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Aktuelles GeWINO-Spotlight zu Essstörungen zeigt starkes Stadt-Land-Gefälle

Die AOK Nordost hat gemeinsam mit Experten des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der Beratungsstelle Dick & Dünn und dem Berliner Startup Jourvie ein digital unterstütztes Programm zur Früherkennung und Frühbehandlung von psychogenen Essstörungen im Kindes- und Jugendalter (7 bis 17 Jahre) konzipiert.

Zahl der Diagnosen in sechs Jahren stark gestiegen

Berlin, 16. Januar 2018. Aktuelle Zahlen des Gesundheitswissenschaftlichen Instituts Nordost (GeWINO) der AOK Nordost zeigen einen deutlichen Anstieg der Essstörungsdiagnosen unter den 6- bis 54-jährigen AOK-Versicherten. Dem hohen Anstieg steht jedoch eine geringe Inanspruchnahme von psychotherapeutischen Behandlungen gegenüber. Die GeWINO-Zahlen zeigen außerdem ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Das sind in Kürze die Ergebnisse des neuen GeWINO-Spotlights, das jetzt veröffentlicht wurde.

Die Zahlen im Einzelnen: Wurde 2010 in der Region Nordost noch bei rund 3.500 Versicherten eine psychogene Essstörung wie Bulimie, Magersucht oder Binge Eating (Esssucht) diagnostiziert, waren es 2016 schon über 6.100 Versicherte. Damit haben sich die Diagnosen innerhalb von sechs Jahren nordostweit fast verdoppelt, wobei hier vor allem die Entwicklung in Berlin zu Buche schlägt. 2016 war dort die Diagnoserate mit 1,1 Prozent ungefähr doppelt so hoch wie in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Versorgungsforscher gehen von hoher Dunkelziffer aus

„Der GeWINO-Report betrachtet nur die gesicherten Diagnosen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher liegen, da lediglich Personen erfasst werden können, die zum Arzt gehen. Überrascht hat uns der hohe Anteil diagnostizierter Essstörungen bei den 35- bis 54-jährigen AOK-Versicherten. Hier könnte es sich zum Teil um chronische Fälle handeln, die jetzt auch in höheren Altersgruppen erkannt und diagnostiziert werden“, sagt GeWINO-Versorgungsforscher Dr. Jan Breitkreuz.

Von Essstörungen Betroffene haben in der Regel mehrere Jahre mit der Erkrankung zu kämpfen, benötigen mehrere Behandlungsanläufe und die Symptomatik bleibt auch nach erfolgreicher Therapie teilweise weiter bestehen. Die Auswertung ergab zudem, dass sich nur rund zehn Prozent der ca. 5.000 Versicherten mit einer zwischen 2012 und 2014 neu festgestellten psychogenen Essstörung innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose psychotherapeutisch behandeln ließen. „Die Zahlen haben auch gezeigt, dass die Bereitschaft, sich in Behandlung zu begeben, mit fortschreitender Krankheitsdauer deutlich abnimmt. Deshalb ist eine frühzeitige Intervention bei diesem Krankheitsbild so wichtig. Am besten ist es natürlich, wenn von vornherein verhindert werden kann, dass sich die Essstörung manifestiert“, so Breitkreuz.

AOK setzt auf Früherkennung und führt Screening beim Kinder- und Jugendarzt ein

Die AOK Nordost hat deshalb gemeinsam mit Experten des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der Beratungsstelle Dick & Dünn und dem Berliner Startup Jourvie ein digital unterstütztes Programm zur Früherkennung und Frühbehandlung von psychogenen Essstörungen im Kindes- und Jugendalter (7 bis 17 Jahre) konzipiert. Das neue AOK-Programm richtet sich vor allem an die Eltern gefährdeter Kinder und Jugendlicher oder an andere ihnen nahestehende Personen. Es soll für die Gefährdung sensibilisieren und konkrete Unterstützung zur Vermeidung einer manifesten Essstörung bieten. Das Programm wird ab Januar 2018 in der Region Berlin umgesetzt, da die Anzahl der diagnostizierten psychogenen Essstörungen dort besonders hoch ist.

AOK-Versicherte können außerdem die therapieunterstützende App Jourvie nutzen. Diese bietet einen niedrigschwelligen Zugang zu Essprotokollen und Bewältigungsstrategien und kann helfen, die Hemmschwellen zu überwinden, die einer Behandlung im Wege stehen. 

GeWINO-Spotlight wertet anonymisierte Daten von rund 750.000 Versicherten aus

Die vorgestellten Ergebnisse erfassen die Jahre 2010 bis 2016. Grundlage der Analysen für das Spotlight „Essstörungen – Regionale Entwicklungen im Nordosten“ sind die anony-misierten Abrechnungsdaten von rund 750.000 Versicherten der AOK Nordost im Alter von 6-54 Jahren. Als essgestört galten alle Personen, bei denen im Analysejahr mindestens eine gesicherte ambulante oder eine stationäre Haupt- oder Nebendiagnose mit einem ICD-Code des Typs F50.x (F50.- Essstörungen) abgerechnet wurde. Dies schließt folgende ein:

• F50.0 Anorexia nervosa
• F50.1 Atypische Anorexia nervosa
• F50.2 Bulimia nervosa
• F50.3 Atypische Bulimia nervosa
• F50.4 Essattacken bei anderen psychischen Störungen
• F50.5 Erbrechen bei anderen psychischen Störungen
• F50.8 Sonstige Essstörungen
• F50.9 Essstörungen, nicht näher bezeichnet.

Informationen

Das Spotlight kann kostenfrei über www.gewino.de heruntergeladen werden.

Interview mit Claudia Stein-Caßens, Diplom-Oecotrophologin

Claudia Stein-Caßens
„Betroffene nicht mit Samthandschuhen anfassen“

Claudia Stein-Caßens ist Diplom-Oecotrophologin und arbeitet als Systemische Therapeutin im Berliner Beratungszentrum für Ess-Störungen, Dick & Dünn e.V. Sie ermutigt Freunde und Familienangehörige von essgestörten Menschen, die Betroffenen offen auf ihre Krankheit anzusprechen.

Frau Stein-Caßens, was sind die Gründe dafür, dass Menschen mit Essstörungen sich oft jahrelang nicht in Behandlung begeben?

Stein-Caßens: Das kann sehr viele unterschiedliche Gründe haben. Essstörungen verlaufen in Phasen. Gerade zu Beginn profitieren die Betroffenen enorm von ihrer – unbewusst – gewählten Bewältigungsstrategie. Die Krankheit ist ein Hinweis darauf, dass im Leben der Betroffenen etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Essstörung wird Ersatzfunktion und Stabilisator. Sie gibt den Betroffenen das Gefühl von Kontrolle, dient ihnen als Trost, Ablenkung oder Beruhigung. Genau genommen profitieren Betroffene also von ihrer Essstörung und sehen erst einmal keinen Grund, sich deshalb in Behandlung zu begeben.

Zudem kommen oft Scham- und Angstgefühle hinzu, oft begleitet von Vermeidungsstrategien. Betroffene reden sich ein, dass sie alles unter Kontrolle haben, jederzeit aufhören können und nicht hilfebedürftig sind. Sie begeben sich meistens erst dann in Behandlung, wenn der Leidensdruck zu hoch geworden ist und die Essstörung ihren Alltag zu sehr beeinträchtigt. Bis es dazu kommt, können oft Jahre vergehen.

Was kann das Umfeld tun?

Stein-Caßens: Eltern, Angehörige, Lehrer und Freunde sind oft die Personen, die eine Verhaltensänderung am ehesten wahrnehmen. Oft wissen sie jedoch nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Wir ermutigen sie, das Problem offen anzusprechen, denn die Betroffenen gehen oft davon aus, dass niemand etwas merkt und sie ihre Essstörung verheimlichen können. Insofern ist es schon ein großer Schritt in die richtige Richtung, das Problem offenzulegen.

Um die betroffene Person dazu zu motivieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte man sie mit ihrem „essgestörten Verhalten“ konfrontieren. Das nahestehende Umfeld nimmt Veränderungen und Auffälligkeiten am deutlichsten wahr und kann diese entsprechend zurückmelden. Dabei sollte jedoch auf Interpretationen, Mutmaßungen sowie Wertungen wie „Du bist zu dick oder zu dünn!“ verzichtet und nur tatsächliche Symptome und Beobachtungen angesprochen werden. Je häufiger Betroffene mit den Fakten konfrontiert werden, desto wahrscheinlicher ist eine zeitnahe Krankheitseinsicht.

Wir wissen jedoch aus Erfahrung, wie schwer eine solche Konfrontation fällt. Es kann passieren, dass die Betroffenen sehr ungehalten reagieren und es zu Streitigkeiten kommt. Viele An-gehörige möchten dies eher vermeiden und die Harmonie wieder herstellen. Aber gerade in der Auseinandersetzung, auch in der streitbehafteten, liegt viel Potenzial zur Veränderung. Betroffene sollten nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, denn das hilft ihnen nicht weiter.

Warum ist eine frühzeitige Intervention so wichtig?

Stein-Caßens: Eine Essstörung ist eine schwerwiegende Erkrankung. Je früher eine Behandlung stattfindet, desto wahrscheinlicher ist es, dass die betroffene Person eine alternative „gesündere“ Bewältigungsstrategie finden, üben und dauerhaft anwenden kann. Ist dies nicht der Fall, kann sich eine Essstörung chronifizieren. Das bedeutet dann nicht nur viele Therapien oder Klinikaufenthalte: Ein längerer Krankheitsverlauf birgt auch erhebliche gesundheitliche Risiken. So kann er beispielsweise zu Osteoporose, Diabetes, Leber- und Nierenschäden oder Unfruchtbarkeit führen. Je länger eine Essstörung besteht, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Komorbiditäten wie Depressionen, Zwangs- und Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und weitere Abhängigkeitserkrankungen auftreten.

Das Beratungszentrum Dick & Dünn im Internet unter: www.dick-und-duenn-berlin.de

Pressekontakt

AOK Nordost – Die Gesundheitskasse
Matthias Gabriel Pressesprecher (komm.)
Tel.: 0800 265 080 – 22202
E-Mail: presse@nordost.aok.de