der 75- bis 90jährigen Versicherten zu finden, und selbst Versicherte von über 90 Jahren wurden zu 11,6 Prozent mit Antidepressiva behandelt. Es gab aber auch Verordnungen für Kinder unter fünf Jahren.

Wenn auch die Verordnungszunahme zu einem gewissen Teil durch Leitlinien und Indikationsausweitungen erklärt werden kann, so lässt sich die Höhe des Anstiegs nicht klar begründen. Rückläufig ist dagegen die Verordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln (Benzodiazepine) auf Kassenrezept. Wegen des Suchtpotentials dieser Arzneimittel ist jedoch zu vermuten, dass die verschreibenden Ärzte Verordnungen auf Privatrezept vornehmen.

Experten der AOK Rheinland/Hamburg befürchten angesichts des wachsenden Einsatzes von Psychopharmaka eine ähnliche Entwicklung wie bei der ADHS-Behandlung in den vergangenen Jahren. Das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom wurde bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger festgestellt, vielfach ohne gesicherte Diagnose, und mit immer mehr Medikamenten behandelt. Bekannt ist aber, dass die methylphenidathaltigen Arzneimittel, die bei den Patienten eingesetzt werden, vor allem das bekannte Ritalin®, starke Nebenwirkungen haben. Erst durch eine Änderung der Richtlinie durch den gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) im letzten Jahr wurde sicher gestellt, dass die Behandlung von ADHS-Patienten heute auf einer umfangreichen Diagnose und mehr psychotherapeutischer Hilfe aufbauen muss, und dass vor allem Medikamente das Mittel zweiter Wahl sind.

Bei den Psychopharmaka stellt sich vor dem Hintergrund, dass ein frühzeitiger und unkritischer Einsatz dieser Arzneimittel den Patienten mehr schadet als nutzt, die skizzierte Verordnungsentwicklung als besorgniserregend dar.

Pressekontakt

AOK Rheinland/Hamburg
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Kontakt: André Maßmann
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