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4. Arzneimittelkongress: Multimorbidität – Wann ist weniger mehr?

Bei Multimedikation genau hinschauen

Berlin, 18. April 2019. Über 40 Prozent der über 65-jährigen Deutschen nehmen täglich mindestens fünf Arzneimittel ein*1. Bei geriatrischen Patienten sind es häufig sogar mehr als zehn Medikamente. Der Hausarzt ist als Koordinator der Versorgung und als Lotse durch das Gesundheitssystem hier besonders gefragt. Mehr als 130 von ihnen gingen anlässlich des Arzneimittelkongresses der AOK Nordost in Berlin Anfang April der Frage nach, wie multimorbide Patienten bestmöglich arzneitherapeutisch zu behandeln seien. Des Weiteren tauschten sie sich in Diskussionen und Workshops darüber aus, ob und wann ein Weniger an Medikation einen Mehrwert für ihre Patienten bietet.

Herausforderung in der Praxis

In der Praxis gehören multimorbide Patienten, die zusätzlich indikationsbedingt bei mehreren Fachärzten in Behandlung sind, mittlerweile zum hausärztlichen Alltag. „Werden alle Krankheiten dieser Patienten einzeln nach oftmals an speziellen Diagnosen ausgerichteten Leitlinien behandelt, hat das nicht selten eine unübersichtliche Fülle an Medikamenten zur Folge“, erläuterte Professor Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), eine der Herausforderungen in der Praxis. Nicht selten fügen Patienten zu den ärztlich verordneten Arzneimitteln ihrer Medikamentenliste frei verkäufliche Mittel hinzu. Für den Hausarzt als Koordinator der Medikation sind damit besondere Anforderungen verbunden: Er muss sich nicht nur einen Überblick über die gesamte Medikation des Patienten verschaffen, sondern auch eine notwendige Einnahme unterschiedlicher Medikamente von unerwünschter und risikoreicher Multimedikation unterscheiden. „Und dann, idealerweise in Absprache mit allen am Behandlungsprozess Beteiligten, eine medizinisch sinnvolle und für den Patienten praktikable Arzneimittelverordnung gestalten“, sagte Ludwig.

Gratwanderung notwendig

„Für den Hausarzt ist es häufig schwierig, die Medikation auf ein verträgliches Gesamtmaß zusammenzustreichen“, sagte Professor Dr. med. Daniel Grandt, Mitglied des Vorstands der Arzneimittelkommission und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken. Widerstände gegen das Absetzen von Arzneimitteln liegen auf beiden Seiten: Patienten und Angehörige beispielsweise unterschätzen oftmals die Risiken, überschätzen die Wirkung oder glauben Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen zu sein.*2 „Aber auch Mediziner sind vor dem Unterschätzen der Risiken und dem Überschätzen der Wirkung nicht gefeit*2“, erläuterte Grandt.

Die hausärztliche Leitlinie Multimedikation*3 empfiehlt, bei Patienten mit Multimedikation grundsätzlich einmal im Jahr die medikamentöse Behandlung vollständig zu erfassen und zu bewerten. Das gilt besonders dann, wenn der Patient Arzneimittel mit hohem Interaktionspotenzial oder einer engen therapeutischen Breite erhält. Daneben kann es auch akute Anlässe zur weiteren Reduktion der Arzneimittel*4,5 geben, wie neue (unspezifische) Beschwerden oder Nebenwirkungen, Einnahmeprobleme, neue Behandlungsprioritäten, Klinikentlassung oder die Neudiagnose weiterer Erkrankungen. Auch die Leitlinie Multimorbidität*6 bietet Allgemeinmedizinern eine gute und wichtige Orientierung im Praxisalltag. Das gilt auch für Listen und Instrumente wie PRISCUS (Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen), die START oder die STOPP Kriterien. „Bei der Optimierung der Arzneitherapie alter multimorbider und multimedizierter Menschen geht es nicht darum, einfach weniger Medikamente zu verschreiben. Es gilt, die Balance zwischen unangemessener Übertherapie auf der einen und für den Patienten relevanter Untertherapie auf der anderen Seite zu finden“, sagte Grandt.

Multimedikation: Rechtlich komplex

Auch rechtlich ist Multimedikation ein komplexes Thema: „Es umfasst Behandlungsfehler, Aufklärungsmängel und Organisationsdefizite. Adäquate Dokumentation dient dabei der Therapiesicherung und Rechenschaftslegung“, sagte Rechtsanwalt Rolf-Werner Bock von der Kanzlei Ulsenheimer - Friederich in Berlin. Bock betonte zudem die forensische Bedeutung der ärztlichen Dokumentation: „Sie mögen einen Patienten lege artis behandelt und umfassend aufgeklärt haben – ohne entsprechende Dokumentation kann ein Zivilprozess mangels Beweises dennoch verloren gehen.“

Quellen

*1 Moßhammer D, Haumann H, Mörike K, Joos S: Polypharmacy—an upward
trend with unpredictable effects. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 627–33.
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0627

*2 Garfinkel, D., Ilhan, B., & Bahat, G. (2015). Routine deprescribing of chronic medications to combat polypharmacy. Therapeutic Advances in Drug Safety, 212–233.
https://doi.org/10.1177/20420986156139843

*3 „Hausärztliche Leitlinie Multimedikation“, erstellt von der Hessischen Landärztekammer in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM); S2-Leitlinie

*4 Jansen, J., et al., Too much medicine in older people? Deprescribing through shared decision making. BMJ, 353 (2016) i2893

*5 Scott, I. A., et al., Reducing inappropriate polypharmacy: the process of deprescribing. JAMA Intern Med 175 (2015) 827-834.)

*6 Leitlinie Multimorbidität, der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM); S3-Leitlinie

Pressekontakt

AOK Nordost – Die Gesundheitskasse
Matthias Gabriel
Pressesprecher
Tel.: 0800 265 080 – 22202
E-Mail: presse@nordost.aok.de