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Ohne moderne Datennutzung „laufen wir der Realität hinterher“

Um Menschen individuell beraten zu können, sollten Krankenkassen die ohnehin erhobenen Sozialdaten ihrer Versicherten Nutzen dürfen! Oder nicht? Welche Möglichkeiten sich durch die zielgerichtete Nutzung der Sozialdaten bieten, erklärt Dr. Ulf Maywald im Interview.

07.10.2021Autor/in: Jenny FüstingRubrik: Allgemein, Versorgung und Innovation 5

Herr Dr. Maywald, viele sprechen zurzeit über die neue digitale Datenrevolution im Gesundheitswesen. Für eine gesetzliche Krankenkasse ist das alles aber nicht wirklich neu, oder? Schließlich mussten Sie ja immer schon mit den Praxen und Kliniken Millionen von Abrechnungsdaten austauschen.

Das stimmt. Mit diesen sogenannten Routinedaten – dazu gehören etwa Diagnosen, die jemand erhalten hat, oder Arzneien, die einem verschrieben wurden – haben wir eine lange Erfahrung. Diese Daten sind zwar nicht sonderlich detailliert, aber sie liegen für eine sehr große Zahl von Menschen vor, weswegen sie auch für die Big Data-Forschung sehr interessant sind. Da werden spannende Dinge untersucht von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Wir selbst würden diese Daten auch gerne besser nutzen, zum Wohle unserer Mitglieder. Doch leider setzen uns die Gesetze da sehr enge Grenzen. Ein Beispiel: 2018 gab es den Fall, dass einzelne Chargen eines gängigen Blutdrucksenkers verunreinigt waren. Wir konnten in unseren Daten sehen, welche AOK PLUS-Mitglieder die problematischen Packungen bekommen hatten – und welche nicht. Wir hätten die richtigen Leute warnen und die unnötig verängstigten entwarnen können, doch das durften wir nicht, weil uns das im Sozialgesetzbuch nicht explizit erlaubt wird. Stattdessen gab es dann eine breite Rückrufaktion über Medien und Apotheken, die alle aufgeschreckt hat – auch die, die unproblematische Packungen erhalten hatten.

Sie würden also gerne eine aktivere Rolle einnehmen. Als Aufsicht über die medizinische Versorgung sozusagen?

Ich würde es eher Gesundheitslotse nennen. Es gibt Situationen, da würden wir unsere Versicherten gerne besser begleiten können. Wenn jemand beispielsweise eine Krebsdiagnose bekommt, würden wir ihm gerne einen Flyer mit Informationen schicken, wo man psychologische Hilfe bekommt, welche Dinge man regeln sollte und so weiter. Aber auch das dürfen wir nicht. Wir dürfen auch nicht eingreifen, wenn wir sehen, dass Ärztinnen und Ärzte nicht leitlinienkonform behandeln: Vor einiger Zeit ist aufgefallen, dass nur bei vier von zehn an Lungenkrebs Erkrankten ein Labortest gemacht wurde, mit dem man prüfen kann, ob statt der klassischen, harten Chemotherapie auch eine gezielte Individualtherapie möglich wäre. Hier hätten wir helfen können, dass der medizinische Fortschritt bei allen ankommt, aber auch das war nicht erlaubt. Der entsprechende Paragraf 284 im fünften Sozialgesetzbuch listet genau und Punkt für Punkt auf, was wir Krankenkassen mit den Sozialdaten machen dürfen. Wenn wir eine neue Idee haben, müssen wir darauf drängen, dass diese vom Gesetzgeber in die Liste aufgenommen wird – was aber Jahre dauern kann. So laufen wir der Realität immer hinterher. Hier sollte es gangbarere Wege geben – beispielsweise eine sinnvoll formulierte Zweckbestimmung für die Nutzung der Daten anstelle einer abschließenden Aufzählung von Einzelfallgestaltungen.

Empfinden Sie den Datenschutz also als zu streng?

Grundsätzlich nicht. Aber im Detail gibt es Schieflagen: Wenn die Menschen Gesundheits- oder Fitness-Apps von Google, Apple oder Facebooks nutzen, erteilen sie diesen Konzernen eine grundsätzliche Nutzungserlaubnis. Die lagern die Daten dann in Amerika und werten sie dort aus. Bei uns Krankenkassen ist nicht einmal klar, was wir künftig mit Daten von denjenigen Mitgliedern machen dürfen, die in der elektronischen Patientenakte dokumentiert haben, dass sie der Nutzung ihrer Daten zustimmen. Es ist rechtlich umstritten, ob die Einschränkungen im Sozialgesetzbuch nicht sogar auch dann noch gelten, wenn der Patient der Krankenkasse explizit erlaubt hat, seine Daten zu seinem Vorteil zu nutzen. Nochmal, wir wollen gar nicht mehr Daten haben. Wir würden nur gerne die Daten besser nutzen dürfen, die wir haben. 

Dr. Ulf Maywald ist Geschäftsbereichsleiter Arzneimittel/ Heilmittel bei der AOK PLUS in Dresden.

Kommentare (5)

  • Dieter-Manfred Jentsch

    am 15.10.2021 um 18.31 Uhr

    Ich bin für alles, was den Alltag erleichtert

  • Dieter-Manfred Jentsch

    am 15.10.2021 um 18.29 Uhr

    Ich bin für alles, was den Alltag erleichtert!

  • Dieter-Manfred Jentsch

    am 15.10.2021 um 18.27 Uhr

    richtig so!

  • Florian Tuczek

    am 15.10.2021 um 15.02 Uhr

    Google & Co sollten kein Vorbild für die AOK sein! Die Reaktionsgeschwindigkeit des Gesetzgebers muss sich eben erhöhen. Big Data sollte nur ein kontrollierter Staat an die Hand bekommen.

  • Morawe

    am 15.10.2021 um 11.46 Uhr

    alles richtig. Ich würde mir auch wünschen, dass meine Krankenkasse AOK + auf meine Daten zurück greifen kann und mir bei bestimmten Krankheitsfällen hilfreich, unaufgefordert zur Seite steht. Bei Telefonischen Rückfragen funktioniert das ja gut, aber nicht immer ist der Patient in der Lage, sich dort Hilfe zu holen, wo sie am besten gegeben werden kann. Unsere Gesetze sind in dieser Hinsicht mehr als veraltet und der Gesetzgeber reagiert gar nicht oder zu langsam. Dazu noch die Datenschützer, manchmal wird da übertrieben. Hier sollten die gewählten Abtgeordneten von Ihrem Vorschlagsrecht mehr Gebrauch machen.

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