#Achtsamkeit am 12.10.2020

"Man kann in der Gesellschaft immer ein Gewinn sein!"

Sind die eigenen Kinder erstmal selbstständig, kann schnell etwas fehlen. Oft sind es die Mütter, denen der Verlust zu schaffen macht und denen der Wiedereinstieg ins Berufsleben schwerfällt. Doch was kann man dagegen tun?

Monika Bader lebt in Stuttgart, ist 76 Jahre alt und freut sich über vier Enkelkinder. Auf ihre Zeit in den Vierzigern blickt sie aber mit gemischten Emotionen zurück: Die Situation nicht mehr gebraucht zu werden fiel der zweifachen Mutter doch schwer – aber es führte ein Weg heraus. Bei Monika Bader war es ihr „zweites berufliches Glück“. Wie sie zu der neuen Aufgabe und zu ihrem Ehrenamt als Leihoma gekommen ist, verrät sie im GESUNDNAH-Interview.

Wie kam es dazu, dass Sie mit 48 Jahren nochmal neu angefangen haben?

Als mein Sohn und meine Tochter mich nicht mehr brauchten, war ich schon ein wenig wehmütig. Wenn man sein halbes Leben Hausfrau und Mutter war, ist der Verlust groß. Daher suchte ich nach einer neuen erfüllenden Herausforderung. Eigentlich bin ich gelernte Bankkauffrau, aber ich wollte etwas Neues.

Durch eine Freundin habe ich erfahren, dass die Stadt Stuttgart den Kurs „Wiedereinstieg in den Beruf“ anbot. Frauen unterschiedlichen Alters konnten so eine einjährige Ausbildung zur Verwaltungsangestellten machen. Und so nutzte ich meine Chance! Mit 49 erreichte ich meinen zweiten Abschluss. Dann trat ich eine Halbtagsstelle in einer Tagesstätte für psychisch kranke Menschen an. Ich kümmerte mich um die Verwaltungsarbeit, Belange im Büro und half auch mal in der Küche aus. Die Arbeit war interessant und äußerst abwechslungsreich. Bis zu meiner Pensionierung mit 65 habe ich dort gearbeitet – und den Schritt nie bereut.

Mit 62 Jahren haben Sie zusätzlich eine neue Herausforderung für sich entdeckt, was war das?

Auf einem Plakat der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart hatte ich ein Gesuch für eine Stelle als Leihoma oder Leihopa entdeckt. Das hat mich irgendwie gleich angesprochen. Tiefere Beweggründe gab es da nicht. Ich dachte mir einfach, ich versuche es! Ich bin einfach gerne unter Menschen und habe gerne Kinder um mich herum. Warum sollte ich es nicht ausprobieren? Gedacht, getan.

Monika Bader: Kurz vorgestellt

Die gelernte Bankkauffrau Monika Bader (76) lebt gemeinsam mit ihrem Mann in Stuttgart. Nach ihrer Zeit als Hausfrau und Mutter hat sie mit 48 Jahren noch einmal eine neue Ausbildung zur Verwaltungsangestellten bei der Stadt angefangen und dann bis zur Rente in einer Tagesstätte für psychisch kranke Menschen gearbeitet. Seit ihrem 62. Lebensjahr engagiert sie sich zudem ehrenamtlich als Leihoma. Mittlerweile ist Monika Bader selbst vierfache Oma und genießt ihre Freizeit am liebsten beim Lesen, in der Natur oder beim Schwimmen in den Stuttgarter Mineral-Bädern.

Und das hat sofort geklappt?

Nachdem ich mich auf das Gesuch beworben hatte, wurde ich zu einem klassischen Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich weiß nicht, warum, aber daraus wurde leider nichts. Vorerst. Da war ich schon traurig, aber ich habe nicht aufgegeben und wenige Monate später klappte es auch: Mein erstes Leih-Enkelkind war ein dreijähriges Mädchen – ein ganz schön kesses, manchmal auch freches kleines Mädchen, das mich teilweise wirklich gefordert hat.

Meine zweite Station war dann die Kita: Eine erfahrene Leihoma aus unserem Treffpunkt „Senior“ im Rotebühlzentrum Stuttgart kam auf mich zu und bat mir eine Stelle als Leihoma in ihrer Kita an. Dort bin ich mittlerweile seit zehn Jahren tätig und habe immer jede Menge Spaß. An zwei halben Tagen in der Woche wird gewickelt, gefüttert und gespielt.

Aber irgendwann geht doch auch eine Leihoma in Rente, oder?

Momentan wird aufgrund der Corona-Pandemie das Projekt der Leihgroßeltern in unserem Verein ohnehin ausgesetzt. Wir sind mittlerweile ja alle über siebzig und gehören der Risikogruppe an, das ist einfach zu gefährlich. Ob und wie es im nächsten Jahr weitergeht, weiß noch niemand.

Aber abgesehen davon bin ich ja selbst vierfache Großmutter und für mich und meinen Mann gibt es einen „Enkeltag“ pro Woche, auf den wir uns immer sehr freuen. Übrigens schließt es sich überhaupt nicht aus, dass man eigene Enkel hat und auch noch als Leihoma tätig ist. Aber eines sollte jeder Leihoma und jedem Leihopa klar sein: Die Kinderbetreuung kann auch stressig sein. Und vor allem muss man der Aufgabe körperlich gewachsen sein.

Was ist eine Leihoma?

Leihgroßeltern helfen in Familien aus, abseits der eigenen. Wenn eigene Großeltern nicht einspringen können, sind die Leihomas und -opas da. Sie kümmern sich um die Kleinen, wenn die Eltern ausgehen wollen, länger arbeiten, oder wichtige Termine wahrnehmen müssen. Das können regelmäßige oder aber auch gelegentliche Termine sein. Die Betreuungsangebote der Kitas und Kindergärten sollen dadurch keinesfalls ersetzt werden. Es soll vielmehr eine Bereicherung für Leihgroßeltern und die betreuten Kinder sein.

Wenn die eigenen Kinder das Haus verlassen, ist das hoch emotional. Irgendwann brauchen Leih-Kinder keine Betreuung mehr – sind denn die beiden Situationen vergleichbar?

Es ist schon jedes Mal ein kleiner Abschied. Aber der von den Leih-Kindern fällt natürlich nicht so schwer, wie der Weggang der eigenen Kinder oder Enkel. Selbstverständlich hat man seine Lieblingskinder, da ist man dann vielleicht schon etwas wehmütig, aber das steckt man mit der Zeit immer besser weg. Unterm Strich würde ich sagen, dass es in erster Linie sehr wichtig ist, das eigene Herz nicht zu sehr an die Kinder zu verlieren. Klar, das ist typabhängig, aber ich habe das für mich immer strikt getrennt. Denn sobald die Kinder in die Grundschule kommen, bricht der Kontakt meist automatisch ab. Das ist aber der natürliche Lauf der Dinge. Ich habe die gemeinsame Zeit mit den Kindern immer sehr genossen.

Wie war denn Ihre eigene Kindheit?

Ich bin 1944 im Krieg geboren. Damals war alles anders und es gab weniger Möglichkeiten, vor allem für Frauen. Ich weiß noch, dass ich immer Dekorateurin werden wollte. Mein Vater aber arbeitete im Sparkassenverlag und sah für mich eine Bankenlehre vor. Die habe ich dann als junge Frau auch gemacht und geschadet hat es natürlich nicht. Das Gefühl, eigene Wünsche und Träume nicht erfüllt zu haben, kenne ich aber zu gut. Ich wollte schon als Teenager immer raus aus dem Korsett und auf eigenen Beinen stehen. Vielleicht hat mich der Neuanfang mit 48 darum so gereizt. Ich wollte diese neue Chance unbedingt nutzen – und habe es nie bereut!

Wer Interesse an einer Tätigkeit als Leihoma oder -opa hat oder sich anderweitig ehrenamtlich in die Gesellschaft einbringen möchte, findet im Internet Informationen. Im Raum Stuttgart gibt es unter anderem „Die Leihgroßeltern Stuttgart“. Das ist eine Initiative des Treffpunkts 50plus und der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart.

Mehr Infos findest du hier.

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