AOK im Ohr – der Arbeitgeberpodcast Folge 4

In der Corona-Krise hat sich gezeigt, welche Vorteile die Digitalisierung der Arbeitsprozesse mit sich bringen kann. In der vierten Folge erklärt Dr. Regina Flake, wie auch kleine und mittlere Unternehmen von der Digitalisierung profitieren können.

In der Weiterbildung digitale Wege nutzen

Die Corona-Krise hat bei vielen Unternehmen geradezu einen Digitalisierungsschub ausgelöst: Unternehmen nutzen beispielsweise neue digitale Tools für die Zusammenarbeit im Team. Mitarbeiter bilden sich in der Kurzarbeit auf digitalem Weg weiter und gerade bei der Rekrutierung von Auszubildenden bieten virtuelle Ausbildungsmessen ganz neue Möglichkeiten.  

Podcast
AOK im Ohr – der Arbeitgeberpodcast: Folge 4
Dr. Regina Flake, KOFA (Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung)IW Köln

Corona und die Digitalisierung der Arbeitsprozesse in kleinen und mittleren Unternehmen: Welches Potenzial digitale Werkzeuge in der Weiterbildung und in der Rekrutierung bieten, erklärt Dr. Regina Flake vom KOFA.

Moderatorin: Die Corona-Krise verändert die Arbeitswelt. Um die Infektionsgefahr einzudämmen, verlagern Betriebe Kontakte und Arbeitsprozesse stärker ins Internet. Spätestens jetzt ist klar: Die Digitalisierung nimmt in der deutschen Wirtschaft einen immer höheren Stellenwert ein. Wie können aber gerade kleine und mittelständische Unternehmen das für sich nutzen?

Das fragen wir eine Expertin vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung – kurz KOFA – am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: Teamleiterin Dr. Regina Flake ist uns telefonisch zugeschaltet.

Frau Dr. Flake, schön, dass Sie Zeit haben, uns für unseren AOK-Podcast ein paar Fragen zu beantworten.

Flake: Ja, Danke für die Einladung. Das mache ich sehr gern.

Moderatorin: Sie haben sich am KOFA in den letzten Monaten intensiv mit der Digitalisierung der Arbeitsprozesse während der Corona-Pandemie beschäftigt – unter anderem mit dem Thema Weiterbildung. Zu welchem Schluss sind Sie dabei gekommen?

Flake: Genau. Wir haben Unternehmen im Mai 2020 zu ihren Weiterbildungsaktivitäten befragt. Zum Befragungszeitpunkt zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen ihre Weiterbildungsaktivitäten während der Krise aufrechterhalten oder sogar erhöhen konnte. Wir sehen aber auch, dass ein Viertel der Unternehmen Weiterbildung reduzieren musste. Es gab aber auch ein positives Ergebnis. So zeigte sich, dass gerade bei der Nutzung digitaler Lernmedien wirklich so eine Art kleiner Schub zu beobachten ist. Mehr als ein Drittel der Unternehmen gibt an, dass sie seit der Corona-Pandemie mehr E-Learning im Unternehmen einsetzen.

Moderatorin: Sie empfehlen, die Phasen der Kurzarbeit für betriebliche Weiterbildung zu nutzen. Warum?

Flake: Ein ganz zentrales Argument ist der zeitliche Aspekt. Wenn sie kleine und mittlere Unternehmen in den letzten Jahren gefragt haben, warum sie keine oder nicht mehr Weiterbildung anbieten, werden sie häufig Antworten gehört haben wie: Die Auftragsbücher sind voll, und es passt einfach nicht. Also in meiner Wahrnehmung ganz klar war Zeit häufiger der limitierende Faktor als Geld. Und gerade jetzt während der Kurzarbeit können Unternehmen eben ihre Mitarbeitenden motivieren und auch unterstützen, während Kurzarbeit Weiterbildung wahrzunehmen. Das ist natürlich auch jetzt in dieser schwierigen Zeit ein ganz starkes Signal für die Mitarbeiterbindung: Seht her, wir investieren in eure Qualifizierung, und wir möchten trotz der schwierigen Situation mit euch in die Zukunft gehen. Und natürlich ist das auch für die Unternehmen eine ganz wertvolle Investition. Alle wissen, dass passend qualifizierte Fachkräfte zentral für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sind.

Moderatorin: Weiterbildung kostet Geld. Wie sollen kleine Betriebe das bewerkstelligen – gerade dann, wenn sie durch die Krise in wirtschaftlichen Engpässen stecken?

Flake: Natürlich muss man berücksichtigen, dass viele Unternehmen gerade vor ganz existenziellen Herausforderungen stehen. Und da stehen eben Einsparungen und nicht weitere Ausgaben im Vordergrund. Es gibt aber auch Fördermöglichkeiten. Das Qualifizierungschancengesetz ermöglicht beispielsweise die Weiterbildungsförderung für beschäftigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Zur Förderung gehören beispielsweise Zuschüsse zu den Weiterbildungskosten aber auch Lohnkostenzuschüsse. Die Förderhöhe ist dabei nach Unternehmensgröße differenziert, so dass gerade kleine und mittlere Unternehmen besondere Unterstützung bekommen können.

Moderatorin: Stichwort Fachkräftemangel: Die Corona-Krise führt zu Einstellungsstopps und steigenden Arbeitslosenzahlen. Entspannt sich dadurch die Problematik des Fachkräftemangels?

Flake: Ja, also wir vom KOFA machen seit Beginn der Corona-Pandemie einen monatlichen Fachkräftereport. Tatsächlich beobachten wir in vielen Berufen, dass die Zahl der gemeldeten Stellen zurückgeht. Wir sehen aber auch ganz klar, dass die Entwicklung sehr unterschiedlich in verschiedenen Berufsbereichen ist. Wenig überraschend ist beispielsweise die Nachfrage im Hotel- und Gaststättengewerbe stark zurückgegangen und bestimmte Engpässe, die es in diesem Bereich gab, haben sich dadurch natürlich entspannt. Aber wir alle hoffen ja, dass wir bald wieder wie vor der Pandemie in Restaurants und Bars gehen und Urlaub planen können. Das heißt hier gehen wir davon aus, dass in diesem die Fachkräftesituation auch wieder angespannter wird. Zudem beobachten wir Berufsbereiche, in denen die Nachfrage aktuell sogar steigt. Hierzu gehören beispielsweise Berufe in der Sozialverwaltung- und -versicherung oder auch Berufe in der Chemie- und Pharmatechnik. Zum Teil gehören diese Berufe zu den sogenannten versorgungsrelevanten Berufen. Und man muss sagen, in vielen dieser Berufe hatten wir auch schon vor der Corona-Krise Engpässe. Das heißt ganz klar, von einer Entspannung oder auch sogar Lösung des Fachkräftemangels würde ich unter den aktuellen Umständen eben nicht sprechen.

Moderatorin: Fachkräfte werden also nach wie vor dringend gebraucht. Wie gelange ich als kleines oder mittelständisches Unternehmen denn während der Krise an geeignete Mitarbeiter?

Flake: Tatsächlich fallen viele Rekrutierungswege seit Beginn der Corona-Pandemie schlicht und einfach durch die Kontaktbeschränkungen weg: Seien es Messeauftritte, Tage der offenen Tür oder eben auch persönliche Kennenlerntermine. Wir vom KOFA empfehlen Unternehmen, die aktuelle Situation zu nutzen, um die eigenen Rekrutierungsprozesse mal so ein bisschen unter die Lupe zu nehmen.

In vielen kleinen und mittleren Unternehmen wird eben der Personalbedarf nicht langfristig und strategisch geplant. Und wenn dann eine Stelle „aufploppt“, die besetzt werden muss, muss alles schnell gehen, und das heißt schon mal, dass eine alte Stellenausschreibung quasi aus der Schublade gezogen, ein bisschen angepasst und wieder veröffentlicht wird. Wir empfehlen wirklich diese Stellenausschreibung einfach noch mal ganz genau zu analysieren und sich die Fragen zu stellen: Spreche ich wirklich die Menschen an, die ich mit meiner Stellenausschreibung erreichen möchte? Passen die Qualifikations- und auch Kompetenzanforderungen, die Unternehmen ja gerne mal sehr großzügig formulieren, wirklich zu der besetzenden Stelle? Und nicht zuletzt auch die Frage: Mit welcher Bildsprache arbeite ich, also was ist meine Visitenkarte nach außen?

Außerdem möchten wir Unternehmen ermutigen, auch Vorstellungsgespräche oder auch Onboardingprozesse ruhig mal digital anzugehen. Es gibt viele Tools, die sie dafür nutzen können. Wir selber haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht und konnten eine tolle neue Kollegin bei uns im Team begrüßen.

Moderatorin: Das neue Ausbildungsjahr steht kurz vor dem Start. Haben Sie Tipps, wie ich als Unternehmer an geeigneten Nachwuchs komme?

Flake: Gut, dass Sie das Thema Ausbildung noch einmal ganz explizit ansprechen. Die Bundesregierung hat ja Ende Juni das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ beschlossen. Es ist nämlich ganz wichtig, dass wir auch in der aktuellen Krise die Ausbildung unseres Nachwuchses nicht vergessen. Denn gut ausgebildete Fachkräfte brauchen wir auch ganz dringend in Zukunft. Natürlich ist auch hier die Rekrutierung schwieriger als in früheren Jahren. Beispielsweise fallen Schulkooperationen und Betriebspraktika weg, die gerade für KMU ganz zentral für die Kontaktaufnahme mit Jugendlichen sind.

Eine alternative Möglichkeit sind beispielsweise aktuell sogenannte virtuelle oder auch digitale Ausbildungsmessen. Wir vom KOFA haben für Unternehmen ein paar Tipps für den virtuellen Messeauftritt zusammengestellt. Denn man muss schon sagen, wie bei einer ganz „normalen“ Messe ist auch hier eine gute Vorbereitung wichtig für einen gelungenen Messeauftritt. Angefangen bei der Gestaltung des virtuellen Messestands wo man beispielsweise den Hintergrund mit dem passenden Firmen-Roll-up gestaltet. Die Möglichkeit, mit dem Veranstalter vorab einen Technik-Check zu machen, damit am Tag der Messe auch wirklich alles glatt läuft. Und auch hier die Aktualisierung der Karrierewebseite und der Stellenanzeigen, auf die die Messe dann verlinkt.

Moderatorin: Haben Sie zum Abschluss noch einen Tipp für unsere AOK-Firmenkunden?

Flake: Zunächst einmal wünsche ich allen, dass sie gesund durch diese Krise kommen. Und darüber hinaus möchte ich alle ermutigen, einfach mal neue Wege auszuprobieren. Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass im Moment Ausprobieren und damit verbunden auch mal Fehler zu machen viel stärker toleriert wird, als zu manchen anderen Zeiten. Sei es, dass man neue Tools zur digitalen Zusammenarbeit testet oder auch neue Formen der Arbeits- und Teamorganisation.

Und ich finde jetzt ist auch ein guter Zeitpunkt zu überlegen, was man vielleicht auch in die Zeit nach der Krise mitnehmen möchte. Es muss ja nicht unbedingt ein „zurück zur Normalität“ sein, sondern kann auch ein Weg in eine neue, vielleicht in manchen Bereichen bessere Normalität sein. Hier ist aus meiner Sicht das Rosinen picken absolut erlaubt.

Moderatorin: Das wäre sehr wünschenswert! Vielen Dank, Frau Dr. Flake.

Flake: Sehr gern!

Moderatorin: Liebe Zuhörer, sollten Ihre Fragen nach unserer Fragerunde noch nicht hinlänglich beantwortet sein, fragen Sie gern Ihre AOK vor Ort.

Übrigens: Die AOK ist mit ihren Gesundheitsangeboten auch digital unterwegs. Die Inhalte finden Sie online unter aok.de/fk/digitale-gesundheitsangebote.

Mitmachen lohnt sich für alle, die gesund und fit durch die Krise kommen möchten.

Der nächste AOK-Podcast für Arbeitgeber wird in der kommenden Woche bereitgestellt. Das Thema: Wie ein Unternehmen auch in Krisenzeiten gesunde Führung lebt – ein Beispiel aus der Praxis.

Vielen Dank fürs Zuhören!

Über die Expertin

Dr. Regina Flake arbeitet seit 2013 am Institut der deutschen Wirtschaft im Bereich Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte. Sie ist Senior Economist und Teamleiterin im Projekt Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA). Das KOFA ist ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördertes Projekt, welches kleine und mittlere Unternehmen rund um das Thema Fachkräftesicherung und gute Personalarbeit unterstützt.

Ausblick

In der fünften Folge „AOK im Ohr – der Arbeitgeberpodcast“ berichtet Thomas Röder, Filialleiter beim Drogerieunternehmen Rossmann, über gesundes Führen in Zeiten der Pandemie.

Einfach reinhören.

Stand

Erstellt am: 30.07.2020

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