Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verhindern

Jeder elfte Beschäftigte wurde im Job schon einmal sexuell belästigt, zeigt eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wie Arbeitgeber ihre Mitarbeiter schützen können, erklärt Studienautorin Dr. Monika Schröttle im Interview.

„Führungskräfte müssen eine klare Position gegen sexuelle Belästigung vertreten“

Frau Dr. Schröttle, laut Ihrer Studie hat jeder elfte Beschäftigte – also insgesamt 9 Pro­zent aller Arbeitnehmer – sexuelle Belästigung im Job erlebt. Was fällt alles darun­ter?

Unter sexuellen Belästigungen versteht man alle verbalen und körperlichen Handlungen, die von der betroffenen Person als belästigend empfunden werden. Arbeitnehmerinnen und Ar­beit­neh­mer haben in der Studie am häufigsten sexualisierte Kommentare sowie Blicke und Gesten ge­nannt, gefolgt von unerwünschten Berührungen und körperlichen Annäherungen, die mitunter sehr subtil waren. Einigen Betroffenen wurden unerwünschte Bilder oder Filme gezeigt – etwa Nacktbilder oder -kalender. In einigen gravierenden Fällen ging es um unerwünschte Auf­for­de­rungen zu sexuellen Handlungen oder Entblößungen. Relativ selten wurden Erpressungen und der Zwang zu sexuellen Handlungen genannt.

Von wem gehen sexuelle Belästigungen im Berufsumfeld am häufigsten aus?

Mehr als die Hälfte der belästigenden Personen waren Kunden und Patienten – deshalb sind zum Beispiel Berufe aus dem Gesundheits- und Sozialbereich, dem Handel sowie aus dem Bereich Er­zie­hung und Unterricht besonders betroffen. 43 Prozent der Belästiger waren gleichgestellte Kol­le­gin­nen oder Kollegen, ein knappes Fünftel waren Vorgesetzte. Die weitaus meisten Be­läs­ti­gun­gen gingen von Männern aus.

Wie können Arbeitgeber ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor sexueller Belästigung im Job schützen?

Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, sexuelle Belästigung zu ver­hin­dern. Am wichtigsten ist, dass sie eine klare Position gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz einnehmen – und sie auch gegenüber allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vertreten. Das kann in Form regelmäßiger Information und in Schulungen geschehen, in denen Führungskräfte klarmachen: Sexuelle Belästigung ist eine Form von Diskriminierung, sie ist unerwünscht, schadet dem Betriebsklima und nicht zuletzt auch der Gesundheit der Betroffenen.

Denn Beschäftigte, die belästigt werden, empfinden die Übergriffe als psychisch belastend oder beschämend und fühlen sich mitunter bedroht. Zudem ist ihre Arbeitsplatzzufriedenheit be­ein­träch­tigt.

Welche Möglichkeiten haben Arbeitgeber außerdem, gegen sexuelle Belästigung vor­zu­gehen?

Es sollte Betriebsvereinbarungen geben, die mögliche Sanktionen wie Ermahnungen oder Kün­digun­gen vorsehen. Informationen dazu gibt es bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wenn Beschäftigte wissen, dass der Arbeitgeber sexuelle Belästigung nicht duldet und kon­se­quent interveniert, kann das die Übergriffe bereits stark reduzieren.

Wenn Kolleginnen und Kollegen sexuelle Übergriffe beobachten, sollten sie füreinander ein­ste­hen. Dem Team das zu verdeutlichen, ist eine Führungsaufgabe. Alle sollten wissen, dass wirklich niemand zu sexuellen Belästigungen berechtigt ist – auch nicht höhergestellte oder langjährige Mitarbeiter oder bestimmte Kunden.

Betroffene scheuen oft davor zurück, sich zu melden. Wie können Arbeitgeber Mit­ar­bei­ter ermutigen, Fälle zu melden, um weiteren Übergriffen vorzubeugen?

Arbeitnehmer brauchen eine niedrigschwellige Beratung innerhalb des Unternehmens. Das kann eine Beschwerdestelle, die gesetzlich vorgesehen ist, sein. Darüber hinaus sollte es feste Ver­trau­ens­per­so­nen wie Gleichstellungsbeauftragte in der Firma geben. Da in kleineren und mittleren Be­trie­ben dennoch die Schwelle oft hoch ist, sich jemandem aus dem direkten Arbeitsumfeld an­zu­ver­trau­en, können branchenspezifische externe Unterstützungsangebote systematisch auf­ge­baut werden. Dazu gibt es bereits Beispiele guter Praxis, etwa Themis e.V. in Berlin.

Des Weiteren können Führungskräfte eine anonyme Online-Befragung im eigenen Unternehmen durchführen, die das Ausmaß sexueller Belästigung sichtbar macht. Dann kann das Unternehmen mit Gegenmaßnahmen gezielt reagieren. Grundsätzlich muss vor allem die Unternehmenskultur stimmen, indem Arbeitgeber klarstellen: Eine gesunde und konstruktive Zusammenarbeit ist nur mit gegenseitigem Respekt möglich.

So unterstützt die AOK

Die Psychologinnen und Psychologen des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) der AOK Rheinland/Hamburg beraten Mitarbeiter über eine Krisenhotline kurzfristig, individuell und anonym zu akuten Krisensituationen.

Zusätzlich besteht die Möglichkeit einer intensiveren Beratung auch zu den Themen Führung auf Distanz und Führung in Krisenzeiten. Ansprechpartnerin beim BGF-Institut ist Ida Ott (ida.ott@bgf-institut.de).

Bei heiklen Themen gilt auch: Beschäftigte, die mit Fragen zu ihrem Chef gehen und bei Pro­ble­men konkrete Lösungen mit ihm erarbeiten können, fühlen sich von ihrer Führungskraft bestärkt und motiviert. Wie das konkret aussehen kann, erfahren Führungskräfte im kostenfreien AOK-Online-Programm „Gesund führen“. Hier finden Sie mehr Informationen zum Programm und können direkt eines der sechs Module absolvieren.

Stand

Erstellt am: 13.05.2020

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