#Stress am 26.01.2022

Sorgen-Tagebuch – das anonyme Ohr für deine Probleme

Eine junge Frau liegt in ihrem Bett und schreibt ihre Sorgen und Ängste in ein Tagebuch.
Stocksy / Hernandez & Sorokina

Daniel Kemen, Mitbegründer des Sorgen-Tagebuchs, stellt die besondere Online-Plattform vor und betont dabei, dass sich niemand für seine Sorgen, Ängste und Probleme schämen muss.

Seit 2015 haben Menschen von Jung bis Alt die Möglichkeit, in dem Sorgen-Tagebuch ihr Herz auszuschütten. Hilfesuchende können hier anonym und kostenlos in Form eines Onlinetagebuchs über ihre Sorgen, Ängste und Probleme berichten. Das Besondere daran ist: „Das Tagebuch“ antwortet auf jeden Eintrag. Rund 70 ehrenamtliche Autoren hören zu, wollen Mut machen und neue Wege aufzeigen.

In unserem Gespräch erläutert Daniel Kemen, Mitbegründer des Sorgen-Tagebuchs, wie sich das Projekt entwickelt hat, mit welchen Problemen er und sein Team häufig konfrontiert werden und welche Hilfe genau die Plattform ihren Nutzern bietet.

Porträt von Daniel Kemen, dem Mitbegründer des Sorgen-Tagebuchs.
Daniel Kemen

Wie ist die Idee zum Sorgen-Tagebuch entstanden?

Die Idee zum Sorgen-Tagebuch basierte ursprünglich auf dem Gedanken: „Was mache ich, wenn ich Probleme, Sorgen oder Ängste habe, aber niemanden in meinem persönlichen Umfeld, dem ich mich anvertrauen kann?“ Oft hilft es zwar, seine Gedanken in einem Tagebuch aufzuschreiben. Das Problem dabei ist – es kann nicht antworten. Daraus resultierte der Gedanke, wie großartig es wäre, wenn ein Tagebuch antwortet.

Daraufhin haben wir einen Versuch gestartet und festgestellt, wie groß die Nachfrage ist. Es gab von Beginn an sehr viele Zuschriften zu den unterschiedlichsten Themen in kurzer Zeit. Deshalb haben wir kurzerhand mit Fachleuten, Psychologen und Anwälten gesprochen, um den allgemeinen Rahmen zu klären. Es folgte der Entschluss: „Wenn wir das machen, dann richtig.“ Daraufhin haben wir unter anderem mit Fachleuten von der Universität Freiburg über das Konzept diskutiert und das Sorgen-Tagebuch Schritt für Schritt zu dem aufgebaut, was es heute ist.

Wie hat sich das Projekt seit dem Start entwickelt?

Zunächst hatten wir tatsächlich angenommen, dass es ein großes Problem sein würde, Ehrenamtliche zu finden. Jedoch trat genau das Gegenteil ein. Wir haben in kurzer Zeit ein großes Team aufbauen können. Zudem haben wir über die Jahre hinweg unser Aufnahmeverfahren für Autoren kontinuierlich verfeinert. Momentan sind etwa 60 bis 70 Ehrenamtliche mit dabei. Die Nachfrage übersteigt mittlerweile unsere Kapazitätsgrenzen. 70 Personen müssen schließlich auch betreut werden, um unsere Qualitätsansprüche zu erfüllen.

Das Projekt finanziert sich von Beginn an ausschließlich durch Spendengelder. Momentan versuchen wir, vermehrt Strukturen aufzubauen, damit wir mehrere Dinge nicht mehr im Ehrenamt machen müssen. Das Sorgen-Tagebuch umfasst mittlerweile über 66.000 Einträge. Unsere Autoren müssen zwischen 250 und 300 Texte pro Woche bearbeiten. Dies führt dazu, dass wir seit etwa drei Jahren durchgängig an der Auslastungsgrenze sind. Zusammenfassend kann man sagen, dass wir über die Jahre hinweg stark wachsen konnten. Allerdings nicht in dem Maß, wie es die Nachfrage erfordern würde.

Wer nutzt das Angebot? Gibt es den typischen Tagebuch-Schreiber?

Den typischen Tagebuch-Schreiber gibt es eher nicht. Vielmehr bilden die Einsendungen einen Querschnitt der Gesellschaft ab. Der Altersdurchschnitt unserer Nutzer liegt bei etwa 30 Jahren. Sehr viele Einträge kommen von 15- bis 22-Jährigen, die sich mit Problemen der Pubertät und Umbruchphasen im Leben auseinandersetzen. Eine hohe Anzahl von Zuschriften kommt dann von Anfang 30 bis Ende 50 und zum Teil erhalten wir auch Einträge von 70- bis 80-Jährigen.

Wichtig zu betonen ist, dass uns wirklich jeder schreiben kann – unabhängig von Alter und Art des Problems.

Welche Sorgen und Probleme haben die Menschen, die sich an Sie wenden?

Was wir momentan aufgrund der Corona-Situation verstärkt beobachten, sind Zukunftsängste und existenzielle Sorgen. Letztere betreffen oft gar nicht die wirtschaftlichen Aspekte. Vielmehr fragen sich viele nach Monaten im Homeoffice oder Kurzarbeit: „Wer bin ich und was mache ich hier eigentlich?“ Den Menschen fällt die Decke auf den Kopf und sie beginnen, alles zu hinterfragen.

Ein Thema, das schon vor der Pandemie verstärkt thematisiert wurde, ist Einsamkeit. Dabei geht es oft um die gefühlte Einsamkeit, was bedeutet, dass den Betroffenen trotz vieler sozialer Kontakte eine echte emotionale Bindung fehlt. Generell findet sich im Sorgen-Tagebuch aber eine große Bandbreite an Problemen: von Liebeskummer über Depression bis hin zu Gewalt und Suizidgedanken.

Wie verläuft angesichts dieser Problemvielfalt die Auswahl der Autoren?

Es gibt ein Auswahlverfahren, bei dem die Bewerber in verschiedenen Schritten an das Thema herangeführt werden. Dazu zählen unter anderem Video-Tutorials und Informationstexte. Anschließend folgt ein Probetext, der in einer ausführlichen Feedbackrunde besprochen wird. Hierbei achten wir auch genau darauf, wie der Bewerber auf das Feedback reagiert und ob er es auch wirklich versteht. Weiterhin folgen ein telefonischer Austausch sowie ein Einführungsseminar.

Diese umfangreichen Schritte sind vorab nötig, da unsere Autoren generell nicht vom Fach kommen und anfangs noch Laien sind. Erweist sich ein Bewerber nach unserer Ausbildung als geeignet, kann er theoretisch auf alle Einträge antworten. Es sei denn, er fühlt sich bei manchen Themen unwohl. Es kann durchaus passieren, dass man zu einem bestimmten Text beziehungsweise Problem überhaupt keinen Zugang findet. In diesem Fall übernimmt ein anderer Autor die Betreuung des entsprechenden Beitrags.

Wie reagieren Sie bei kritischen Beiträgen, beispielsweise bei eindeutigen suizidalen Absichten?

Generell gilt, dass wir auf der Plattform völlige Anonymität haben und wirklich nicht wissen, wer den Beitrag verfasst hat. Wir hätten in solch einem Fall also gar nicht die Möglichkeit, jemanden zum Verfasser des Tagebucheintrags zu schicken. Ich möchte auch betonen, dass das Sorgen-Tagebuch in den meisten Fällen keine Lösung des individuellen Problems bieten kann. Vielmehr verstehen wir uns als erste Anlaufstelle, die Betroffene mit dem nötigen Rüstzeug ausstattet, um den nächsten Schritt zu gehen.

Wir versuchen, die Personen zu der Hilfe zu bringen, die sie brauchen. Sei es der Gang zu einem Arzt bei medizinischen Problemen oder die Kontaktaufnahme zu einem Therapeuten bei Depressionen. Viele wissen oft nicht, wo sie professionelle Hilfe bekommen. Andere trauen sich häufig wiederum nicht, beispielsweise zu einem Psychologen zu gehen, da sie schlichtweg Angst davor haben. Wir versuchen, diese Ängste zu nehmen und gleichzeitig möchten wir vermitteln, dass es völlig ok ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Soforthilfe im Notfall

Daniel Kemen betont, dass das Sorgen-Tagebuch von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern gepflegt und betreut wird. Es bietet daher keine medizinische, therapeutische, juristische oder psychologische Beratung. Die Antworten basieren auf Lebenserfahrungen und der persönlichen Einschätzung der Autorinnen und Autoren. Sie sollen den Schreibern helfen, nicht allein mit ihren Problemen dazustehen, ihnen Mut machen und neue Wege aufzeigen. Eine „Notfallhilfe“ in akuten Situationen ist daher nicht möglich.

Für solche Situationen, oder wenn generell professionelle und spezialisierte Beratung benötigt wird, findest du unter dem Punkt „Soforthilfe“ auf der Website des Sorgen-Tagebuchs weitere Anlaufstellen, Notfalltelefone und Sofortmaßnahmen, die dir fachkundige Hilfe bieten.

Was haben Sie durch das Projekt über den Umgang der Menschen mit Problemen gelernt?

Viele Menschen schämen sich dafür, dass sie ein Problem haben und wollen deshalb nicht darüber sprechen. Unser Angebot hat seine Daseinsberechtigung nur, weil es eben so viele Menschen gibt, die sich nicht trauen zu sagen: „Es geht mir psychisch gerade sehr schlecht und ich brauche Hilfe.“ Durch das Sorgen-Tagebuch erfahren diese Leute zum ersten Mal, dass sie nicht die einzigen Betroffenen sind. Und dass es völlig in Ordnung ist, sich schlecht zu fühlen und um Hilfe zu bitten.

In unserer Gesellschaft hat das Scheitern keinen Platz. Niemand postet beispielsweise bei Facebook und Co seine Misserfolge. Die Leute reden nicht über ihre Probleme, obwohl sich viele Dinge vermeintlich leicht lösen lassen könnten, wenn man sie einfach anspricht.

Unterstütze das Sorgen-Tagebuch

Der Betrieb des kostenlosen Sorgen-Tagebuchs erfordert viel Arbeit und es entstehen selbstverständlich auch Kosten. Wenn du das ehrenamtliche Projekt finanziell unterstützen möchtest oder vielleicht sogar selbst mitmachen möchtest, findest du an dieser Stelle alle Informationen zu den einzelnen Unterstützungsmöglichkeiten.

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    veröffentlicht am 26.01.2022
    AOK-Expertin „Psyche und Seele“

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