Gesund führen aus der Ferne

Während der Coronavirus-Pandemie haben viele Unternehmen die Arbeit von zu Hause eingeführt. Wie gelingt es, Beschäftigte aus der Distanz zu führen und dabei ihre Gesundheit im Blick zu behalten? Antworten darauf gibt Jochen Gurt, der sich als Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fach­hoch­schule für Ökonomie und Management (FOM) und Leiter des Instituts für Innovative Organisations- und Personalentwicklung in Bochum mit den Themen Füh­rung und Gesundheitsmanagement beschäftigt.

„Wichtig ist, dass Chefs stets aktiv auf ihr Team zugehen“

Herr Professor Gurt, die Arbeit im Homeoffice führt zu beruflichem „Social Distancing“ – Führungskräfte und Beschäftigte sind in ihrem Berufsalltag räumlich komplett von­einan­der getrennt. Wie wirkt sich das auf die Gesundheit der Belegschaft aus?

Ein Plausch zwischendurch oder der gemeinsame Abschied in den Feierabend: Das alles ist so­zi­a­ler Klebstoff, der das Team normalerweise zusammenhält. Denn der Austausch mit Kollegen ist eine wichtige Kraftquelle oder Ressource, die dabei unterstützt, die Anforderungen im Joballtag zu bewältigen. Ein guter Zusammenhalt des Teams stärkt die Beschäftigten in Krisenzeiten, mo­ti­viert sie und macht sie resilienter, also stressresistenter. Und er ist auch die Grundlage für eine gute fachliche Zusammenarbeit. Arbeiten alle von zu Hause, fallen diese informellen, spontanen, aber wichtigen Zusammentreffen weg. Von den Beschäftigten ist viel mehr Selbstmanagement gefragt, klare Arbeitsstrukturen verschwimmen, die Beschäftigten sind ständig – auch außerhalb der Arbeitszeiten – erreichbar. Außerdem befürchten viele, dass ihre Arbeit nicht mehr so wahr­ge­nom­men wird. Das kann zu Stress, psychischem Druck und Unsicherheit führen.

Wie gelingt es Führungskräften, das Team trotzdem zusammenzuhalten?

Die grundsätzlichen Aufgaben und Funktionen der Führungskräfte bleiben dieselben, auch wenn die Beschäftigten im Homeoffice tätig sind: Führen bedeutet hier aber mehr denn je, für andere unterstützend da zu sein, sicherzustellen, dass jeder seine Aufgaben erledigen kann und auch die Gemeinschaft zu pflegen: Für das Teamgefühl können Führungskräfte zum Beispiel eine Kon­fe­renz zur wöchentlichen Agenda einberufen oder freitags gemeinsam die Woche reflektieren.

Darüber hinaus gilt: Je größer das Team, desto wichtiger werden offizielle Leitfäden zum richtigen Verhalten oder auch FAQ-Listen, die typische Fragen zur Homeoffice-Situation beantworten. Klare Regeln geben den Beschäftigten Sicherheit und vermeiden unnötigen Stress.

Was können Führungskräfte noch tun, um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern?

Sie können flexible Arbeitszeiten anbieten, damit alle Mitarbeiter – ob mit oder ohne Kinder – ihr Arbeitspensum schaffen. Wichtig ist, dass Vorgesetzte stets aktiv auf ihr Team zugehen. Also: Feed­back-Gespräche nicht nur anbieten, sondern Mitarbeiter konkret ansprechen. Auch wö­chent­li­che Abfragen zum Energielevel, der Motivation und dem Wohlbefinden sind hilfreich. Dafür gibt es Apps, mit denen sich die Antworten anonym auswerten lassen, um dann im Team gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Was ist für die Kommunikation besonders wichtig?

Sie braucht klare Regeln. Um zum Beispiel zu klären, wann ein Mitarbeiter ansprechbar ist – und wann nicht –, bietet sich eine Software an, die den Anwesenheitsstatus jedes Mitarbeiters an­zeigt. Stellt sich ein Beschäftigter auf abwesend, kommuniziert er damit, dass er in dem Moment nicht erreichbar ist. Außerdem ist es sinnvoll, klar festzulegen, bis wann die Belegschaft er­reich­bar sein soll. Vorgesetzte haben hier eine Vorbildfunktion: Wenn sie beschließen, dass maximal bis 20 Uhr gearbeitet wird, ist es ungünstig, kurz vor Mitternacht noch eine Mail ans Team zu ver­schi­cken.

Sind Meetings auch im Homeoffice sinnvoll?

Ja. Wichtig ist, dass Führungskräfte ein oder mehrere virtuelle Treffen auf Arbeitsebene vorgeben, die von allen eingehalten werden. Das kann das wöchentliche Montags-Meeting sein. Informelle Zusammenkünfte hingegen, etwa ein virtuelles Kaffeetreffen, sollten freiwillig sein. Sonst ver­feh­len sie ihren positiven gesundheitlichen Effekt, der sich beim Entspannen und Abschalten einstellt – schließlich sollen nur diejenigen, die es gerade brauchen, sich austauschen können.

Grundsätzlich gilt: Mitarbeiter nehmen neue Kommunikationsregeln oft ganz unterschiedlich wahr: Der eine empfindet die Idee eines täglichen Update-Gesprächs als fürsorglich, der andere als Kontrolle. Das macht noch einmal deutlich, dass eine gute soziale Beziehung untereinander entscheidend dafür ist, dass Vorschläge von Vorgesetzten positiv aufgenommen werden.

Corona-bedingte Abstandsregeln werden vermutlich noch länger gelten. Wie können Führungskräfte dennoch soziale Nähe schaffen?

Wichtig ist, dass Führungskräfte in dieser Situation keine alleinigen Entscheidungen treffen, son­dern ihr Team befragen: Was habt ihr für Ideen, wie wir mit dieser neuen Art der Zu­sam­men­ar­beit umgehen? So kann man sich beispielsweise auf einen gemeinsamen Distanz-Spaziergang in der Mittagspause einigen, statt eng beieinander an einem Tisch zu essen. Oder die Belegschaft fertigt eine Fotowand mit Bildern aus der Corona-Isolation an, um sich daran zu erinnern, dass man die Zeit gemeinsam überwunden hat. Tatsächlich können Krisensituationen sogar zu­sam­men­schwei­ßen, wenn die Führungskraft ihren Mitarbeitern vermittelt: Wir haben das zusammen bewältigt.

So unterstützt die AOK

Das Homeoffice kann der erste Schritt zu einer ausgeprägteren Digitalisierung sein. Wie Füh­rungs­kräf­te den Prozess der Digitalisierung gesund gestalten können, lesen Sie auf dem AOK-Fachportal für Arbeitgeber.

Stand

Erstellt am: 16.06.2020

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