#Rueckenschmerzen am 25.08.2021

Ganzheitlich gegen den Schmerz: Wie eine spezielle Schmerztherapie bei Rückenschmerzen und Co. helfen kann

Eine Frau mit Rückenschmerzen fasst sich an die Schulter.
Stocksy / Irina Efremova

Prof. Dr. med. Marcus Schiltenwolf erklärt im Interview die biopsychosoziale Schmerztherapie, für wen sie geeignet ist und wie Schmerzpatienten wieder aktiv am Leben teilnehmen können.

Chronische und wiederkehrende Schmerzen des Bewegungsapparats haben vielschichtige Ursachen. Häufig spielen neben körperlichen Beschwerden und Erkrankungen auch psychische und soziale Belastungen eine zentrale Rolle.

Deshalb ist es wichtig, bei der Behandlung den Menschen ganzheitlich zu betrachten und all diese Bereiche einzubeziehen. Um diesem sogenannten biopsychosozialen Modell gerecht zu werden, kombiniert die multimodale Schmerztherapie verschiedene Behandlungsmethoden.

Prof. Dr. med. Marcus Schiltenwolf, Leiter des Bereichs Konservative Orthopädie und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Heidelberg, ist ausgewiesener Experte auf dem Gebiet. In unserem Interview gewährt er aufschlussreiche Einblicke in seine Arbeit.

Prof. Dr. med. Marcus Schiltenwolf ist Leiter des Bereichs Konservative Orthopädie und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Was kann ich mir unter dem „Konservative Orthopädie und Schmerztherapie"-Bereich vorstellen?

Zu diesem Bereich zählen die Schmerzambulanz und Schmerztagesklinik sowie die Gutachtenambulanz.

In der Schmerzambulanz stellen sich Menschen mit chronischen muskuloskelettalen – die Muskulatur und das Skelett betreffend – Schmerzen vor. Hier klären wir, ob eine Schmerzursache vorliegt, die durch eine operative Behandlung günstig zu beeinflussen wäre. Darüber hinaus klären wir ab, wie Patienten bislang mit ihren Schmerzen umgehen, wie sie sie regulieren können und welche Hindernisse sie selbst erkennen können. Familiäre und berufliche Verhältnisse stehen dabei ebenso im Fokus wie aktuelle und frühere Belastungen.

Wenn für jemanden eine Therapie in der Tagesklinik sinnvoll erscheint, folgt ein psychosomatisches Basisassessment (Einschätzung). Hierbei erfragen wir psychische Gesundheitsstörungen sowie die generelle Änderungsbereitschaft.

Die Tagesklinik umfasst 15 tagesstationäre Behandlungsplätze. Die Patienten werden in offenen Gruppen behandelt. Das heißt jede Woche werden einige Patienten nach 20 Behandlungstagen entlassen und neue kommen dazu. Zum Behandlungsteam zählen Ärzte, Psychotherapeuten sowie Physio- und Ergotherapeuten.

Welche grundlegende Philosophie verbirgt sich hinter dem biopsychosozialen Modell?

Jeder Schmerzpatient verfügt über körperliche und psychische Möglichkeiten, die unter dem Einfluss innerer Veränderungen und äußerer sozialer Einflüsse stehen. Die Beziehung zum eigenen Körper steht also im Verhältnis zu Außenbeziehungen. Diese ständige Anpassungsforderung kann zu Überlastung und andauernden Schmerzen führen.

Therapeutisch geht es um die Förderung der körperlichen Ressourcen, um deren Grenzen und um die Förderung der Handlungsmöglichkeiten der Patienten. Schmerzpatienten sollen erkennen und verstehen lernen, wie sie mit ihren Schmerzen handeln können – die sogenannte Selbstwirksamkeit. Zudem müssen sie ihre inneren und äußeren Hindernisse beachten.

Dieses Ineinanderwirken von inneren Möglichkeiten und äußeren Hindernissen spiegelt sich im Ineinanderwirken aller an der Therapie beteiligten Personen wider. Regelmäßige Teambesprechungen führen zu einem ständigen Austausch über die therapeutischen Prozesse, um Handlungsfortschritte zu fördern, Hindernisse zu erkennen und sie schließlich zu überwinden.

Wann und für wen ist diese Therapie sinnvoll?

Wenn die eigenen Handlungsmöglichkeiten der Patienten erschöpft sind und ambulante Möglichkeiten erfolglos bleiben. Und wenn operative Möglichkeiten keine gute Prognose haben.

Im Einzelnen müssen drei von fünf Kriterien für die Therapie erfüllt sein:

  • bestehende oder drohende Beeinträchtigung der Lebensqualität und/oder der Arbeitsfähigkeit
  • Fehlschlag einer vorherigen unimodalen Schmerztherapie eines schmerzbedingten operativen Eingriffs, zum Beispiel an Rücken, Nacken oder einem Gelenk, oder einer Entzugsbehandlung
  • bestehende(r) Medikamentenabhängigkeit oder -fehlgebrauch
  • Schmerzunterhaltende psychische Begleiterkrankung
  • gravierende körperliche Begleiterkrankung

Was ist das Ziel einer biopsychosozialen Beratung und Behandlung?

Im ambulanten Kontext geht es um das Erkennen und Fördern der Möglichkeiten, die den Patienten ohne weitere therapeutische Prozeduren zur Verfügung stehen. Dabei können Verunsicherungen durch akute Erkrankungen, Operationen oder ärztliche Beratungen das Verhältnis zum eigenen Körper nachhaltig beeinflussen.

Eine rückversichernde und motivierende Gesprächsführung kann dazu führen, dass Patienten die daraus resultierenden Bewegungsängste überwinden, sodass sie wieder aktiv werden.

Auch in der multimodalen Behandlung geht es um die Förderung der Handlungsfähigkeit. Allerdings sind die Patienten in dieser Behandlungssituation deutlich unsicherer und instabiler als im ausschließlich ambulanten Beratungskontext.

Warum ist es so wichtig, bei Rückenschmerz-Patienten nicht nur den Rücken zu sehen?

Weil jeder Schmerz von Gedanken und Emotionen begleitet ist. Jeder Plan, etwas für den Rücken zu tun, erfordert nicht nur innere Anreize, sondern auch die Wahrnehmung von Handlungshindernissen.

Für das therapeutische Verhältnis zum Patienten bedeutet dies, gemeinsam zu erarbeiten, was der Schmerz mit ihm genau macht. Wie reagiert er darauf und was hindert ihn daran, etwas für sich tun?

Was bedeutet das dann konkret bei einem Patienten mit Rückenschmerz?

Rückenschmerzen reagieren günstig auf regelmäßigen Ausgleich mit rumpfstabilisierenden Übungen, Dehnung und Entspannung. Wichtiger als die Frage nach der Art der Übungen ist die Frage, wie Regelmäßigkeit (zwei bis dreimal pro Woche) erreicht werden kann.

Also wie die Patienten immer wieder ihre innere Erlaubnis und Motivation, etwas für den Rücken zu tun, bekommen. Trotz sonstiger Verpflichtungen und innerer Trägheit müssen sie ihren „inneren Schweinehund“ kennen und kleinhalten.

Gerade bei Patienten mit chronischem Rückenschmerz: Wie kommen diese wieder in Bewegung?

Auf keinen Fall über Ermahnung oder gar ärztliche Bestrafung („Wenn Sie nicht …, dann …“). Im Vordergrund stehen Bewegungsfreude, Selbstbelohnung und die Förderung des Selbstwertgefühls.

Therapeutisch geht es darum, mit den Patienten kleine Schritte von Bewegungserfolgen und verbessertem Körpergefühl zu erreichen. So lernen sie auch, eventuelle Rückschläge im weiteren Behandlungsverlauf zu überwinden.

Der neue Podcast „Leib und Seele“

Sich mit der Entstehung, Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen auseinanderzusetzen, hilft, besser mit ihnen zurechtzukommen. In „Leib und Seele“, dem neuen Podcast der AOK Baden-Württemberg, geht die Moderatorin Lilly Wagner zusammen mit verschiedenen Schmerzexperten dem Thema auf die Spur.

Was ist ein Podcast?

Podcasts sind abonnierbare Dateien im Internet. Der Begriff setzt sich zusammen aus der Abkürzung Pod, die für playable on demand steht, also abspielbar auf Abruf, und dem von Broadcast (Übertragung) abgeleiteten Wort cast. Die gängigsten Formate sind der Audio- und der Videopodcast.

Hier gibt es in der Regel ein oder mehrere Moderatoren, die sich gemeinsam oder mit Gästen über bestimmte Themen unterhalten. Dabei kann es sich um Sport oder Gesundheit drehen, aber auch um News aus der Wirtschaft oder aus dem privaten Leben – das einzige Kriterium ist: Es muss Leute geben, die das interessiert und die zuhören bzw. zugucken.

Wie gelingt es, sie für mögliche andere Ursachen zu sensibilisieren?

Patienten brauchen Sicherheit, um sich öffnen zu können. Dabei hat sich die sogenannte tangentiale Gesprächsführung bewährt. Innere und äußere stressverursachende Reize, sogenannte Stressoren, sollen nicht konfrontativ in den Raum gestellt werden. Stattdessen muss man sie für den Patienten als Möglichkeit im Gespräch anbieten.

Gesprächstechniken wie „warten – wiederholen – zusammenfassen – spiegeln“ sollen den Patienten Raum geben. Besonders Fragen wie: „Wollen Sie noch einmal zusammenfassen, was Sie heute mitnehmen können?“ können die Patienten einbinden und die eigene psychosoziale Bearbeitung fördern.

Wie gelingt es, sie dazu zu ermutigen, ihr Leben zu verändern, um diese Belastungen abzumildern?

Die Attraktion, etwas zu ändern, soll größer sein als die Sicherheit gewohnter Verhaltensweisen. Ihr aktuelles Leben kennen die Patienten besser als ein möglicherweise geändertes. Daher sprechen wir Ängste an, die jede Änderung begleiten. Außerdem sind selbst belohnende Maßnahmen wichtig.

Wenn die Patienten sich darauf einlassen: Welche Auswirkungen hat das auf die Schmerzen?

Die wichtigste Auswirkung ist die sogenannte Selbstwirksamkeit. Dieses Gefühl, etwas für sich und gegen die Schmerzen tun zu können, wirkt beruhigend. Es ermöglicht ein gutes Leben auch mit fortbestehenden, wenn auch reduzierten Schmerzen.

Wie reagieren Betroffene, wenn Ärzte so vorgehen? Fühlen die sich verstanden oder wehren sie ab?

Patienten reagieren sehr unterschiedlich. Manche fühlen sich entlastet und verstanden, andere befürchten, dass ihnen etwas Psychisches übergestülpt wird, was eh kaum zu ändern sei. Diese Ängste vor Veränderungen muss man daher behutsam in der Therapie ansprechen. Dadurch können sich Betroffene, die zunächst in Abwehrhaltung gehen, dort langsam entfalten. Ganz ohne Druck.

Haben sich Psyche und Lebensbedingungen von Schmerzpatienten in den letzten Jahren verändert?

Krankheiten als biopsychosoziales Konstrukt wahrzunehmen, ist eine Entwicklung der letzten etwa zwanzig Jahre. Generell achtet man mehr auf psychosoziale Stressoren. Daraus kann ich nicht eindeutig ableiten, dass seelische Belastungen zugenommen haben.

Allgemein muss man aber feststellen, dass Mortalitätsfragen gegenüber Morbiditätsfragen an Bedeutung verloren haben. Es geht also viel stärker um die Frage, wie man lange bei guter Gesundheit leben kann.

Alles über chronische Nacken-, Rücken- und Kopfschmerzen und was Betroffene tun können, um ihre Beschwerden zu lindern, erfährst du in der zweiten Folge unseres neuen Podcasts "Leib und Seele". Zu Gast ist diesmal Rücken-Experte Prof. Andreas Veihelmann.

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