Digitalen Stress am Arbeitsplatz reduzieren

Immer mehr Beschäftigte fühlen sich gestresst, auch durch die wachsende Zahl an virtuellen Meetings. Warum das so ist und wie Führungskräfte optimal unterstützen können, erklärt Arbeits- und Gesundheitspsychologe Professor Tim Hagemann.

„Virtuelle Konferenzen sparen Zeit, erhöhen aber den Druck“

Herr Hagemann, als Professor für Arbeits- und Gesundheitspsychologie an der Fach­hochschu­le der Diakonie in Bielefeld forschen Sie unter anderem zur Digitalisierung der Ar­beits­welt und zu digitalem Stress. Was genau löst den eigentlich aus?

Es gibt viele Faktoren, die digitalen Stress auslösen. Kern der Sache ist, dass wir immer mehr Techno­lo­gi­en beherrschen müssen, ständig überall erreichbar sind und Neues morgen schon wieder ver­al­tet ist. In der Coronakrise hat beispielsweise die Anzahl der virtuellen Konferenzen stark zu­ge­nom­men. Untersuchungen zeigen, dass Beschäftigte, die häufig an Online-Kon­fe­ren­zen teil­neh­men, unter sogenannter „Zoom-Fatigue“ leiden. Sie sind also wortwörtlich erschöpft von den digitalen Meetings. Dieses Beschwerdebild geht mit Symptomen wie Müdigkeit, er­höh­ter Reiz­bar­keit, Kopfschmerzen, Rücken- und Gliederschmerzen sowie Magenschmerzen, Schlaf- und Seh­stö­run­gen einher.

Warum empfinden so viele Beschäftigte virtuelle Besprechungen als belastend?

Das hat mehrere Gründe. Anders als bei persönlichen Treffen, wo man auch mal den Blick im Raum schweifen lässt, schauen sich Menschen in virtuellen Konferenzen meist direkt an. Die Teilnehmer fühlen sich von den anderen Teilnehmern beobachtet – das sorgt für Stress. Dieser Stress nimmt zu, wenn sich viele Konferenzteilnehmer einwählen und viele „Kacheln“ auf dem Bildschirm erscheinen. Ein weiterer Faktor, der sich belastend auswirkt, ist die Selbstansicht in Videokonferenzen. Wenn wir unser eigenes Bild auf dem Bildschirm sehen, schauen wir per­ma­nent hin – und dagegen können wir wenig tun, das ist in uns psychologisch verankert. Das Phä­no­men nennt sich „selbstbezogene Aufmerksamkeit“. Dabei denken wir nicht etwa positiv über uns, sondern vor allem kritisch, wie zahlreiche Studien belegen. Und auch hier gilt: Selbstkritische Gedanken fördern den Stress.

Gibt es weitere Belastungsfaktoren?

Digitale Meetings sind auch deshalb besonders anstrengend, weil Menschen daran gewöhnt sind, nonverbal zu kommunizieren, also mit Gestik und Mimik. In virtuellen Meetings entfällt das wei­test­ge­hend. Unser Gehirn versucht jedoch in dieser „virtuellen“ Situation weiterhin unbewusst, die Gesten, Mimik und Zeichen der anderen Teilnehmer zu interpretieren, scheitert daran aber im­mer wieder. Das kostet Kraft und ermüdet. Darüber hinaus löst der sogenannte Rebound-Effekt ebenfalls Stress aus.

Was bedeutet der Rebound-Effekt?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Rebound-Effekt bedeutet so viel wie Bumerang-Effekt. Ge­meint ist, dass digitale Tools zwar etliche Vorteile mit sich bringen, dafür sorgen, dass wir schnel­ler, einfacher und effektiver kommunizieren können, uns Dienstreisen ersparen. Die andere Seite der Medaille ist aber, dass durch diese Erleichterung meist mehr Meetings abgehalten werden als zuvor. Diese Meetings ziehen in der Regel weitere Arbeitsaufträge nach sich. Die Zeitersparnis, die wir uns von den digitalen Tools wie Zoom oder Teams erhofft haben, tritt also nicht ein – im Ge­gen­teil.

Wie können Führungskräfte dabei helfen, den Einsatz von virtuellen Konferenzen zu ver­bessern?

Wichtig ist es, die Beschäftigten dabei zu unterstützen, gute Strategien für den Umgang damit zu entwickeln, zum Beispiel mit diesen Tipps:  

  1. Führungskräfte und Beschäftigte sollten vor dem Meeting die Frage stellen: Ist ein virtuelles Treffen mit dem ganzen Team nötig oder kann das Thema in kleinerer Runde besprochen werden?
     
  2. Für die Anzahl an Videokonferenzen pro Woche ein Limit setzen und diese Zahl nicht über­schreiten.
     
  3. Wenn doch mal mehrere Meetings am Tag nötig sind, dazwischen Pausen von mindestens 15 Minuten für eine kurze Erholung einlegen.
     
  4. Teilnehmer können die Selbstansicht ausschalten, sobald klar ist, dass sie für die anderen Kol­le­gen gut zu sehen sind. Wer nicht weiß, wie das geht, dem hilft die IT-Abteilung.
     
  5. Je länger eine Online-Konferenz dauert, desto stärker lässt die Konzentration nach. Daher ist es sinnvoll, die Dauer von Video-Calls auf maximal eine Stunde zu begrenzen.

So unterstützt die AOK

Die digitale Welt stellt an Arbeitgeber und Beschäftigte viele neue Herausforderungen. Wir haben für Sie hilfreiche Tipps zusammengestellt, unter anderem zu wertschätzender Kommunikation im Homeoffice und zu einer stressfreien Arbeitsorganisation. Mehr dazu finden Sie hier. Nutzen Sie zu­sätz­lich das neue Online-Programm „Gesund im Homeoffice“, das Beschäftigte und Füh­rungs­kräf­te bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden unterstützt. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Stand

Erstellt am: 13.01.2022

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