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Cannabis auf Rezept: Falsche Erwartungen geweckt

Streit um Wirksamkeit

16.11.2017

Cannabis auf Rezept – über Jahre hat die Politik über eine Freigabe gestritten. Seit 10. März können Schwerstkranke Cannabispräparate in der Apotheke bekommen. Bisher war dies nur über eine Ausnahmegenehmigung möglich. Mit der Lockerung wollte die Bundesregierung den Zugang zu Cannabis als Arzneimittel für Schwerstkranke erstmals gesetzlich regeln.

Um Cannabis auf Rezept zu bekommen, muss ein Arzt eine entsprechende medizinische Indikation feststellen. Voraussetzungen sind laut Gesetz (§ 31 Absatz 6 SGB V): Es liegt eine schwerwiegende Erkrankung vor und andere Therapieformen haben keinen Erfolg gezeigt oder sind nach Einschätzung des Arztes für den Patienten ungeeignet. Den Antrag leitet die AOK Bayern zur Prüfung an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) weiter. Seit Ende August gilt bundesweit eine einheitliche Begutachtungsanleitung. Sie soll die unterschiedliche Genehmigungspraxis zwischen den Bundesländern beenden.

Die AOK Bayern begrüßt die Gesetzesänderung: „Schwerkranken Patienten wird der Zugang zu einer Cannabis-Therapie erleichtert“, sagt Dr. Helmut Platzer, Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern. In der Öffentlichkeit werde allerdings teils der Eindruck erweckt, mit der Neuregelung erhalte künftig jeder Schmerzpatient Cannabis auf Rezept. „Der Gesetzgeber hat Medizin-Cannabis nur im Einzelfall und für einen eng definierten Patientenkreis vorgesehen“, so Dr. Platzer.

Inzwischen ist auch unter Ärzten ein Streit über die Wirksamkeit entbrannt. Im „Deutschen Ärzteblatt“ zieht Prof. Dr. Winfried Häuser eine ernüchternde Bilanz. Es bestehe „eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung der Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabisprodukten“ und den Studienergebnissen „nach den Standards der evidenzbasierten Medizin“. Noch deutlicher äußert sich der Münchner Schmerzmediziner Dr. Dominik Irnich in der „Süddeutschen Zeitung“: „Es wird gerade ein richtiger Hype um Cannabis gemacht. Dieser Hype ist von der wissenschaftlichen Datenlage nicht ansatzweise gedeckt.“