#Schmerz am 18.08.2021 aktualisiert am 20.08.2021

Wenn der Schmerz den Alltag bestimmt

Eine Frau mit Kopfschmerzen plagt ihr Schmerzgedächtnis.
Stocksy / Sergey Filimonov

Chronische Schmerzen bedeuten für Betroffene eine große Belastung. Doch wodurch entstehen sie eigentlich? Wir gehen dem sogenannten Schmerzgedächtnis auf den Grund.

Er ist unangenehm, aber wichtig: der Schmerz. Für den Körper sind Schmerzen unverzichtbar, denn sie warnen ihn vor Gefahren für die Gesundheit. Manchmal jedoch bleiben Schmerzen und werden für Betroffene unerträglich.

Aus diesen chronischen Schmerzen entwickelt sich das Schmerzgedächtnis – besonders häufig bei Rückenschmerzen und Gelenkschmerzen. Wir erklären dir, wie es entsteht und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.

Wie entsteht ein Schmerzgedächtnis?

Chronische Schmerzen können durch krankhafte Veränderungen der Signalverarbeitung im Nervensystem verursacht oder verstärkt werden.

Bei unzureichender Behandlung können starke Schmerzreize Spuren im Nervensystem hinterlassen und die Empfindlichkeit für Schmerzreize erhöhen. Besonders gut untersucht sind solche Veränderungen im Rückenmark.

Ähnliche Schmerzspuren entstehen sehr wahrscheinlich aber auch im Gehirn. Solche langanhaltenden Veränderungen oder Schmerzspuren können dazu führen, dass Schmerzen als eine Art Erinnerung erhalten bleiben und abrufbar sind.

Wodurch äußert sich ein Schmerzgedächtnis?

Ein Schmerzgedächtnis äußert sich durch:

  • Zunahme der subjektiven Schmerzempfindung bei gleichbleibender oder sogar abnehmender (akuter) Schmerzintensität
  • anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen ohne erkennbaren Auslöser
  • als Schmerzauslösung durch normalerweise harmlose, nicht schmerzhafte Reize
  • oder durch spontane Schmerzen

Recht anschaulich ist dieses Bild: Ein Patient verspürt Schmerzen auch dann noch, obwohl die verursachende Körperstelle wieder gesund ist. Trotz äußerlicher Heilung sind die Umstrukturierungen der Nervenzellen so beträchtlich, dass der Schmerz weiterhin, möglicherweise auch lebenslang, anhält. Schmerz ist somit kein Symptom mehr, das einen sinnvollen Schutzmechanismus darstellt, er hat vielmehr einen eigenen Krankheitswert entwickelt.

Leiden im Ländle

Laut einer aktuellen forsa-Umfrage zum Thema „Chronische Schmerzen“, an der 1.510 Menschen aus Baden-Württemberg teilnahmen, leiden elf Prozent der Befragten so gut wie immer an chronischen Schmerzen.

Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Über 45-Jährige häufiger als Jüngere. 45 Prozent derjenigen, die an chronischen Schmerzen leiden, fühlen sich durch die Beschwerden im Alltag stark bis sehr stark beeinträchtigt.

Kann ich das Schmerzgedächtnis löschen?

Der Mensch verfügt über eine sehr wirksame körpereigene Schmerzabwehr. Hat sich bereits ein Schmerzgedächtnis entwickelt, lässt sich das Schmerzempfinden nicht komplett zurückstellen, aber durch gezielte schmerztherapeutische Maßnahmen umprogrammieren. Verfestigte Verarbeitungsprogramme im Rückenmark und im Gehirn sollen dadurch ebenfalls durchbrochen werden.

Zur Anwendung kommen multimodale, ganzheitliche Therapieansätze. Die chronischen Beschwerden lassen sich damit zwar nicht bei allen Patienten hundertprozentig reduzieren. Jedoch können die Maßnahmen eine deutliche Minderung an Häufigkeit, Dauer und Intensität der Schmerzen bewirken. Die Folge kann eine maßgebliche Verbesserung der Lebensqualität sein.  

Hoffnung für Schmerzpatienten

Da chronische Schmerzen oft in Folge eines nicht oder zu spät behandelten, akuten Schmerzes entstehen, ist es wichtig, durch eine schnelle und zielgerichtete Therapie akuter Schmerzen egal welchen Ursprungs, die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses zu vermeiden.

Ist das Schmerzgedächtnis schon eingetreten, kommt je nach Ursache eine multimodale Behandlung in Betracht. Diese kann neben Medikamenten zum Beispiel Physio-, Bewegungs-, Psycho- und Elektrotherapie, oder auch Techniken zur Schmerzbewältigung und zur Entspannung beinhalten.

Vier Fragen an einen Schmerzexperten

Wir haben Dr. med. Peter Steffen, Sektionsleiter Schmerztherapie am Universitätsklinikum Ulm, vier Fragen zum Schmerzgedächtnis gestellt.

Ein ausführliches Interview mit Dr. med. Peter Steffen mit vielen spannenden Hintergrundinformationen kannst du dir in der ersten Episode unseres neuen Podcasts „Leib und Seele“ anhören.

Der neue Podcast „Leib und Seele“

Sich mit der Entstehung, Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen auseinanderzusetzen, hilft, besser mit ihnen zurechtzukommen. In „Leib und Seele“, dem neuen Podcast der AOK Baden-Württemberg, geht die Moderatorin Lilly Wagner zusammen mit verschiedenen Schmerzexperten dem Thema auf die Spur.

Was ist ein Podcast?

Podcasts sind abonnierbare Dateien im Internet. Der Begriff setzt sich zusammen aus der Abkürzung Pod, die für playable on demand steht, also abspielbar auf Abruf, und dem von Broadcast (Übertragung) abgeleiteten Wort cast. Die gängigsten Formate sind der Audio- und der Videopodcast.

Hier gibt es in der Regel ein oder mehrere Moderatoren, die sich gemeinsam oder mit Gästen über bestimmte Themen unterhalten. Dabei kann es sich um Sport oder Gesundheit drehen, aber auch um News aus der Wirtschaft oder aus dem privaten Leben – das einzige Kriterium ist: Es muss Leute geben, die das interessiert und die zuhören bzw. zugucken.

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