#Musik am 09.09.2021

Die heilsame Wirkung von Musik

Eine Frau hört über Kopfhörer Musik und tanzt dazu im Freien.
Stocksy / Michela Ravasio

Musikalische Medizin: Wie die Musiktherapie versteckte Gefühle wieder zum Vorschein bringt, unterdrückte Bedürfnisse freilegt und bei Demenzkranken Erinnerungen weckt.

„Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Dieses Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo bringt die Kraft der Musik auf den Punkt. Mit ihrer Hilfe bauen wir Stress ab, sie wirkt beruhigend und löst die unterschiedlichsten Empfindungen aus: Musik kann Balsam für die Seele sein und die Gesundheit positiv beeinflussen.

Wir erklären dir, wie Musiktherapie das seelische und körperliche Wohlbefinden von Patienten fördert und sogar Menschen erreicht, die auf Sprache nicht mehr reagieren oder sich in ihrer ganz eigenen Welt verschanzt haben.      

Was ist Musiktherapie?

Bei dieser Therapie wird gezielt Musik eingesetzt, mit dem Ziel, seelische, körperliche und geistige Gesundheit wiederherzustellen, zu erhalten oder zu fördern. Es handelt sich dabei um ein eigenständiges, praxisorientiertes Behandlungskonzept, das zu den kreativen Therapieformen zählt. Sie eignet sich für Menschen aller Altersgruppen mit psychischen, psychosomatischen und/oder neurologischen Erkrankungen. In folgenden Arbeitsfeldern kommt die Musiktherapie zum Einsatz:

  • Psychosomatik
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie
  • Autismus
  • Onkologie
  • Schmerzmedizin
  • Geriatrie/Demenz
  • Neurologische Reha
  • Tinnitus
  • Traumatisierung
  • Heilpädagogik
  • Behandlung von Frühgeborenen
  • Musikschule

Aktive Musiktherapie

Die aktive Musiktherapie fokussiert sich auf das Musizieren von Patienten und/oder Therapeut.  Beide improvisieren hierbei im Regelfall, spielen gemeinsam auf Musikinstrumenten oder singen zusammen. Dafür sind keine musikalischen Fähigkeiten erforderlich. Bei dieser Therapieform geht es darum, musikalisch Beziehungen aufzunehmen, sich auszudrücken und mittels der Musik zu kommunizieren. Dabei kommen überwiegend Instrumente zum Einsatz, die leicht spielbar sind (zum Beispiel Trommeln oder Xylophone), verschiedene Sinne ansprechen und keine speziellen Vorkenntnisse erfordern.

Aktive Musiktherapie eignet sich besonders, um Bedürfnisse, Gedanken und Emotionen wahrzunehmen und auszudrücken. Zudem lassen sich Erfahrungen und Verhaltensmuster aufdecken und neue Verhaltensweisen erproben. Dadurch eröffnen sich Zugänge für eine weitergehende psychotherapeutische Behandlung. Gemeinsames Musizieren unterstützt:

  • Achtsamkeit
  • Kreativität
  • Selbstwirksamkeit
  • kognitive und motorische Fähigkeiten
  • allgemeines Wohlbefinden

Musiktherapie am Universitätsklinikum Tübingen

Das Universitätsklinikum Tübingen bietet Musiktherapie in Form von Einzel- und Gruppentherapie an. Alle Musiktherapiegruppen sind stationsbezogen und finden in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie statt. Die Gruppen umfassen aktuell maximal vier Patienten und treffen sich ein- bis zweimal mal pro Woche. Das Behandlungsangebot umfasst dabei die aktive, rezeptive, und neurologische Musiktherapie sowie das therapeutische Gespräch.

Alle weiteren wichtigen Informationen zur Musiktherapie am Universitätsklinikum Tübingen findest du auf der entsprechenden Website.

Rezeptive Musiktherapie

Die rezeptive Musiktherapie konzentriert sich auf das aktive Hören von Musik. Nach einer Phase der Einstimmung bekommen die Patienten entweder live oder über Tonträger Musik vorgespielt, die körperlich und/oder psychisch auf sie wirken kann. Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft geht davon aus, dass sich durch die Musik subjektiv bedeutsame Erinnerungen und Assoziationen wachrufen lassen können. Nach dem gemeinsamen Musikhören sprechen Therapeut und Patient zum Beispiel über die entstandenen Gefühle, Körperwahrnehmungen und bildhaften Vorstellungen. Dadurch werden die weiterführenden therapeutischen Prozesse angestoßen.

Die gemeinsame Kommunikation über das Gehörte steigert die Qualität der Beziehung zwischen Therapeuten und Patient. Besonders in den Bereichen, in denen die Sprache an ihre Grenzen stößt, gehört die Musiktherapie mit ihren nonverbalen therapeutischen Möglichkeiten zu den bevorzugten Methoden. Dazu zählen beispielsweise:

  • Autismus
  • Wachkoma
  • Alzheimer-Demenz
  • Aphasie (Sprachstörungen)
  • Angststörungen

Musik gegen das Vergessen

Jeder Mensch verbindet mit bestimmten Liedern besondere Erinnerungen und damit verknüpfte Gefühle. Egal, ob du dich bei einem alten Liebeslied an den ersten Kuss erinnerst, oder der Sommerhit aus den 1990ern dich direkt zurück in den Sommerurlaub nach dem Abi versetzt.

Diese besondere emotionalisierende Wirkung der Musik macht sich die Musiktherapie bei der Arbeit mit Demenzkranken zunutze. Denn Musik funktioniert als Erinnerungsträger. Sie schafft Assoziationen zu positiven Erlebnissen der Vergangenheit. An Demenz erkrankte Menschen tauchen häufig unterbewusst ab in ihre Kinder- und Jugendzeit, wo prägende musikalische Erfahrungen gemacht wurden. Diese sind buchstäblich unvergesslich. Nicht selten kann ein dementer Patient seinen Namen nicht mehr aussprechen, jedoch problemlos sein damaliges Lieblingslied singen.

Zudem verfügen die Patienten noch sehr lange über emotionale Fähigkeiten. Mithilfe von vertrauter Musik lassen sich diese gezielt anregen. Das Resultat ist oft eine erhöhte Wachheit und Ausdrucksfähigkeit. Selbst gerade Erlebtes aus dem Alltag können demente Personen oft wieder erzählen. Durch diese positiven Erfahrungen nimmt häufig auch die äußere Beweglichkeit zu. Gleichzeitig nehmen typische Verhaltensauffälligkeiten wie Angst, Unruhe und Apathie ab.

Krisenhelfer Musik

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik belegt, dass Musik Menschen hilft, besser durch Krisen wie beispielsweise die Corona-Pandemie zu kommen. Während des ersten Lockdowns von April bis Mai 2020 wurden über 5.000 Menschen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Indien und den USA zu ihrem Umgang mit Musik während der Krise befragt. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer gab an, Musik zur Bewältigung emotionaler und sozialer Stressfaktoren zu verwenden.

Dabei setzten Menschen mit pandemiebedingten negativen Emotionen Musikhören in erster Linie zur Regulierung von Depressionen, Angst und Stress ein. Eher positiv gestimmte Menschen nutzten Musik dagegen als Ersatz für soziale Interaktionen. Sowohl beim gemeinsamen Musikhören als auch beim Musizieren verspüren sie ein Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft.

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