#Krebs am 04.05.2021 aktualisiert am 07.05.2021

Wie Kosmetikseminare Krebspatientinnen helfen können

Junge Krebspatientin guckt trotz Haarverlust zufrieden, denn sie fühlt sich dank Kosmetik dennoch wohl in ihrer Haut.
Stocksy / CORTNEY WHITE

Mit gutem Aussehen zu neuem Selbstwertgefühl – Kosmetikseminare der DKMS LIFE richten sich gezielt an Krebspatientinnen. Was Make-up mit Lebensfreude zu tun hat und wie Teilnehmerinnen in den Seminaren neuen Mut schöpfen, erklärt Irmi Ries aus Karlsruhe im Interview mit GESUNDNAH.

Jährlich erkranken in Baden-Württemberg rund 46.000 Menschen neu an Krebs. Bei Frauen liegt das Risiko, im Laufe ihres Lebens an Krebs zu erkranken, bei 38 Prozent. Infolge der Behandlungen leiden viele der Patientinnen auch unter ihrem veränderten Erscheinungsbild – sei es aufgrund starker Hautirritationen oder des Verlusts von Haaren, Wimpern und Augenbrauen. Für viele der Frauen wird ihr Äußeres somit – zusätzlich zu den gesundheitlichen Problemen – zu einer enormen Belastung.

Die DKMS LIFE, eine Tochtergesellschaft der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei), unterstützt mit kostenfreien Kosmetikseminaren krebskranke Frauen dabei, sich nach dem Motto „look good feel better“ wieder wohler in ihrer Haut zu fühlen. Die Kurse finden aktuell mit ehrenamtlichen Kosmetikexperten und Haarspezialisten online statt. Irmi Ries aus der Nähe von Karlsruhe leitet seit 15 Jahren DKMS-Kosmetikseminare und erzählt im Gespräch, wie die Kurse Krebspatientinnen helfen können.

Frau Ries, worunter leidet Ihres Erachtens nach der Großteil der Teilnehmerinnen ganz besonders?

Die meisten Teilnehmerinnen leiden unter dem Gefühl, ihre äußerliche Weiblichkeit zu verlieren. Jede Frau, im Grunde jeder Mensch, egal ob gesund oder krank, stellt sich vor den Spiegel und möchte sich schön fühlen. Dieses Gefühl geht während einer Krebserkrankung und -behandlung oft verloren. Der erste Schock bei dieser Krankheit ist natürlich immer die Diagnose. Erstaunlich ist aber, dass der zweite Schock oft viel tiefer sitzt – nämlich der, wenn der Krebs sichtbar wird. Wenn die Patientinnen ihre Haare verlieren, ihre Augenbrauen, ihre Wimpern. Wenn jeder Mensch sofort sieht: Ich habe Krebs.

Betroffene sehnen sich danach, auch äußerlich wieder als ganze Frau gesehen zu werden. Sie möchten keine bemitleidenden Blicke. Sie möchten gesund aussehen. Für sich selbst, aber natürlich auch für Angehörige, um sich beispielsweise vor ihren kleinen Kindern nichts anmerken zu lassen. Während einer Krebserkrankung ist es enorm wichtig, noch viel, viel mehr auf sich selbst zu achten und es auch nicht zu scheuen, sich Hilfe zu suchen – sei es bei DKMS LIFE, einem Kosmetikstudio oder einer Freundin, die unterstützen kann.

Inwieweit können die Seminare dabei helfen, sich im eigenen Körper wieder wohlzufühlen?

Bei einer Erkrankung ist die äußere Schönheit ein ganz wesentlicher Teil des innerlichen Gesundwerdens. Sie ist eine Möglichkeit, dieser Krankheit die Stirn zu bieten. Man ist auf Medikamente angewiesen, auf Therapien. All das passiert innerlich, doch das Spiegelbild gehört uns. Jedes Gesicht ist schön. Jeder hat etwas Besonderes, das hervorgehoben werden kann – unabhängig von einer vollen Haarpracht oder voluminösen Wimpern. Im Seminar lernen die Teilnehmerinnen, dieses Besondere in ihren Gesichtern zu betonen.

Vor allem im Alltag vergessen viele Frauen: Nicht nur das Haus und der Garten dürfen schön sein, auch ich selbst darf schön sein. Unsere Kurse sind oft ein kleiner Anstoß, den manche brauchen, um das zu realisieren. Sie tun es für sich, damit sie im Anschluss sagen können: „Jetzt bin ich wieder ich selbst.“

Mehr Informationen zu Kosmetikseminaren in deiner Nähe und die Möglichkeit zur Anmeldung findest du hier.

Wie läuft das Kosmetikseminar ab?

Von uns bekommen die Frauen eine Tasche mit verschiedenen Produkten geschenkt – von Cremes über Lippenstift bis hin zu Reinigungsprodukten. Im Kurs funktioniert alles nach dem Prinzip „learning by doing“. Wir schminken die Frauen nicht, sondern geben ihnen Tipps und Tricks, während die Teilnehmerinnen sich selbst schminken. Natürlich legen wir das ein oder andere Mal auch Hand an und zeigen bestimmte Techniken. Genauso gehen wir auch auf die richtige Pflege ein, weil sich gerade während der Therapie die Haut stark verändern kann.

Wir sprechen über die richtigen Cremes, das richtige Make-Up und darüber, wie man Augenschatten abdeckt. Wir erklären, wie man die Augenbrauen richtig nachzeichnet, die vielleicht nicht mehr da sind oder wie man einen Lidstrich zieht, der die fehlenden Wimpern kaschiert. Vor allem die Augenpartie spielt im Kurs, an dem meist zehn Frauen teilnehmen, immer eine sehr große Rolle.

In ungefähr zwei Stunden gehen wir alles Schritt für Schritt durch. Die Kurse sind jedes Mal aufs Neue etwas ganz Besonderes. Diese Veranstaltung kann ich wirklich jeder Krebspatientin ans Herz legen– ganz egal, welchen Krebs sie hat und in welcher Phase ihrer Krankheit sie sich gerade befindet.

Wie würden Sie die Stimmung in den Kursen beschreiben?

Zu Beginn sind die Frauen oft etwas verhalten und angespannt, aber meistens auch sehr neugierig. Viele von ihnen kommen mit Tüchern oder Perücken und haben oft keine Scheu, diese während des Kurses abzulegen. Sobald die erste ihre Kopfbedeckung abnimmt, folgen die meisten ihrem Beispiel und fühlen sich ohne gleich viel wohler. Die Frauen in den Kursen teilen alle ein ähnliches Schicksal – dadurch herrscht eine enorme Offenheit. Natürlich findet gerade zu Beginn oft ein Austausch statt. Sie geben sich gegenseitig Tipps, da sie alle in unterschiedlichen Stufen der Erkrankung stecken. Jedoch steht bei diesem Kurs die Krankheit niemals im Mittelpunkt.

In diesen zwei Stunden können die Frauen einfach nur Frau sein. Es geht darum, für sich selbst einmal wieder gut zu sorgen. Neben den Kursen für Frauen bieten wir auch eigene Jugendseminare für jüngere Patientinnen an. Hier fällt besonders auf: Diese Mädchen leben im Jetzt. Sie geben ihrer Krankheit in solchen Momenten nicht die geringste Aufmerksamkeit. Sie experimentieren, sie haben Spaß, sie tauschen sich aus. Nicht selten bilden sich hier auch Freundschaften.

Am Ende eines jeden Seminars merkt man: Die Frauen sind voller Tatendrang. Sie machen sich gegenseitig Mut und Komplimente. Sie sind gestärkt in ihrer Weiblichkeit und in der Selbstverständlichkeit, dass ihnen das Schönsein zusteht. Ziel ist es, dass jede von ihnen nach Hause geht und etwas gelernt hat, das sie auch allein umsetzen kann. Und die Resonanz zeigt: Die Teilnehmerinnen profitieren wirklich langfristig von den Kursen und verwenden die Produkte auch weiterhin.

Gibt es einen Moment in den 15 Jahren, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Der schönste Moment in jedem Kurs ist, wenn die Frauen sich im Spiegel ansehen und ihre Gesichter leuchten, weil sie sich schön finden. Es gab jedoch eine Situation vor einigen Jahren, die mir besonders nah ging. Damals war in der Produkttasche eine goldene Puderdose. Eine der Teilnehmerinnen hat diese Puderdose in die Hand genommen, an ihre Brust gedrückt und war zu Tränen gerührt. Sie sagte, sie habe in ihrem Leben noch nie etwas so Schönes besessen. In solchen Momenten wird einem klar – viele Frauen haben nicht die Selbstverständlichkeit, sich selbst Produkte zu kaufen und sich selbst etwas zu gönnen.

Würden Sie sagen, dass hauptsächlich junge, schminkaffine Frauen an Ihren Seminaren teilnehmen?

Eine durchschnittliche Teilnehmerin lässt sich in unseren Seminaren nicht definieren. Sie sind bunt gemischt und zwischen 18 und 80 Jahre alt. Und auch Männer nehmen inzwischen vereinzelt an Kursen teil. Zwei bis vier Frauen sind meistens etwas erfahrener, aber es sind auch viele dabei, die sich tatsächlich noch nie geschminkt haben. Die früher vielleicht keinen Wert darauf gelegt haben, denen es jetzt aber wichtig ist, ihre Ausstrahlung wieder zum Leben zu erwecken. Sie sagen: „Ich bin es mir wert, weil es mir guttut.“

Was hilft dir in schweren Phasen?

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