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Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern

Hohe psychische Belastung bei Pflegekräften

27.06.2018

Fünf Vorschläge für eine gute und verlässliche Pflege hat der Pflegebeauftragte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus kürzlich gemacht. Dabei hat er auch von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen gesprochen. Welche Möglichkeiten gibt es in diesem Bereich aus Sicht einer großen Pflegekasse? Wir sprachen mit Dr. Irmgard Stippler, Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern.

Frau Dr. Stippler, wie kann ein sogenannter Kostenträger zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen in Pflegeheimen beitragen? Ist es allein mehr Geld?

Dr. Irmgard Stippler: Welche finanziellen Mittel wir zusätzlich in die Pflege investieren, kann nur das Ergebnis einer gesellschaftlichen Vereinbarung sein – hier ist die Politik gefragt. Wir können aber jetzt schon etwas beitragen. Seit einigen Jahren bereits beraten wir Pflegeheime im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Vergangenes Jahr waren es in Bayern 280 Pflegeheime mit rund 20.000 Mitarbeitern.

Können Sie Ansatzpunkte konkretisieren?

Immer wieder sehen wir, dass es gerade bei Dienstplänen durchaus Möglichkeiten gibt, sie mitarbeiterfreundlicher und zugleich bedarfsorientiert zu erstellen. Dazu gehört beispielsweise, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Pläne aktiv mitgestalten können. Wechseldienste von Früh- auf Spätdienst konnten reduziert werden, ebenso Überstunden. Befragungen haben gezeigt, dass für die Mitarbeiter eine höhere Planungssicherheit wichtig ist, etwa durch frühzeitige Festschreibung und Freigabe der Dienstpläne.

Welche Möglichkeiten, die Arbeitszufriedenheit zu verbessern, sehen sie über organisatorische Optimierungen hinaus?

Wir wissen, dass Pflegekräfte einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt sind. Dies belegen auch die Auswertungen unseres Pflegereports zum Krankenstand. Fast 16 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage werden durch psychische Erkrankungen verursacht. Auf den Betrieb zugeschnittene Stresstrainings und Entspannungsübungen können die Ressourcen der Pflegekräfte stärken. Ein anderes großes Thema sind Muskel- und Skeletterkrankungen. Schulungen zum rückengerechten Einsatz von Pflegehilfsmitteln helfen, Erkrankungen zu vermeiden.

Der Pflegeaufwand, den die Mitarbeiter für die Pflegebedürftigen haben, ändert sich dadurch aber nicht. Die Pflegebedürftigen werden durch Stressseminare der Pflegekräfte ja nicht gesünder ...

Das ist richtig. Aber wenn wir Pflegekräften beispielsweise zeigen, welche Übungen sie ihren Schützlingen beibringen können, damit diese weniger häufig stürzen, wird dadurch auch Pflegeaufwand vermieden. Sturzprophylaxe ist deshalb ein wichtiges Angebot. Vergangenes Jahr haben wir bayernweit 600 Pflegekräfte geschult, heuer werden es rund 800 sein.

Muss am Ende den Pflegeheimen betriebliches Gesundheitsmanagement verordnet werden?

Auch wenn sie die Arbeitgeberattraktivität erhöht: Wir sind längst über den Punkt hinaus, wo man betriebliche Gesundheitsförderung nur als nettes Ergänzungsangebot des Arbeitgebers bewerten sollte. Ich bin der festen Überzeugung, dass systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement arbeitsbedingte Belastungen auch im Pflegeheim reduzieren kann. Damit kann sich auch die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhöhen. Natürlich muss es immer Entscheidung des Pflegeheims sein, was es tut. Aber eigentlich haben wir keine andere Wahl als gemeinsam alle Möglichkeiten, die wir zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Pflegeheimen jetzt schon haben, auch intensiv zu nutzen.