#Gesundheit am 31.05.2021 aktualisiert am 01.06.2021

Annette Hans und ihr ganz persönlicher Kampf gegen Lungenkrebs

Eine junge Frau spreizt ihre Finger zu einem V, sie hat mit dem Rauchen aufgehört.
Unsplash / Priscilla Du Preez

Mit 39 Jahren bekam Annette Hans (55) die Diagnose Lungenkrebs. Per Zufall entdeckten Ärzte den fast fünf Zentimeter großen Tumor.

Für die damals alleinerziehende Mutter und ihre zwei kleinen Kinder war das ein Riesenschock. Sie selbst rechnete sich keinerlei Überlebenschancen aus. Doch sie kämpfte sich ins Leben zurück. Mit außergewöhnlichem Engagement und Erfolg: 16 Jahre nach der Diagnose, im April 2021, bekam sie dafür in Heidelberg das Bundesverdienstkreuz verliehen. Für ihre ehrenamtliche Arbeit bei der Raucherprävention für Jugendliche (www.ohnekippe.de) und für die Gründung mehrerer Lungenkrebs-Selbsthilfegruppen. Dabei war ihr Weg dorthin alles andere als leicht. Aber ihr jetziger Mann und viele Zufälle halfen Annette Hans dabei.

Glück im Unglück: Das MRT zeigte ihre Lungenspitze

„Mit 12 Jahren habe ich zum ersten Mal geraucht. Ich war neugierig und wollte meinen Freundinnen nacheifern. Ich wollte cool und erwachsen sein, das war bei mir in der Jugend so. Und dann habe ich weitergeraucht,“ erzählt Annette Hans. Viele Jahre später, im Jahr 2005, zu der Zeit arbeitete die Wormserin als Kommissioniererin in einem Lager, fuhr oft Gabelstapler und rauchte mittlerweile eine Schachtel Zigaretten pro Tag, litt sie immer häufiger unter starken Schmerzen. Mal im Oberarm, mal in der Schulter.

Frei verkäufliche Schmerzmittel zeigten keine Wirkung mehr und die Ärzte gingen von einem Bandscheibenvorfall aus. Ein MRT sollte dies bestätigen: „An zwei Stellen hat sich der Bandscheibenvorfall tatsächlich bestätigt und auf einem Bild, da hatte ich Glück, war die Lungenspitze zu sehen. Der Radiologe sah gleich, dass da irgendetwas war, was da nicht hingehört. Er schickte mich zum CT. So kam ein Tumor von fast fünf Zentimetern zum Vorschein. Mein Hausarzt schickte mich nach Heidelberg in die Thoraxklinik. Und dann nahm alles seinen Lauf,“ erzählt Annette Hans.

Mama hat Krebs! Eine schlimme Zeit für die ganze Familie

Dort erhielt sie die nächsten niederschmetternden Nachrichten: Der Tumor war zu groß, um operativ entfernt zu werden. Und sehr aggressiv. Annette Hans musste sich deshalb einer kombinierten Behandlung aus Chemotherapie und Bestrahlung unterziehen. Erst dann verkleinerte sich der Tumor und konnte entfernt werden.

„Ich habe auch später erst erfahren, dass ich laut Statistik eigentlich nur eine zweiprozentige Überlebenschance hatte.“
Annette Hans

Den Kindern, die Tochter war damals 9 und der Sohn 12 Jahre alt, haben Annette Hans und ihr jetziger Mann erst sehr viel später vom Lungenkrebs erzählt. „Ich selbst habe mir damals null Überlebenschancen gegeben. Ich habe eigentlich gedacht, dass ich sterbe. Deswegen haben wir das ein bisschen verharmlost. Als rauskam, dass ich eine Chemotherapie machen muss, wussten wir, dass wir es den Kindern jetzt sagen müssen. Mein Mann hat die Kinder dann aufgeklärt: Die Mama hat Krebs! Als das Wort Krebs fiel, ist der Groschen gefallen. Da hat auch mein Sohn registriert, dass es gefährlich ist.“

Für ihn und die ganze Familie begann eine schlimme Zeit, ihr Sohn, der unter ADS leidet, zog sich komplett zurück. „Mein Mann hat die Kinder und mich dann immer wieder aufgebaut: ‚Komm, hab mal Vertrauen in die Ärzte‘, sagte er dann. Das war eigentlich das, was mir geholfen hat“, erzählt sie. Aber auch der Kontakt zu den Mitpatienten in der Klinik gab der Wormserin Hoffnung und Kraft. Hier konnte Annette Hans sich austauschen, über Nebenwirkungen (bei) der Chemotherapie, und wie man Bestrahlungen am besten übersteht. Auch dass viele Patienten schon seit Jahren in die Thoraxklinik Heidelberg kommen, schenkte ihr Zuversicht.

Wegen ihres Engagements gegen Lungenkrebs erhält Annette Hans das Bundesverdienstkreuz.
Universitätsklinikum Heidelberg / Anette Hans

Und die benötigte sie damals. „Lungenkrebs galt vor 15 Jahren noch als Todesurteil. Und Lungenkrebs ist nach wie vor ein absolutes Tabu-Thema,“ weiß Annette Hans aus eigener Erfahrung. Sie hatte Glück, dass ihr Tumor trotz der Größe noch nicht metastasiert war.

Lungenkrebs ist immer noch ein Tabu-Thema – das will Annette Hans ändern

Daran wollte sie etwas ändern. Als sie per Zufall mit ihrer Bettnachbarin zum „Patienten-Kaffee“ ging – vorher musste sie noch mit gutem Kaffee und leckerem Kuchen überredet werden – lernte sie den Leiter der Patientengruppe der Thoraxklinik kennen. „Er war fasziniert von mir. Weil ich so jung war und mit 39 Jahren Lungenkrebs hatte. Er fragte mich dann, ob ich vielleicht Lust hätte mich mal von Schülern interviewen zu lassen. Ich habe mir gedacht: Warum nicht?“, erzählt sie von den Anfängen ihrer Präventionsarbeit.

Von dem Projekt „Ohne Kippe“ war sie sofort begeistert. Bei diesem Präventions-Projekt besuchen Schüler der 7. Klasse aus Heidelberg, Mannheim und dem Rhein-Neckar-Kreis die Heidelberger Klinik für eine zweistündige Mitmach-Show. „Dass es so etwas überhaupt gibt und dass Schüler heute aufgeklärt werden über das Rauchen und die Gefahren, das fand bei uns ja gar nicht statt. Ich wusste nicht, wie gefährlich Rauchen ist. Hätte es in meiner Jugend so eine Aufklärung gegeben, hätte ich nicht angefangen zu rauchen. Und die Nachfrage ist schon sehr groß.

Die Schüler bekommen dann einen Vortrag über‘s Rauchen, über E-Zigaretten, über Shishas und Drogen. Anschließend schauen sie sich eine Bronchoskopie an, meistens einen Mitschnitt, manchmal aber auch live. Danach dürfen mir die Schüler ihre Fragen stellen. Da gab es dann auch schon mal Dankesbriefe: Dank Ihnen rauchen wir nie wieder!“ Was in ein paar Jahren ist, weiß Annette Hans natürlich auch nicht, aber sie freut sich darüber, dass die Schüler heutzutage Nichtrauchen cool finden.

Mitpatienten halfen ihr immer am besten – sie gründete eine Selbsthilfegruppe

In das Raucher-Präventionsprogramm steckte Annette Hans so viel Engagement, dass sie schon nach kurzer Zeit gefragt wurde, ob sie nicht auch eine Selbsthilfegruppe gründen möchte: „Hier gab es ja nix, obwohl wir ein großes Zentrum in Heidelberg haben. Die nächste Gruppe war in Stuttgart. Und ich dachte: Warum nicht? Mir selbst haben die Gespräche auch geholfen. Und letztendlich haben mich die Mitpatienten am besten aufgeklärt. So kann ich ein bisschen davon zurückgeben.“

Kurzentschlossen gründete Annette Hans, zusammen mit dem Leiter der Präventionsgruppe, eine Selbsthilfegruppe für das Rhein-Neckar-Gebiet und anschließend den Landesverband für Baden-Württemberg. „Dafür braucht man allerdings eine starke Klinik im Rücken. Wenn das nicht vorhanden ist, hat man wenig Chancen, dass eine Selbsthilfegruppe auch aktiv bleibt und funktioniert“, weiß Annette Hans. Seitdem organisiert sie Info-Stände auf Pneumologie-Kongressen oder bringt Medizinstudenten die Selbsthilfe näher.

„Letztendlich haben mich die Mitpatienten am besten aufgeklärt. So kann ich ein bisschen davon zurückgeben.“
Annette Hans

„Wir versuchen, den Studenten zu erklären, wie man ein Patientengespräch am besten führt. Und dass die Diagnosestellung nicht unbedingt zwischen Tür und Angel stattfinden sollte. Die Studenten sind daran immer sehr interessiert.“ Sogar eine europäische Lungenkrebs-Organisation hat sie vor einiger Zeit mitgegründet.

Dabei hat sie nicht immer nur die Patienten, sondern vor allem auch die Raucher im Blick. Schließlich hat Annette Hans selbst früher mindestens eine Schachtel Zigaretten am Tag geraucht. Und sie weiß genau, wie schwer es ist, damit aufzuhören.

„Mit einem selbst muss etwas passieren, damit man aufhört zu rauchen. Vor meiner Operation kam der Stationsarzt zu mir und sagte: ‚Sehen Sie zu, dass Sie auf null Zigaretten kommen. Dann haben Sie auch bessere Chancen nach der OP. Das erhöht Ihre Überlebenschancen. Denken Sie daran, Sie haben Kinder.‘ Ich sagte dann: ‚Ich rauche nur noch fünf Zigaretten.‘ Er hat nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: ‚Zum Überleben sind das fünf zu viel.‘ Da habe ich gedacht, dass ich für meine Kinder da sein will. Die sind noch so klein, die brauchen mich doch noch.“

Es gibt keinen Trick um mit dem Rauchen aufzuhören. Nur einen: Am besten gar nicht anzufangen!

Einen genialen Trick, wie man mit dem Rauchen aufhört, hat Annette Hans zwar nicht, aber ihren Jugendlichen rät sie: „Am besten fangt ihr gar nicht erst damit an! Ein Raucher denkt immer, dass er die Zigarette braucht. Braucht er aber nicht. Man bläst den Rauch einfach nur in die Luft. Und hat nichts davon!“ Das Gefährliche daran: Man inhaliert den Rauch und das kann zur Entstehung von Tumoren der oberen und unteren Atemwege führen.

„Ein Raucher denkt immer, dass er die Zigarette braucht. Braucht er aber nicht.“
Annette Hans

Und auch für Lungenkrebs-Patienten hat sie noch einen Tipp: „Nicht gleich die Hoffnung verlieren. Viel reden ist ganz wichtig. Das ist immer besser als alles in sich hineinzufressen und mit sich selbst auszumachen. Irgendwann fällt jeder mal in ein tiefes Loch. Wer dann Gleichgesinnte hat, kann sich mit denen am besten unterhalten. Von den Erfahrungen anderer kann man nur profitieren.“

Und auch wenn Annette Hans immer noch mit einigen gesundheitlichen Einschränkungen leben muss, kann sie ihrem einjährigen Enkelkind noch einigermaßen hinterherlaufen. „Ich freue mich, dass ich das noch erleben durfte. Meine Enkeltochter hält mich jung und fit. Und wenn sie schneller ist als ich, kann ja mein Mann hinterherrennen.“

Engagement als Krebspatient

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