Ignoranz gegenüber den Regionen schadet der Demokratie

Unerhört. Zumindest ungehört in diesem Kreis war bis dato das, was im Rahmen eines kurzen Impulsvortrages beim Jahresauftakt des Handelsblatt Health Circle der Vorstand der AOK PLUS im Zusammenhang mit dem schleppenden Tempo von Veränderungen im Gesundheitswesen sagte.

23.01.2023Autor/in: Hannelore StrobelRubrik: Nachgefragt und Nachgehakt 1

„Die Demokratie ist in Gefahr, wenn Krankenhausplanung nur in Expertenrunden vorgedacht, von Politikern beschlossen, aber nicht den Menschen vor Ort transparent gemacht wird,“ sagte Stefan Knupfer beim virtuellen Treffen von Akteuren, Kennern und Gestaltern der bundesweiten Gesundheitswirtschaft. Zufällig fand das am selben Tag statt, an dem Bundesgesundheitsminister Lauterbach vom Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege quasi die Leviten gelesen bekam.

Konzepte für Reformen verstaubten

Das taufrische Gutachten des Rates, das vormittags der Bundesregierung übergeben worden war, beschreibt das deutsche Gesundheitssystem als „träge im Reagieren, wenig anpassungsfähig, auch in Nicht-Krisenzeiten nicht gut koordiniert und im Ergebnis oft schlechter, als angesichts des immensen Mitteleinsatzes zu erwarten sei.“ (Ärzte Zeitung 19.01.2023) Es attestiert der deutschen Politik einen Blindflug durch die Pandemie und dem deutschen Gesundheitssystem in Gänze einen riesigen Reformbedarf. Die nicht wirklich überraschende Erkenntnis findet in der Formulierung, dass Deutschland auf diesem Gebiet den skandinavischen Ländern 15 Jahre hinterherhinkt, eine griffige Zuspitzung. Der Vorsitzende des Rates, Professor Ferdinand Gerlach sagt, gute Konzepte für Reformen verstaubten in diversen Schubladen. Bundesgesundheitsminister Lauterbach interpretiert die Stellungnahme als „Rückenwind“ für seine Reformen.

Erfahrungen aus ländlichen Räumen

Beide Sichtweisen sind legitim. Stefan Knupfer bringt seine ganz eigene mit aus der Region, in der er als Vorstand seit zehn Jahren (und vorher in anderen Funktionen bei der AOK) mitarbeitet an der Vernetzung kreativer Köpfe und der Förderung ebensolcher Projekte zugunsten moderner Gesundheitsversorgung aller Regionen in Sachsen und Thüringen.

Dazu gehören neben Dresden, Leipzig, Erfurt und Jena eben auch dünn besiedelte Gegenden wie die Lausitz, das Erzgebirge, das Eichsfeld, das Umland von Suhl.

Dort wo Ärzte fehlen, Krankenhäuser Kinderstationen schließen müssen, Rettungseinsatzfahrzeuge weite Wege haben. Dort, wo Menschen Schlange stehen, wenn nach vier Hausarztpraxisschließungen eine doch wieder öffnet und Patienten aufnimmt. Dort, wo Bürgermeister seit den Presseberichten über mögliche Krankenhausschließungen von Einwohnerversammlung zu Protestkundgebung reisen, um zu beruhigen und zu erklären. Dort, wo diese Themen von radikalen politischen Kräften besetzt werden, wenn sie von den Demokratinnen und Demokraten nicht wirklich transparent gemacht werden.

Deswegen hat der AOK PLUS-Vorstand in einer Runde, die eher fachlich diskutiert, einen starken politischen Akzent gesetzt: wenn man regionale Kompetenzen nicht nutzt, wenn Zentralismus alles richten will, dann ist Demokratie gefährdet.

Kommentare (1)

  • Barbara Holz

    am 25.01.2023 um 10.10 Uhr

    Das jahrealte und sich rasant zuspitzende Dilemma hat der AOK-Vorstand sehr deutlich auf dem Punkt gebracht.

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