Beschäftigte bei psychischen Belastungen unterstützen

Viele Menschen leiden unter den Folgen der Corona-Krise. Ihnen fehlen soziale Kontakte, sie machen sich Sorgen um Gesundheit und Arbeitsplatz. Wie Führungskräfte helfen können.

Durch Corona nehmen psychische Probleme zu

Die Folgen der Coronapandemie schlagen vielen Menschen aufs Gemüt. Fast 70 Prozent der Erwachsenen fühlen sich emotional belastet, weil sie sich um die Gesundheit von Angehörigen sorgen. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums und des Forschungsinstituts IZA, die der AOK vorliegt. 55 Prozent leiden demnach unter der Unsicherheit, wie es in den nächsten Monaten weitergeht. Auch der Verlust sozialer Kontakte, die Einschränkung des Handlungsspielraums und Sorgen um die eigene Gesundheit belasten einen großen Teil der Bevölkerung. 15 Prozent nennen finanzielle Schwierigkeiten als Bürde. Die fehlende Trennung von Arbeit und Privatleben im Homeoffice belastet etwa jeden Zehnten.

Längere Fehlzeiten wegen psychischer Probleme

Angesichts dieser Umfrage-Ergebnisse verwundert es zunächst, dass in den Monaten Januar bis August 2020 nach Jahren erstmals wieder ein Rückgang der psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfälle zu verzeichnen ist. Das ergab eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Die WIdO-Experten vermuten hinter den Zahlen allerdings keinen „echten“ Rückgang. Sie glauben vielmehr, dass psychisch erkrankte Beschäftigte aus Angst vor Ansteckung häufiger auf einen Arztbesuch verzichteten. Andererseits nahm bei Menschen, die wegen psychischer Erkrankung einen Arzt aufsuchten, die Länge der Krankschreibungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sprunghaft zu. Um mehr als drei Tage – von 25,9 Tagen auf 29,3 Tage – stieg die Dauer des durchschnittlichen psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfalls bei den AOK-Mitgliedern.

Was können Arbeitgeber tun?

Trotz des hohen psychischen Drucks, der offenbar auf vielen Menschen lastet, tun sich über die Hälfte der Betroffenen schwer, über ihre seelischen Probleme zu sprechen oder sich Rat beziehungsweise Hilfe bei anderen zu suchen. Auch das ergab die forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums und des Forschungsinstituts IZA. Dabei ist klar: Darüber reden kann helfen, einen angemessenen Umgang mit psychischen Belastungen zu finden und sie zu reduzieren. Die Offensive Psychische Gesundheit, eine Kooperation von Politik und Präventionspartnern wie der AOK, wirbt deshalb für mehr Offenheit im Umgang mit psychischer Gesundheit. Arbeitgeber oder Führungskräfte sind aufgefordert, betroffenen Mitarbeitern Unterstützung anzubieten.

INQA
Drei Ministerien beteiligt

Auf der Internetseite der Initiative für Neue Qualität der Arbeit finden Interessierte alle wichtigen Informationen rund um die Kampagne der drei Ministerien und der Präventionspartner.

Leitfaden für Gespräche mit Mitarbeitern

Wer als Vorgesetzter spürt, dass sich ein Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum auffällig anders verhält, müde und unkonzentriert wirkt, emotional angegriffen erscheint oder sich zurückzieht, sucht am besten das Gespräch mit diesem Mitarbeiter, um Unterstützung anzubieten. Für den Rahmen des Gesprächs haben die Experten der Offensive Psychische Gesundheit ganz konkrete Tipps:

  • Bieten Sie dem Mitarbeiter ein Gespräch über die Arbeit und das eigene Wohlbefinden an und überlassen Sie es dem Kollegen, diesen Termin festzulegen. So kann der Mitarbeiter selbst bestimmen, ob und wann er dieses Angebot annehmen möchte.
  • Wichtig ist: Sprechen Sie nicht zwischen Tür und Angel mit dem Mitarbeiter, sondern sorgen Sie für einen geeigneten Rahmen (etwa ein Büro, in dem man nicht gestört wird, ein Spaziergang). Bei ständiger Arbeit im Homeoffice kann es auch ein längeres Telefonat oder eine bilaterale Webkonferenz sein. Dieses Gespräch soll aber zu einer vorher festgelegten Zeit und nicht spontan stattfinden.
  • Ermöglichen Sie der betroffenen Person, auf Wunsch eine Vertrauensperson einzubinden.
  • Setzen Sie für den ersten Austausch nicht länger als 30 Minuten an. Die Dauer eines möglichen Folgegesprächs, in dem Veränderungen erneut besprochen werden können, kann dann gemeinsam festgelegt werden.

Fingerspitzengefühl gefragt

Die Offensive Psychische Gesundheit liefert auch praktische Hinweise, was zu beachten ist, um das Gespräch mit viel Fingerspitzengefühl zu führen:

  1. Wertschätzend kommunizieren. Sprechen Sie Ihre Besorgnis offen an (zum Beispiel „Du wirkst in letzter Zeit bedrückt. Das macht mir Sorgen“). Nehmen Sie Bezug auf Ihre Beobachtungen (zum Beispiel „Ich beobachte in letzter Zeit, dass Sie …“).
  2. Zuhören und Fragen stellen. Stellen Sie offene Fragen wie „Was beschäftigt Sie gerade? Wie läuft es im Homeoffice, wie im Projekt …“ Wichtig ist erst mal, zuzuhören und nachzufragen, um die Situation zu verstehen und nicht gleich Ratschläge zu geben oder von eigenen Problemen zu sprechen.
  3. Nicht zu viel erwarten: In einem ersten Gespräch geht es erst mal darum zu verstehen, was den Gesprächspartner bewegt und ob man unterstützen kann. Nehmen Sie die Reaktion des Gegenübers ernst: Wirkt es so, als würde der Beschäftigte das Thema gerne vertiefen? Dann sind Sie als Vorgesetzter gefragt. Aber auch Zurückhaltung oder Ablehnung des Mitarbeiters respektieren.
  4. Mitgefühl zeigen: Nehmen Sie Ihren Gesprächspartner in seinen Sorgen ernst und zeigen Sie das auch in Ihren Reaktionen: „Ich kann das nachvollziehen …“; „Das kann ich gut verstehen, dass …“ Verzichten Sie unbedingt auf Aussagen wie „Man muss nur wollen“ oder: „So schlimm ist es doch nicht.“

Weitere Tipps für eine wertschätzende Kommunikation auch in Zeiten von Homeoffice finden Sie in einem weiteren Beitrag.

Gesund führen
Durch die Krise führen
Vorgesetzte müssen gerade in Krisenzeiten nah am Mitarbeiter bleiben, auch auf Distanz. Ihre Aufgabe ist es, das Team zusammenzuhalten, jeden Einzelnen zu unterstützen. Das Online-Programm „Gesund führen“ der AOK bietet Führungskräften dabei konkrete Hilfen für den Alltag.

Hilfsangebote der AOK für eine starke Psyche

Ein erstes Gespräch mit einem Mitarbeiter ist ein guter Anfang. Danach heißt es am Ball bleiben. Wenn der Mitarbeiter das wünscht, können weitere Gespräche geführt und es kann auf mögliche Hilfsangebote hingewiesen werden. Eine gute, ganz praktische Möglichkeit, um Beschäftigten bei der Verbesserung ihres Wohlbefindens zu helfen, sind die kostenfreien digitalen Angebote der AOK.

Stress im Griff
Stressoren erkennen

Das Programm „Stress im Griff“ unterstützt die Nutzer, ihre innere Widerstandsfähigkeit zu stärken, damit Stress gar nicht erst entsteht. In vier Wochen lernen die Teilnehmer, welche persönlichen Stressoren sie haben und wie sie gelassener mit den neuen Herausforderungen des Alltags umgehen können. Das von Experten entwickelte Programm überzeugt mit einer sehr hohen Zufriedenheitsquote von 80 Prozent.

Moodgym
Niedergeschlagenheit vorbeugen

„Fitness für die Stimmung“ bedeutet „Moodgym“ übersetzt. Dahinter verbirgt sich ein Online-Selbsthilfeprogramm, um depressiven Symptomen wie Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit vorzubeugen oder diese zu verhindern. In fünf Bausteinen erfahren die Teilnehmer, wie sie negative Gedankenmuster erkennen und ersetzen können.

Schritt für Schritt Erleichterung in den Alltag bringen

Darüber hinaus gibt es ein weiteres neues Online-Training, das speziell anlässlich der Coronakrise von Psychologen der Leuphana Universität Lüneburg entwickelt wurde. Das kostenfreie Programm, das die AOK zusammen mit verschiedenen Kooperationspartnern fördert, heißt „get calm and move on“, was sich mit „Ruhig bleiben und vorwärtsgehen“ übersetzen lässt. In zehn Schritten von jeweils 45 Minuten lernen die Teilnehmer dabei, wie sie Anspannung, Stress und Sorgen entschärfen können und Kraft schöpfen, um die neuen Herausforderungen anzugehen. Das Online-Training bietet viele Anregungen und Übungen, um etwas Erleichterung in den Alltag zu bringen – trotz der aktuellen Sorgen um Gesundheit, Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit. Das Programm unterstützt zum Beispiel dabei,

  • einen guten Umgang mit schwierigen Gefühlen wie Ängsten und Sorgen zu finden und für Entspannung zu sorgen;
  • Orientierung und Struktur zu finden und zu schauen, was man tun kann, um trotz der Corona-Krise das zu stärken, was einem im Leben wirklich wichtig ist und Kraft gibt;
  • sich in dieser schwierigen Zeit selbst zu unterstützen und das Positive im Blick zu behalten.
get calm and move on
Psyche stärken in zehn Schritten

Wer als Führungskraft für sich oder einen Mitarbeiter Unterstützung sucht, findet hier weiterführende Informationen zu dem Programm „get calm and move on“, das zugleich eine Studie ist.

Die eigene Resilienz schulen

Wie gut und souverän Beschäftigte oder Führungskräfte durch Krisenzeiten wie die aktuelle Coronapandemie kommen, hängt auch von ihrer inneren Widerstandsfähigkeit ab. Diese sogenannte Resilienz lässt sich verbessern, indem man den Blick für die verschiedenen Resilienz-Faktoren schärft und diese trainiert wie einen Muskel. Realistischer Optimismus, Achtsamkeit, soziale Beziehungen und Lösungsorientierung gehören dazu. Wie genau so ein Training aussehen kann, erfahren Sie in dem neuen Online-Seminar der AOK “Mental stark (nicht nur) in Krisenzeiten - Resilienztraining für Stehaufmännchen”.

Stand

Erstellt am: 14.12.2020

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