Angebot anzeigen für:

Erfolgreiche Bilanz des landesweiten Modellprogramms ‚Familiale Pflege’ in NRW: Frühzeitige Hilfe für über 140.000 pflegende Angehörige

Landes-Gesundheitsministerin Steffens lobt „vorbildliches Projekt“

04.05.2015

Gladbeck. Eine positive Bilanz zogen heute im St. Barbara-Hospital in Gladbeck die Partner des landesweiten Modellprojekts ‚Familiale Pflege‘: Mehr als 140.000 pflegende Angehörige in ganz Nordrhein-Westfalen (davon über 80.000 in Westfalen-Lippe) wurden seit Einführung des Programms vor zehn Jahren in speziellen Trainings und Kursen für die häusliche Pflege ihrer Angehörigen qualifiziert. „Damit ist es uns gelungen, vielen Angehörigen von Patienten mit praktischen Hilfen den Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Pflege deutlich zu erleichtern“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der AOK NORDWEST, Martin Litsch. Gemeinsam mit der Universität Bielefeld und mit Unterstützung des Landes-Gesundheitsministeriums sowie vielen engagierten Kliniken im Land will die AOK in den nächsten Jahren weiter für bessere Bedingungen in der häuslichen Pflege sorgen.

Landes-Gesundheitsministerin Barbara Steffens sprach im Kompetenzzentrum ‚KKEL vor Ort – Gesundheit nah am Menschen‘ in Gladbeck auch mit betroffenen Angehörigen und informierte sich so aus erster Hand über das Programm. „Das Projekt ‚Familiale Pflege’ hat große Bedeutung für eine flächendeckende strukturelle Unterstützung pflegender Angehöriger. Gerade in der Phase des Übergangs von einem Krankenhausaufenthalt in die häusliche Pflege werden wichtige Brücken geschaffen und pflegende Angehörige in ihrem großen Engagement unterstützt und entlastet. Das vorbildliche Projekt trägt dazu bei, dass Menschen auch bei Pflegebedarf in ihrer gewohnten Umgebung, das heißt in ihrem Quartier, leben können und ist deshalb im Landesinteresse“, sagte Ministerin Steffens. In NRW liegt der Anteil häuslicher Pflege allein durch Angehörige mit 68,8 Prozent bereits schon jetzt leicht über dem Bundesdurchschnitt (66,9 Prozent).

Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt, ein Sturz oder eine onkologische Erkrankung: Von einem Tag auf den anderen ist für die Betroffenen und ihre Angehörigen plötzlich alles ganz anders. Die Familie muss nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt oft unvorbereitet sehr schnell Entscheidungen zur weiteren Versorgung ihres pflegebedürftigen Angehörigen treffen. Besonders betroffen sind Angehörige von alten, multimorbiden oder an Demenz erkrankten Menschen. Hilfe in dieser scheinbar ausweglosen Situation bietet den Betroffenen das Modellprogramm ‚Familiale Pflege’.

Nicht selten wird der Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Versorgung als Krise erlebt: Die Durchführung der Pflege ist noch mit Unsicherheiten behaftet, da Pflegetechniken noch nicht gelernt sind und die häusliche Pflegesituation in der Familie noch nicht abgestimmt ist. „Ein Krankenhausaufenthalt dauert heute nur noch ein paar Tage, da ist schnelle Hilfe erforderlich“, sagte Projektleiterin Prof. Dr. Katharina Gröning von der Universität Bielefeld.

Eine der über 400 am Programm beteiligten Kliniken - in NRW sind es rund 320 Einrichtungen (davon 165 in Westfalen-Lippe) - ist die Katholische Kliniken Emscher-Lippe GmbH (KKEL) mit ihren vier Häusern in Gelsenkirchen-Horst und Gelsenkirchen-Resse, Bottrop-Kirchhellen und Gladbeck. „Mit der Einführung des Projekts in unseren Kliniken seit dem Jahr 2011 unternehmen wir einen wichtigen Schritt, um Angehörige zu guter Pflege zu befähigen, für Unterstützung zu sorgen und so den Drehtüreffekt von Wiederaufnahmen bereits versorgter Patienten zu vermeiden“, sagt Berthold Grunenberg, KKEL-Geschäftsführer. Im letzten Jahr haben 1.013 Angehörige die Projektangebote sowohl im Kompetenzzentrum als auch im St. Josef-Hospital wahrgenommen. „Die positive Resonanz bestärkt uns in unserem Engagement“, freut sich Susanne Natinger, Bereichsleiterin Sozialdienst an den KKEL. Natinger wies auf das innovative Entlassungsmanagement der Katholischen Kliniken hin, denn nur im multiprofessionellen Team kann der gesetzlichen Verpflichtung, ein funktionierendes Entlassungsmanagement vorzuhalten, Rechnung getragen werden. „Unsere Sozialarbeiter und Pflegeexperten bieten den pflegenden Angehörigen in unserem Kompetenzzentrum ein kostenloses Beratungs- und Bildungsangebot aus einer Hand“, betont Thomas Kottowski, leitender Pflegedirektor der KKEL.

Speziell ausgebildete Pflegetrainerinnen bieten den Angehörigen schon im Krankenhaus einzelfallbezogene Pflegetrainings an. Dabei lernen die Teilnehmer Pflegetechniken kennen. Es geht um die richtige Lagerung und Bewegung, aber auch um Körperhygiene oder praktische Hilfestellungen beim An- und Ausziehen, beim Essen und Trinken. Und sogar der Einsatz von Hilfsmitteln steht auf dem Übungsplan. Zwei solcher engagierten Pflegetrainerinnen sind Silvia Prevorsek und Karina Bersch-Packeisen aus den KKEL. „Neben den Pflegetrainings vermitteln wir den Familien in Gesprächen auch, wie sie ein pflegerisches Netzwerk knüpfen können, damit die ganze Verantwortung nicht auf den Schultern eines Angehörigen allein lastet“, so die Pflegetrainerinnen.

In den KKEL wurden alle Bausteine des Projekts der ‚Familialen Pflege‘ implementiert: Initialpflegekurse, Kurse für Angehörige von Menschen mit Demenz, Pflegetrainings während des stationären Aufenthalts, Pflegetrainings in der Häuslichkeit, Qualitätschecks in der Häuslichkeit, Familienberatungsgespräche und Gesprächskreise für pflegende Angehörige (‚Café Auszeit‘).

Eine der vielen zufriedenen Angehörigen, die dieses umfassende Angebot nutzt, ist Ursula Staude aus Gladbeck. Sie pflegt seit fast sieben Jahren ihren Ehemann. „Das Kompetenzzentrum in Gladbeck ist für uns pflegende Angehörige ein wahrer Segen. Jeder, der Hilfe benötigt, erhält hier die erforderliche Unterstützung. Ich habe bereits viele Kursangebote genutzt und lerne immer noch dazu“, so Staude.
Eine weitere pflegende Angehörige ist Irmhild Böhm aus Gelsenkirchen, die ebenfalls ihren Ehemann pflegt. „Es ist beruhigend zu wissen, an wen man sich wenden kann, wenn es mal schwierig in einer Pflegesituation wird. Besonders wertvoll für mich ist aber das ‚Café Auszeit‘. Hier erhalten wir Hilfe und praktische Tipps für den Pflegealltag. Wir werden gelobt, motiviert und gefordert, auch an Selbstsorge zu denken“, so Böhm.

Dieser monatliche Gesprächskreis dient der Vertiefung der Pflegekompetenz und der Reflexion des familialen Pflegealltags. „In dieser Situation müssen mehrere Leute Verantwortung übernehmen, sonst kommt es zu Stress und Erschöpfung der Pflegenden“, so Prof. Katharina Gröning.

Die Kosten des Modellprojekts tragen die AOK NORDWEST und die AOK Rheinland/Hamburg im Rahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung. Profitieren von dem Projekt können alle pflegenden Angehörigen, unabhängig welcher gesetzlichen Pflegekasse sie angehören. Die Teilnahme ist kostenfrei.


Weitere Informationen zum Projekt gibt es im Internet unter www.uni-bielefeld.de in der Rubrik Erziehungswissenschaft/Familiale Pflege oder bei Irmi Heitfeld von der Universität Bielefeld unter Telefon 0521 106-3313.


Hintergrund:
Das Modellprogramm ‚Familiale Pflege‘ wurde an der Universität Bielefeld unter der Leitung von Prof. Dr. Katharina Gröning 2004 initiiert und seither in Kooperation mit IN CONSULT Bochum kontinuierlich weiterentwickelt. Die Anschubfinanzierung erfolgte durch das Landes-Gesundheitsministerium. Das auf Forschungsergebnissen basierende Konzept will pflegende Eheleute und Angehörige in ihrer Verantwortung durch Beratung, Bildung und Pflegeanleitung stärken.

Pflegefachkräfte und Pflegeexperten der am Modellprojekt beteiligten Krankenhäuser werden im Rahmen einer wissenschaftlichen Weiterbildung für die familiensensible Durchführung der Unterstützungsangebote qualifiziert. Seit Einführung des Projekts im Jahre 2004 beteiligen sich aktuell rund 400 Krankenhäuser.

Über 160.000 pflegende Angehörige aus Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Schleswig-Holstein haben seit Einführung des Programms in 2004 an Pflegetrainings, Initialpflegekursen und Gesprächskreisen teilgenommen. Laut Evaluationsbericht der Uni Bielefeld fühlen sich 94 Prozent der Teilnehmer durch die Pflegetrainings „gut“ oder „eher gut“ vorbereitet.

Im Jahre 2013 waren in Nordrhein-Westfalen 581.492 Menschen pflegebedürftig (3,3 Prozent der Bevölkerung). Davon wurden 72,4 Prozent (421.168) zu Hause, und 27,6 Prozent (160.324) in Heimen vollstationär versorgt. Von den zu Hause versorgten Pflegebedürftigen wurden 289.737 (68,8 Prozent) allein durch Angehörige betreut und weitere 131.431 (31,2 Prozent) durch ambulante Pflegedienste unterstützt.

Pressekontakt


Gesprächspartner für die Medien:
AOK NORDWEST
Jens Kuschel, Pressesprecher
Kopenhagener Straße 1
44269 Dortmund
Telefon: 0231 4193 10 14 5
Mobil: 01520 1566 136
Fax: 0431 605 25 1171
E-Mail: presse@nw.aok.de