#Gesundheit am 10.05.2021 aktualisiert am 11.05.2021

Achtung Zecken: Wie ein Stich das ganze Leben verändern kann

Zecke krabbelt auf einem Grashalm zwischen zwei Fingern.
iStock / Kerrick

Naturfreunde kennen sie nur zu gut: Zecken. Sie stechen, saugen sich voll und können dabei verschiedene Krankheiten übertragen. Den Stich selbst merken wir in der Regel nicht, ebenso können die durch übertragene Erreger ausgelösten Erkrankungen oft lange unbemerkt bleiben.

Manchmal überkommt Josef Würzburger (56) eine unerklärliche Müdigkeit, die ihn keinen klaren Gedanken fassen lässt, „es ist, als hätte ich Nebel im Kopf“. Zu den Konzentrationsschwierigkeiten gesellen sich unsägliche Kopfschmerzen und Sehstörungen. Das geht über mehrere Tage. Nicht immer, aber in unregelmäßigen Abständen, und das seit zehn Jahren. „Mal kommen die Schübe alle sechs Wochen, und manchmal bleibe ich ein halbes Jahr symptomfrei“, so Würzburger.

Hinter den unspezifischen Beschwerden des 56-Jährigen steckt eine Borreliose – eine Infektionskrankheit, die vor allem durch Zecken übertragen wird. Rechtzeitig erkannt, ist sie mit Antibiotika gut behandelbar. Doch in Josef Würzburgers Fall lagen zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose 10 Jahre – eine Odyssee durch etliche Arztpraxen Baden-Württembergs inklusive.

Die ersten Anzeichen merkt Würzburger am Ostersamstag 2010. Wie jeden Morgen will der Landwirt aus dem Glottertal seine Tiere füttern. 60 Rinder verlassen sich auf ihn. Doch als der Wecker klingelt, fühlt er sich hundeelend: „Auf allen Vieren bin ich aus dem Bett gekrochen – es war wirklich unvorstellbar“, erinnert sich Josef Würzburger noch heute. Ein paar Tage hält er diese Kopf- und Gliederschmerzen einfach aus, erst dann geht er zu seinem Hausarzt. Der kann nach einer Blutuntersuchung allerdings nichts Ungewöhnliches feststellen und schickt ihn wieder nach Hause. So kann es jedem Borreliose-Erkrankten ergehen – denn die Symptome sind oft nicht eindeutig.

Zeckenkrankheiten sind nur schwer zu entdecken

Borreliose ist die mit Abstand häufigste durch Zecken übertragende Krankheit in Europa und man kann sich in ganz Deutschland mit Borrelien infizieren. In manchen Regionen können sogar bis zu 30 Prozent der Zecken Borrelia-Bakterien in sich tragen.  Als ersten Hinweis auf eine Borreliose bildet sich häufig ein ringförmiger roter Fleck um die Einstichstelle, der sich langsam ausbreitet, die sogenannte Wanderröte. Tritt diese Entzündungsreaktion nicht auf oder kann sich der Patient weder an eine Rötung noch an einen Zeckenstich erinnern, gestaltet sich die Diagnose einer Borreliose schwierig.

Das gilt auch für eine FSME-Infektion. Die zweithäufigste durch Zecken übertragene Krankheit, die jedoch durch ein Virus ausgelöst wird. Allerdings kommt dieses deutlich seltener in Zecken vor und auch nur in bestimmten Gebieten. Darum ist eine Infektion seltener. Bei beiden Krankheiten werden unspezifische Symptome wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Gelenk- oder Kopfschmerzen oft als Zeichen eines grippalen Infekts missdeutet. Bei der Borreliose kommt ein langsames Fortschreiten der Krankheit erschwerend hinzu. Symptome können mit einer Verzögerung von bis zu acht oder mehr Jahren auftreten.

Zecken-Opfer Josef Würzburger mit einem seiner Rinder auf seinem Hof.
Josef Würzburger

Viele Diagnosen, aber keine Besserung

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass viele an Borreliose erkrankte Menschen bis zur richtigen Diagnose mit unterschiedlichsten Krankheiten konfrontiert werden. So auch bei Josef Würzburger: Bei ihm soll erst die Psyche verantwortlich sein, später wird ihm ein zu hoher Alkoholkonsum unterstellt. Medikamente werden dem Landwirt zu keiner Zeit verschrieben.

Erst 2016, sechs Jahre nach Ausbruch der Krankheit, bekommt er die erste konkrete Diagnose: Schlafapnoe. Ein HNO-Arzt bestätigt diese und Josef Würzburger muss ins Schlaflabor. Dort verordnen die Ärzte ihm eine Schlafmaske, mit der er überhaupt nicht zurechtkommt: „Ich konnte nicht atmen, bin nachts regelmäßig aufgewacht und habe so sehr geschwitzt, dass der Schweiß von der Matratze getropft ist.“ Also muss er zurück ins Schlaflabor. Insgesamt zieht sich diese Behandlung etwa zwei Jahre. Am Ende wird er mit Verdacht auf Asthma zum Lungenfacharzt geschickt. Dieser kann die Atemwegserkrankung allerdings ausschließen. Die Suche nach der Ursache und einer Lösung beginnt von vorne.

2018 ist für Josef Würzburger das schlimmste Jahr. Die Beschwerden kommen immer häufiger und bleiben länger. Die Schmerzen schlagen auf sein Gemüt, der Landwirt wird immer ungeduldiger und leicht reizbar. So kommt es, während er sich um sein Getreidefeld kümmert, zu einem Streit mit einem vorbeifahrenden Radfahrer. Dieser ruft die Polizei und Würzburger muss sich einem Alkoholtest unterziehen. Das Ergebnis: 1,8 Promille. Da er mit dem Schlepper unterwegs gewesen ist, bedeutet das eineinhalb Jahre Führerscheinentzug.

Doch für Würzburger ist der hohe Alkoholwert unerklärlich: „Ich hatte zum Mittag ein oder zwei Mostschorlen, und das war zu dem Zeitpunkt der Probe schon eine Weile her. Wo kommen da die 1,8 Promille her?“ Würzburger recherchiert im Internet und stößt darauf, dass Alkoholunverträglichkeit ein Symptom von Borreliose sein kann. Auch seine anderen Symptome lassen sich mit der Krankheit erklären.

Mit seiner Vermutung begibt er sich in die Hände von Heilpraktikern. Sie unterziehen ihn der sogenannten Dunkelfeld-Mikroskopie und einem Lymphozyten Transformationstest (LTT). Die Ergebnisse deuten auf Borreliose hin. Ein auf Borreliose spezialisierter Facharzt in der Nähe von Bruchsal bestätigt die Diagnose, indem er unter anderem Antikörper im Blut sowie im Nervenwasser (Liquor) nachweist. Sein Fazit: Würzburgers jahrelange Beschwerden kommen von einer chronischen Borreliose. Damit hat 2020 für Josef Würzburger die Suche der Ursache ein Ende.

Wie lassen sich Zeckenkrankheiten behandeln?

Eine Borrelien-Infektion muss nicht zwangsläufig zu einer Krankheit führen. Selbst wenn man erkrankt, können die Symptome ohne Behandlung abklingen. Doch ohne Medikamente erhöht sich das Risiko für einen schweren Verlauf. Die bakterielle Infektion kann sich auf die Haut (Erythema migrans), die Gelenke (Lyme-Arthritis) sowie auch Gehirn und Nerven auswirken (Neuroborreliose) und in einen chronischen oder schweren Verlauf münden. Zwar hilft auch bei einem schweren Krankheitsverlauf in der Regel eine Antibiotika-Kur, aber es gilt: Je früher die Behandlung einsetzt, desto besser lässt sich die Krankheit in den Griff bekommen und eventuell die weitere Entwicklung günstig beeinflussen.

Auch FSME, eine durch Zecken übertragene Virus-Erkrankung, kann ohne weitere Folgen ausheilen. Die Beschwerden können aber ebenso über mehrere Monate bis Jahre andauern und in besonders schlimmen Fällen zu einer Hirnhautentzündung führen. Dabei können Bewusstseins- und Koordinationsstörungen oder Lähmungen auftreten. Extrem seltenen kann es sogar zu Todesfällen kommen. Bei Erwachsenen ist ein schwerer Verlauf sehr viel wahrscheinlicher als bei Kindern. Gegen die Viren gibt es bisher keine wirksamen Gegenmittel, lediglich die Symptome lassen sich mit Medikamenten lindern. Dafür gibt es im Gegensatz zur Borreliose eine Impfung, die vor einer FSME-Infektion schützen kann.

FSME-Impfung: AOK übernimmt die Kosten

Die Grundimmunisierung besteht aus drei Impfdosen. Danach muss die Auffrischung alle drei bis fünf Jahre erfolgen. Die Kosten übernimmt die AOK Baden-Württemberg für alle, die in Deutschland in FSME-Risikogebieten leben oder in diese reisen.

Wie lassen sich Zeckenstiche vermeiden?

Die Zahl der Zecken steigt in Deutschland immer weiter an und damit auch die Infektionen. Zwar war 2019 noch ein vergleichsweise mildes Jahr, aber 2020 meldete das Robert Koch-Institut (RKI) einen Rekordwert an FSME-Infektionen. Die meisten Fälle traten in Baden-Württemberg auf. Neben einer ungewöhnlich hohen Zahl an Zecken, sehen sie als mögliche Ursache auch die Corona-Pandemie: „Menschen verbringen möglicherweise ihre Freizeit häufiger im Freien und haben somit ein erhöhtes Expositionsrisiko“, heißt es vom RKI. Und da eine Impfung nur vor FSME, nicht aber vor Borreliose schützt, ist der sicherste Schutz vor einer Infektion das Vermeiden von Zeckenstichen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt:

  • Das Tragen von heller Kleidung, die den ganzen Körper bedeckt, um Zecken schneller zu entdecken.
  • Potenzielle Zeckengebiete nur mit festem Schuhwerk betreten.
  • Hautkontakt zu bodennahen Pflanzen sowie zu hohem Gras und Unterholz vermeiden.
  • Den Körper nach einem Aufenthalt in einem potenziellen Zeckengebiet gründlich absuchen. Zecken saugen vorwiegend an warmen, feuchten Stellen, z. B. am Hals, Kopf und Haaransatz sowie zwischen den Beinen, in den Kniekehlen und unter den Armen. Nach einem Einstich werden FSME-Viren zwar innerhalb sehr kurzer Zeit übertragen, aber bei Borrelien kann es ein bis zwei Tage dauern.
Zecke krabbelt auf einer Hand
iStock / Nataba

Für Josef Würzburger kommen all diese Tipps zur Vorsorge zu spät. Obwohl seine Borreliose nach der Diagnose erfolgreich therapiert werden konnte, kämpft er noch heute mit der Angst vor der Krankheit. Denn als Landwirt in Baden-Württemberg ist es fast unmöglich, den Kontakt mit Zecken zu vermeiden. Und dank seiner Recherche und der Arztgespräche über Borreliose weiß er: Immun ist man nie, selbst dann nicht, wenn man die Krankheit schon einmal besiegt hat.

So entfernst du Zecken richtig:

  • Richtiges Werkzeug parat haben: Zeckenpinzette, eine -zange oder eine -karte
  • Zecke so nah wie möglich an der Haut greifen
  • Langsam herausziehen, gegebenenfalls leicht rütteln, aber nicht drehen
  • Keine weiteren Hilfsmittel wie Öl oder Klebstoff verwenden

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