#Schmerzmittel am 13.10.2021

Schmerzmittel: Was tun, wenn es ohne nicht mehr geht?

Eine junge Frau sitzt mit ihrer Katze im Wohnzimmer und füllt Schmerzmittel in ihre Tasse.
Stocksy / Milles Studio

Wir sprechen mit Dr. Maurice Cabanis, ärztlicher Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten und Dr. Stefan Junger, Leiter der Schmerztherapie am Klinikum Stuttgart, über das oft tabuisierte Thema Medikamentenabhängigkeit.

Der Griff zur Schmerztablette geschieht häufig beiläufig und unbedacht. Dabei denkt wohl kaum jemand an eine potenzielle Suchtgefahr. Doch die Medikamentenabhängigkeit ist hierzulande weit verbreitet. Sie belegt nach der Nikotionsucht Platz 2 der Süchte und liegt damit sogar noch vor dem Alkoholismus.

Im Interview liefern Dr. Cabanis und Dr. Junger interessante Fakten zum Missbrauch von Medikamenten und klären über verschiedene Präventionsmaßnahmen auf. Zudem sprechen sie über die wachsende Zahl von Abhängigen und erklären, wie Angehörige ein potenzielles Suchtproblem bei nahestehenden Menschen ansprechen können.

Wie schätzen Sie den Schmerzmittelkonsum in Deutschland ein?

Dr. Junger: Die Anzahl der Schmerzerkrankungen ist in den letzten 20 Jahren signifikant gestiegen. Zudem haben wir in Deutschland das Problem, dass es einen hohen Schmerzmittelkonsum gibt. Etwa zehn Prozent aller in den Apotheken ausgehändigten Medikamente sind Schmerzmittel – vier Fünftel davon frei verkäuflich.

Auch bei diesen existiert ein nicht unerhebliches Potenzial für psychische Abhängigkeit. Sobald Schmerzmittel dazu führen, dass Patienten sich allgemein besser fühlen, ist diese Gefahr gegeben. Wir haben definitiv ein Überangebot an Medikamenten, die zu leicht erhältlich sind. Das ist ein großes Problem.

Dr. Cabanis: Die Menschen greifen aus den unterschiedlichsten Gründen zu Schmerzmitteln. Ein wesentlicher Punkt ist eine Entlastung. Psychische Komponenten wie Wohlbefinden spielen eine Rolle, ebenso gesellschaftliche Umstände wie Druck am Arbeitsplatz.

Wie erklären Sie sich den zunehmenden Griff zur Tablette?

Dr. Junger: Es hat sich in den letzten Jahren eine andere Akzeptanz gegenüber Schmerzmitteln entwickelt. Als ich in den 90er Jahren meine Ausbildung in der Schmerzmedizin begonnen habe, waren zum Beispiel Opioide oder Cannabis noch verteufelt – außer für Tumorpatienten. Zudem kommt in der heutigen Zeit vermehrt der Druck des „Funktionieren müssens“ auf. Um diesen Zustand auszuhalten oder ihre allgemeine Unzufriedenheit zu dämpfen, greifen viele auf Medikamente zurück.

Insgesamt sind es aber sehr viele Komponenten, die eine Rolle spielen. Deshalb ist es wichtig, den Patienten nicht nur körperlich zu untersuchen, sondern auch sein gesamtes Umfeld im Blick zu haben: Wie ist seine familiäre, berufliche, private und soziale Situation? Das ist in der heutigen „Drei-Minuten-Medizin“, die kaum ausreichend Zeit für den Einzelnen findet, nicht mehr möglich. Dabei brauchen wir viel mehr Berücksichtigung des Gesamtpatienten mit all seinen Rahmenbedingungen.  

Führt das „Funktionieren müssen“ am Arbeitsplatz zu Medikamentenmissbrauch?

Dr. Cabanis: Wie Dr. Junger bereits richtig gesagt hat, kann man das nicht auf einen Aspekt reduzieren. Es sind verschiedene Leistungsanforderungen, denen man gerecht werden will. Das erleben wir sehr oft. Aufgrund der hohen Anforderungen an den Menschen muss die Leistungsfähigkeit permanent gegeben sein. Schmerzmittel können hier neben anderen Substanzen die Funktion erfüllen, die Leistungsfähigkeit zu steigern oder wieder zur Ruhe zu kommen. Damit beginnt oft ein Teufelskreis, der langfristig in eine Abhängigkeitserkrankung führt.   

Die meisten Menschen, die zu Medikamenten greifen, probieren den verschiedenen Anforderungen mithilfe entsprechender Mittel gerecht zu werden. Aber auch hier ist die Biografie der einzelnen Person ein entscheidender Punkt. Liegt eine posttraumatische Belastungsstörung vor? Befindet sich jemand in einem fordernden Umfeld und ist täglich Konkurrenz ausgesetzt? Es sind überwiegend Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden und versuchen, diese mit Medikamenten oder Substanzen zu bewältigen.

Ist vielen Menschen ihre Abhängigkeit oft gar nicht bewusst?

Dr. Cabanis: Häufig ist es so, dass man sich selbst nicht als abhängig wahrnimmt und denkt, man habe die Lage unter Kontrolle. Über einen gewissen Zeitraum funktioniert das auch. Dennoch ist im Gespräch mit den meisten Betroffenen schnell zu spüren, dass ein Veränderungswunsch da ist. Den Begriff „Sucht“ akzeptieren die Patienten allerdings häufig nicht.

Wichtig ist in dem Fall der empathische und motivierende Umgang mit dem Betroffenen, um ihn zu bestärken. Tatsächlich ist es mittlerweile so, dass einige Arbeitgeber sensibler mit dem Thema umgehen und, wie zum Beispiel das Klinikum Stuttgart, Beratungsangebote schaffen, bei denen man intern in einem anonymen Rahmen erste Gespräche führen kann. Hierbei ist jedoch die Frage, ob der Betroffene solch ein sensibles Thema wirklich an seinem Arbeitsplatz besprechen möchte.

Solche Angebote gibt es allerdings noch viel zu selten. Ein anderes großes Problem ist, dass die Leute meistens viel zu spät Hilfe in Anspruch nehmen. Umso schwieriger ist es dann, aus einer Abhängigkeit wieder herauszukommen. Daher ist Prävention so wichtig.       

Medikamentenabhängigkeit: die unterschätzte Sucht

In Deutschland sind laut Schätzungen etwa 1,5 bis 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig – Tendenz steigend. Starke Schmerzmittel, die sogenannten Opioide und Opiate, besitzen ein besonders hohes Abhängigkeitsrisiko. Sie dürfen nur mit einem speziellen Betäubungsmittelrezept abgegeben werden. Doch auch frei verkäufliche Medikamente können zur Abhängigkeit führen und den Körper schädigen.

Umso wichtiger ist es, einen problematischen Medikamentenkonsum frühzeitig zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern. Ausführliche Informationen über Hintergründe, Risiken, besonders gefährdete Personengruppen und über die Medikamente, die abhängig machen können, bekommst du bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V..

Wie spreche ich als Angehöriger jemanden mit einem potenziellen Suchtproblem am besten darauf an?

Dr. Junger: Das Ansprechen eines zum Beispiel auffällig hohem Medikamentenkonsums an sich hat oft bereits einen Effekt. Die Leute sind bereiter, eine Veränderung anzugehen. Zwar sind die Begrifflichkeiten Sucht und Abhängigkeit negativ belegt. Dennoch ist das konkrete Thematisieren mit Fragen wie „Hast du schon einmal versucht, auf die Tablette zu verzichten?“ die erste wichtige Sensibilisierung, dass der Angesprochene für sich das Thema überdenkt.

Dr. Cabanis: Wichtig ist vor allem, eine offene, aufgeschlossene Haltung zu bewahren, ohne Vorwürfe zu machen. Fragen stellen und Angebote zur Unterstützung bieten, ist hier der richtige Weg. Man ist überrascht, wie oft das angenommen wird. Die Menschen brauchen einen gewissen Raum, um Veränderungen umsetzen zu können. Sie müssen selbst erkennen, dass sie ein Problem haben ohne Druck von außen.

Gab es diesbezüglich einen Sinneswandel in den vergangenen Jahren?

Dr. Cabanis: Ich würde eher sagen, dass das Hilfesystem offener geworden ist. Die Menschen haben mehr Möglichkeiten, über ihre Probleme zu sprechen. Zuvor war der Umgang mit Abhängigen streng Abstinenz-orientiert und stigmatisierend. Zudem wurde kaum auf die Bedürfnisse eingegangen, sodass es schwieriger war, sich zu öffnen. Der erste Erfolg bei einem Abhängigen ist bereits, die Menge der täglichen Dosis zu reduzieren.

Dazu kommt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz etwas besser geworden ist in manchen Bereichen. Insgesamt besteht hier jedoch noch ein großer Entwicklungsbedarf. Im Gegensatz zur Depression beispielsweise, über die mittlerweile offener gesprochen wird als früher, sind Abhängigkeitserkrankungen noch viel weniger im Bewusstsein verankert.

Besonders, was die Stigmatisierung betrifft, bedarf es viel Aufklärungsarbeit. Das Verständnis dafür, dass es sich um eine Erkrankung handelt und nicht um eine Charakterschwäche, ist bei vielen Menschen noch nicht angekommen.    

Der neue Podcast „Leib und Seele“

Sich mit der Entstehung, Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen auseinanderzusetzen, hilft, besser mit ihnen zurechtzukommen. In „Leib und Seele“, dem neuen Podcast der AOK Baden-Württemberg, geht die Moderatorin Lilly Wagner zusammen mit verschiedenen Schmerzexperten dem Thema auf die Spur.

Welche Behandlungsmethoden gibt es bei Medikamentenabhängigkeit?

Dr. Cabanis: Wichtig ist zunächst einmal, selbst zu erkennen, dass man ein Problem hat. Der nächste Schritt sollte zu einer entsprechenden Anlaufstelle führen, wie an unserem Klinikum zum Beispiel die suchtmedizinische Ambulanz. Bei Medikamentenabhängigkeit bieten wir eine spezielle Sprechstunde an.

Die größere Bedeutung haben jedoch die Menschen, die als erstes mit den Betroffenen in Kontakt kommen. Dazu zählen zum Beispiel Haus- und Betriebsärzte, die das Problem zunächst erkennen und anschließend so früh wie möglich entsprechende Maßnahmen ergreifen müssen. Wichtig ist hierbei, direkt ein bedürfnisorientiertes Angebot für die Patienten zu machen.

Ebenso gilt es herauszufinden, ob körperliche oder andere psychiatrische Ursachen hinter dem Missbrauch stecken. Diese behandelt man wiederum in den entsprechend spezialisierten Institutionen.             

Wie kann man während einer Schmerztherapie verhindern, dass Patienten zu Medikamenten greifen?

Dr. Junger: Aus schmerzmedizinischer Sicht ist das klar: Im Vorfeld der Behandlung muss es eine klare Absprache geben. Ich habe für die meisten schmerztherapeutischen Ansätze klare Leitlinien und Empfehlungen, welche Substanzen überhaupt sinnvoll sind. Daran muss man sich halten und das im Vorfeld mit dem Patienten ganz eindeutig besprechen. Das Ziel dabei ist, dass der Patient ein aktiveres Leben mit weniger Schmerzen führen kann.

Diese Zielabsprachen sind enorm wichtig und werden in einem Behandlungsvertrag schriftlich fixiert. Zudem muss ich die Kontrolle darüber haben, was ich verordne. Daher bespreche ich mit dem Patienten gegebenenfalls auch unangemeldete Kontrollen, um zu prüfen, ob nebenbei noch andere nicht verordnete Medikamente eingenommen werden. Das ist zwar nicht verboten. Aber ich als Verschreiber muss wissen, was mein Patient zusätzlich nimmt, um gefährliche Wechselwirkungen ausschließen zu können.

Umso wichtiger ist es, offen und ausgiebig mit dem Patienten zu kommunizieren. Ein zentraler Schlüssel in der Schmerzmedizin ist die Zeit und die Hinwendung an den Patienten, damit er sich wahrgenommen fühlt. Dann ist er auch bereit, nicht-medikamentöse Wege oder geringere Dosen zu versuchen. 

Was sind für Sie die zentralen Aspekte in der Suchtvorbeugung?

Dr. Cabanis: Aus suchtmedizinischer Sicht möchte ich die Bedeutung der Prävention hervorheben. Dieser Bereich wird leider noch sehr stiefmütterlich behandelt. Auch bei der Frühintervention gibt es bislang weltweit noch keine Leitlinien für Abhängigkeitserkrankungen. Der dritte Bereich ist die Aufklärung und die Entstigmatisierung. Dass man sowohl über die einzelnen Stoffe gut aufklärt, die man als Arzt verschreibt, und es zudem den Menschen einfacher macht, Hilfe zu bekommen.

Für einen persönlich ist es so, dass man sich die Frage stellen sollte, ob man unzufrieden ist mit der allgemeinen Situation. Das ist ein deutliches Warnsignal. Sobald man merkt, dass die Kontrolle über das eigene Konsumverhalten verloren geht, ist es wichtig, offen für Hilfe zu sein und sich Unterstützung zu suchen.     

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