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Achtsamkeit

Wie kann ich mit Schamgefühlen in der Pflege umgehen?

Veröffentlicht am:25.10.2022

5 Minuten Lesedauer

Sowohl bei Pflegebedürftigen als auch bei pflegenden Angehörigen können in bestimmten Situationen Schamgefühle aufkommen. Diese Gefühle sind ganz normal, können aber beide Seiten belasten. Lesen Sie hier, wie Sie besser mit ihnen umgehen können.

Frau verspürt Scham beim Füttern ihres Vaters.

© iStock / CasarsaGuru

Inhalte im Überblick

    Definition: Was ist Scham?

    Scham ist ein unangenehmes Gefühl. Es entsteht, wenn sich jemand in bestimmten Situationen herabgewürdigt, missverstanden, in Verlegenheit gebracht oder bei etwas ertappt fühlt. Schamgefühle sind nicht bei jedem Menschen gleich ausgeprägt: Was dem einen egal ist, kann dem anderen höchst unangenehm sein. Ob und inwieweit jemand Scham empfindet, hängt unter anderem von der Erziehung, den eigenen Werten oder Erfahrungen ab.

    Verschiedene Situationen können Schamgefühle auslösen, zum Beispiel:

    • Wenn die Grenzen der Intimsphäre überschritten werden – etwa, weil man sich nackt zeigen muss oder andere sehr persönliche Dinge über einen erfahren.
    • Wenn jemand Ablehnung, fehlende Anerkennung oder Geringschätzung durch andere erfährt.
    • Wenn eine Person die Erwartungen an sich selbst nicht erfüllen kann.

    Was bedeutet Scham in der Pflege?

    Schamgefühle können auch in der Pflege häufig vorkommen, vor allem in neuen und ungewohnten Situationen. Insbesondere, wenn die Pflegeaufgaben von Angehörigen übernommen werden. Sowohl pflegebedürftige als auch pflegende Personen können damit regelmäßig konfrontiert werden:

    Doch wo kommt Scham in der Pflege vor? Pflege geht – wie kaum ein anderer Lebensbereich – mit einem hohen Maß an Intimität und Vertrauen einher. Scham in der Pflege kommt vor allem dort vor, wo die Grenzen der Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit und Menschenwürde berührt werden. Dies betrifft zum Beispiel:

    • Nacktheit
    • Hilfe bei der Körperpflege
    • Gebrechlichkeit allgemein

    Scham von Pflegebedürftigen

    Wenn zu Pflegende bestimmte Fähigkeiten verlieren und zunehmend abhängig von anderen Menschen werden, kann dies bei ihnen Schamgefühle auslösen. Sie können das Gefühl bekommen, anderen zur Last zu fallen oder Ekel hervorzurufen – etwa, wenn sie Unterstützung beim Toilettengang benötigen oder ihre Wunden versorgt werden müssen.

    Scham von pflegenden Angehörigen

    Auch bei pflegenden Angehörigen können Schamgefühle auftreten, weil sie sich mit veränderten Rollen konfrontiert sehen, denen sie sich vielleicht nicht gewachsen fühlen. Haben Kinder zum Beispiel ihre Eltern früher noch als selbstständig und unabhängig erlebt, können sie über deren plötzliche Hilflosigkeit Scham empfinden. Eine besondere Herausforderung sind die Situationen, die die Intimsphäre berühren. Ein Elternteil auf die Toilette begleiten oder sie im Intimbereich zu waschen, ist meist zunächst eine Herausforderung. Scham kann es auch bereiten, wenn man glaubt, als Angehöriger den Erwartungen bei der Pflege nicht gerecht zu werden. Schamgefühle können sich auch auf die persönliche Beziehung zwischen der pflegebedürftigen und pflegenden Person auswirken.

    Frau verspürt Scham in der Pflege, weil sie ihre Mutter wäscht.

    © AOK

    Scham in der Pflege entsteht besonders in Situationen, in denen in die Intimsphäre der zu Pflegenden eingedrungen werden muss.

    Scham von professionellen Pflegepersonen

    Bei pflegebedürftigen Menschen und professionellen Pflegepersonen sind die Rollen klar definiert: Durch die zuvor erfolgte Ausbildung fällt es Pflegepersonen leichter, mit schambesetzten Situationen umzugehen. Zudem sind sie mit den Menschen, die sie betreuen, in der Regel nicht oder weniger emotional verbunden. Trotzdem können auch bei Pflegefachpersonen Schamgefühle auftreten.

    Wozu kann Schamgefühl bei der Pflege eines Menschen führen?

    Ein bei der häuslichen Pflege aufkommendes Schamgefühl kann beide Seiten stark belasten. Dauerhafte Schamgefühle können dazu führen, dass pflegebedürftige Menschen weniger Lebensfreude und Motivation empfinden. Es besteht die Gefahr, dass diese gänzlich verloren gehen, wenn die Betroffenen sich dauerhaft unwohl mit den Gegebenheiten fühlen. Ein sozialer Rückzug bis hin zur Vereinsamung kann die Folge sein. 9 Für Pflegepersonen kann es sehr belastend sein, wenn sie das Gefühl haben, etwas falsch gemacht zu haben oder bestimmte Grenzen überschritten zu haben. Häufige Gefühle von Scham oder Ekel können dazu führen, dass die Pflegenden zunehmend Widerwillen gegenüber der Tätigkeit oder sogar gegenüber den Pflegebedürftigen entwickeln.

    In der Regel verändern sich die Schamgrenzen im Laufe der Pflegebedürftigkeit. Mit der Zeit beginnen die meisten Pflegebedürftigen und Angehörigen, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Fremdes kann sich zunehmend vertrauter anfühlen und die persönliche Beziehung wieder gestärkt werden.

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    Wie gehe ich mit Scham in der Pflege um?

    Scham in der Pflege ist nie ganz auszuschließen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, damit verbundenen Belastungen vorzubeugen oder zu lernen, besser mit schambesetzten Situationen umzugehen. Um sich bestmöglich vorzubereiten, ist es zum Beispiel wichtig, die richtigen Handgriffe für die häusliche Pflege zu kennen. Pflegekurse helfen dabei, sich dieses Wissen anzueignen.

    Unterstützung finden

    Schamgefühle bei der Pflege hinterfragen

    Eine strenge Erziehung oder eine verletzende Erfahrung: Es ist hilfreich, sich zunächst bewusst zu machen, woher Schamgefühle kommen. Kennen Sie die Gründe, können Sie diese Gefühle leichter akzeptieren und besser mit ihnen umgehen.

    Offenen Austausch suchen

    Wichtig für eine respektvolle Pflege auf Augenhöhe ist, dass die Pflegebedürftigen gefragt werden, wie und von wem sie am liebsten unterstützt werden möchten und welche Situationen ihnen unangenehm sind. Umgekehrt sollten auch Sie als pflegende Person offen äußern, was Sie leisten können und was nicht.

    Intimgrenzen beachten

    Wichtig ist es, die Intimgrenzen der pflegebedürftigen Person nicht nur zu kennen, sondern diese auch zu wahren. So können Sie etwa als Angehörige oder Angehöriger den Raum verlassen, wenn die pflegebedürftige Person die Toilette nutzt. Eine andere Möglichkeit ist, bei der Körperpflege immer nur die Körperteile zu enthüllen, die gerade gewaschen oder eingecremt werden, um das Gefühl von Nacktheit zu begrenzen. Eine gute Kommunikation ist ebenfalls hilfreich. Lieber einmal mehr als zu wenig fragen, was der pflegebedürftigen Person unangenehm ist und was nicht. Darüber hinaus sollte sie immer über die nächsten gemeinsamen Schritte informiert und aktiv mit einbezogen werden.

    Sich zu Pflege und Schamgefühlen beraten lassen

    Bei offenen Fragen, Zweifeln oder Sorgen kann eine Beratung entlastend wirken. Hierauf haben pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen Anspruch. Erste Anlaufstelle bei Fragen rund um die Pflege sind die gesetzlichen Pflegekassen, Krankenkassen und private Pflegeversicherungen sowie örtliche Beratungsstellen.

    Austausch in Selbsthilfegruppen suchen

    Auch das Gespräch mit Menschen in einer ähnlichen Situation, zum Beispiel in einer Angehörigengruppe, kann entlastend wirken. Darüber hinaus können sich die Teilnehmenden in einer Selbsthilfegruppe oft gegenseitig praktische Tipps geben. Sich mit anderen auszutauschen, kann auch der Überforderung von pflegenden Angehörigen vorbeugen.

    Professionelle Hilfe und Unterstützung holen

    Wenn die Schamgefühle in der Pflege eines Angehörigen zu sehr belasten, kann es hilfreich sein, einen professionellen Pflegedienst zu beauftragen, der besonders schambehaftete Pflegetätigkeiten wie die Intimpflege übernimmt.

    Selbstwertgefühl bewahren

    Wenn Pflegebedürftige zunehmend auf Hilfe angewiesen sind und sich Angehörige bei der Pflege überfordert fühlen, kann das Selbstwertgefühl auf beiden Seiten leiden. Dies kann in der Folge bereits bestehende Schamgefühle verstärken. Wichtig ist daher, dass sowohl die pflegebedürftige, als auch die pflegende Person, sich das eigene Selbstwertgefühl so weit wie möglich bewahren. Als angehörige Person sollten Sie wirklich nur die Pflege übernehmen, die unbedingt nötig ist. Also die Aufgaben, die die pflegebedürftige Person wirklich nicht selbst übernehmen kann. Es ist gut für das Selbstwertgefühl der pflegebedürftigen Person und vermeidet Schamgefühle, wenn Pflegebedürftige Aufgaben im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst übernehmen. Hilfsmittel wie zum Beispiel spezielle Essbestecke oder Duschhocker können zu mehr Selbstständigkeit beitragen.

    Die eigenen Grenzen bei der Pflege erkennen

    Für viele Menschen ist es eine der schwersten Aufgaben, die eigenen Grenzen zu akzeptieren. Wenn Ihre Schamgefühle bei bestimmten Pflegeaufgaben zu groß sind oder Sie bei der Pflege der Angehörigen an Ihre Belastungsgrenze geraten, sollten Sie versuchen, sich das einzugestehen. Regelmäßige Auszeiten, etwa über eine Pflegekur, können dabei helfen. Die Angst zu versagen oder versagt zu haben, kann jedoch Ihrerseits Schamgefühle herbeiführen. Gegebenenfalls kann es sinnvoll sein, sich ärztliche Unterstützung zu suchen.

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