#Psyche am 26.04.2021

Wenn Reize zur Flut werden: Wie fühlt sich Hochsensibilität an?

Hochsensible Frau streckt ihre Arme aus.
iStock / dikushin

Zwanzig bis dreißig Prozent aller Menschen gelten als hochsensibel. Bisher ist das Persönlichkeitsmerkmal noch wenig erforscht. Doch wie fühlt sich Hochsensibilität an? Über die Freuden und Leiden spricht Christoph Weinmann aus Esslingen im Interview mit GESUNDNAH.

Von klein auf spürte Christoph Weinmann, dass er empfindsamer ist und Reize intensiver wahrnimmt als andere Menschen. Als Kind der 1950er- und 60er-Jahre hat er sich oft ausgegrenzt und nicht verstanden gefühlt. „Was ist nur mit dem Jungen los?“, hat der Baden-Württemberger oft zu hören bekommen.

Der gelernte Koch, Hotelfachwirt und Sozialarbeiter hat einen langen Leidensweg mit Therapien und Klinikaufenthalten hinter sich, weil er oft über seine eigenen Grenzen gegangen ist – bis er im Alter von 60 Jahren für sich erfahren hat, dass er hochsensibel ist.

Heute coacht und berät der 66-Jährige Männer, Frauen und Eltern, die selbstbewusster mit ihrer empfindsamen Wesensart umgehen möchten. Wie sich die Hochsensibilität bei ihm zeigt und welche Vorteile er heute darin sieht, erzählt er im Gespräch mit GESUNDNAH.

Herr Weinmann, wie macht sich Ihre Hochsensibilität im Alltag bemerkbar?

In vielerlei Hinsicht: Meine Sinneswahrnehmungen sind zum Beispiel stark ausgeprägt, vor allem mein Gaumen und meine Nase. Ich sehe, schmecke, rieche, höre und fühle einfach sehr intensiv. Meine Nase weiß recht schnell, wenn der Kuchen im Backofen droht, schwarz zu werden. Oder bei Lebensmitteln kann ich besonders gut riechen, ob sie auf der Kippe stehen.

Zudem habe ich ein ganz breites Aufnahmefeld, eine Art Adlerauge. Wenn ich irgendwo bin, speichere ich viele optische Details in kurzer Zeit ab oder kann Veränderungen sehr schnell wahrnehmen. Das kann manchmal aber auch sehr anstrengend sein. Ich bin zum Beispiel auch recht schreckhaft, vor allem im Straßenverkehr, wenn jemand plötzlich hupt oder ein Martinshorn zu hören ist.

Christoph Weinmann ist schon seit seiner Kindheit hochsensibel.
Christoph Weinmann

Fühlen Sie sich dadurch oft reizüberflutet?

Ja, definitiv. Wenn zu viele Reize von außen auf mich einprasseln, fühle ich mich schnell überfordert. Das Telefon klingelt, während das Radio läuft, und meine Frau ruft nebenan nach mir – schon solche Situationen können stressig für mich sein und mich emotional sehr einnehmen.

Bei mir ist es auch so, dass ich kaum Fernsehen schaue, vor allem Krimis wühlen mich zu sehr auf: Wenn ich mich dann schlafen lege, kommen die heftigsten Szenen wieder in mir hoch und lassen mich nicht mehr los.

Aber da mir eigentlich nie langweilig wird, brauche ich nicht viel Ablenkung von außen. Bei mir zeigt sich die Hochsensibilität auch darin, dass viele Erlebnisse des Tages in mir lange nachhallen und ich sie emotional und gedanklich erstmal verarbeiten muss. Das Kopfkino ist ständig an und es dauert vielleicht länger als bei anderen Menschen, bis ich wieder zur Ruhe gefunden habe.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität wird in der Wissenschaft als Persönlichkeitseigenschaft bezeichnet und wurde erstmal 1997 von der US-amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron beschrieben. Das Phänomen ist also keineswegs als Krankheit einzuordnen, sondern als ein Temperament, das Menschen intensiver erleben lässt.

Die Forschung zu Hochsensibilität steckt noch in den Kinderschuhen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die stärkere Reizverarbeitung im neuronalen System genetisch bedingt ist.

Die Ausprägungen von Hochsensibilität können unterschiedlich sein, doch eins haben sie gemeinsam: Hochsensible Menschen erleben sensorische Reize deutlich stärker und verarbeiten sie emotional und psychisch tiefer.

Dies kann aber auch dazu führen, dass sie in ihrem Verhalten gehemmt sind und infolge von Reizüberflutung mit Rückzug reagieren. Viele Menschen mit Hochsensibilität zeichnet darüber hinaus aus, dass sie kreativ und einfühlsam sind, lange abwägen und Stimmungen schneller wahrnehmen.

Mehr Informationen findest du auf der Website des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität e.V..

Von ihrer Hochsensibilität haben Sie erst mit 60 Jahren erfahren. Wie war das für Sie?

Meine damalige Therapeutin fragte mich, ob ich hochsensibel sei. Nach der Sitzung habe ich dazu mehr im Internet recherchiert und es ist mir plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen: Dieser Begriff beschreibt einfach, wie ich bin – und vor allem, dass Hochsensibilität ganz normal und natürlich ist. Es ist einfach meine Wesensart.

Natürlich war ich erstmal erleichtert, auch darüber, damit nicht alleine zu sein. Aber es kamen auch gemischte Gefühle hoch. Ich war geschockt und wütend. Warum hat mir das niemand schon viel früher gesagt? Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen, schließlich bin ich studierter Sozialarbeiter?

Trauer habe ich auch gespürt: Wenn ich das schon früher gewusst hätte, wie wäre mein Leben dann verlaufen…? Aber so ist es eben, ich habe erst spät für mich erkannt, dass ich hochsensibel bin, bin aber heute sehr froh über diese Erkenntnis.

Wie hat diese Erkenntnis Ihr Leben verändert?

Im Gegensatz zu früher nehme ich meine Grenzen schneller wahr und auch ernst, achte mehr darauf, nach meinen Bedürfnissen zu leben. Ich war mein Leben lang ein Workaholic, habe mich teilweise geschämt für meine „sensiblen“ Eigenschaften.

Heute gehe ich mit meiner Hochsensibilität selbstbewusst um, bin merklich lebensfroher, optimistischer und auch resilienter. Ich brauche mindestens zehn Stunden Schlaf, na und? Ausreden brauche ich nicht mehr, wenn ich mir zum Beispiel den Krimi nicht anschauen möchte. Ich kann dann einfach nicht gut schlafen.

Kurzum, ich sorge viel mehr für mich und bin nicht nur anderen Menschen gegenüber empathisch, sondern vor allem auch mir selbst gegenüber.

Was hilft Ihnen, mit Ihrer Hochsensibilität im Alltag umzugehen? Sind Sie achtsamer mit sich?

Ich erlaube mir heute viel mehr Ruhepausen. Dabei helfen mir lange Spaziergänge mit meinem Hund in der Natur, am liebsten allein. Ich brauche nicht viel um mich herum – wenn ich im Wald bin, kann ich wunderbar entspannen und habe genügend Eindrücke, an denen ich mich erfreuen kann.

Und ich höre viel mehr auf mein Bauchgefühl, das mir schnell signalisiert, wenn mir etwas nicht guttut. Ich schaue ganz genau hin: Wo sind Energiefresser? Und wo kann ich wieder gute Energie tanken? Da muss ich immer wieder die Balance finden.

Was mir letztendlich auch hilft, ist offen mit meiner Hochsensibilität umzugehen, darüber zu sprechen und andere Menschen zu ermutigen: Du bist vollkommen okay so, wie du bist!

Schätzen Sie heute Ihre Hochsensibilität?

Ja absolut. Ich sehe heute mehr die Chancen, die in meiner Hochsensibilität liegen. Auch wenn meine vielschichtigen Sicht- und Erlebensweisen manchmal sehr belastend sein können, sind sie im Grunde genommen ein Geschenk. Nicht jeder kann die Welt so intensiv wahrnehmen wie Menschen mit Hochsensibilität.

Mit 62 Jahren haben Sie sich als Coach selbstständig gemacht. Was war Ihre Motivation?

Vor vier Jahren habe ich meinen alten Beruf aufgegeben und als Coach für Hochsensibilität mit meiner Praxis „Grashalm“ in Esslingen nochmal neu angefangen. Mich motiviert vor allem meine eigene Geschichte: Obwohl wir zu Hause eine achtköpfige Familie waren, träume ich heute immer noch, dass ich allein in dem großen Haus bin. Ich habe mich einfach nicht gesehen gefühlt.

Deshalb ist es für mich ein Herzensanliegen, heute Eltern darin zu begleiten, ihre hochsensiblen Kinder zu unterstützen, damit sie selbstbewusst mit ihrer Gabe umgehen können. Aber auch Frauen und ein Glück immer mehr Männer kommen zu mir, viele von ihnen haben einen langen Leidensweg hinter sich.

Es ist mir wichtig, ihnen wieder mehr Lebensqualität mit zu ermöglichen. Viele Hochsensible zweifeln an sich, glauben, dass mit ihnen etwas nicht stimme – ich möchte sie ermutigen, ihre Hochsensibilität anzunehmen und wertschätzen zu lernen.

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