#Elektromobilität am 28.10.2019

E-Mobilität in Baden-Württemberg: „Bis 2030 soll jedes dritte Auto klimaneutral sein.“

Der Verkehrsminister Baden-Württembergs, Winfried Hermann, auf einem E-Bike.
Ministerium für Verkehr BW, Daniel Mühlebach

E-Scooter erobern die Straßen im Ländle. Doch wie klimafreundlich ist Elektromobilität? Wir haben bei Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann nachgefragt.

Die Straßen in Baden-Württemberg werden immer voller. Die Konsequenz: Der Verkehr ist vielerorts kaum noch überschaubar. Elektroautos, E-Bikes und E-Scooter boomen besonders in größeren Städten. Im Interview erläutert Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, wie das Land die Straßen sicher machen will, welche Herausforderungen durch Elektromobilität entstehen und warum Elektroautos klimafreundlich sind.

Herr Hermann, wie beurteilen Sie die Verkehrsentwicklungen der letzten Jahre?
Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass mancher Fahrradhändler fast nur noch E-Bikes verkauft? Auch die Zahl der Elektroautos steigt deutlich an, womit der Verkehr emissionsfrei und leiser wird. Die Verkehrswende ist aber bei aller Dynamik eine Generationenaufgabe und es ist wichtig, dass sie mit einer Energiewende kombiniert wird. Denn Elektromobilität wird nur mit nachhaltig erzeugter Energie auch nachhaltig.

In den Innenstädten vieler Großstädte ist der Verkehr unübersichtlich geworden. Was wird in Baden-Württemberg derzeit dagegen getan?
Für viele „schwächere“ Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer sind die Straßen in den Städten herausfordernd. Gerade wenn Kreuzungen oder Querungen unübersichtlich sind, birgt dies Gefahren. Als Land setzen wir uns für lebendige, verkehrsberuhigte Ortsmitten und eine Neuverteilung der Verkehrsflächen in den Innenstädten ein. Dazu gehört ein sicheres Radwegenetz, worauf auch E-Scooter fahren dürfen. Auch dies bewirkt, dass der Verkehr übersichtlicher und sicherer wird.

Seit Mitte Juni sind E-Scooter für den Straßenverkehr zugelassen und immer wieder gibt es Unfälle. Ist es so schwierig, auf einem E-Scooter unterwegs zu sein?
Riskantes Fahrverhalten und nicht selten Alkohol verursachen einen Teil der Unfälle. Ungeübte Fahrer unterschätzen auch die Geschwindigkeit. Wir empfehlen daher jedem, E-Scooter erst einmal in Ruhe zu testen und einen Helm zu tragen. Auch das Fahren auf Gehwegen, die nicht explizit für E-Scooter freigegeben sind, ist unzulässig.

Auch E-Bikes sind eine Gefahrenquelle…
…grundsätzlich sind Pedelecs (E-Bikes bis 25 km/h, Anm. d. Red.) nicht gefährlicher als Fahrräder – wenn sie mit angemessener Geschwindigkeit gefahren werden. Häufig wird jedoch die höhere Geschwindigkeit unterschätzt und leider auch auf den Fahrradhelm verzichtet. Die Zunahme der Unfälle ist zum Teil damit zu erklären, dass immer mehr Menschen Pedelecs fahren. Klar ist: Sicheres Fahren braucht Übung.

So trägst du zu deiner eigenen Sicherheit im Straßenverkehr bei: Trage einen Helm und gut sichtbare Kleidung. Bringe Licht und Reflektoren an deinem Fortbewegungsmittel an, um frühzeitig wahrgenommen zu werden. Nimm Rücksicht auf andere und vergewissere dich immer zweimal, bevor du losfährst oder abbiegst.

In Großstädten mangelt es an durchgängigen Radwegen. Deswegen müssen E-Scooter und E-Bikes auf die Straße ausweichen. Lässt sich dieses Problem lösen?
Ja – mit mehr Schutz- und Radstreifen sowie Fahrradstraßen. Die Herausforderung liegt darin, die bestehenden Straßenräume in Städten so umzugestalten, dass ausreichend Flächen für Radfahrer, Fußgänger und Nutzer von E-Scootern zur Verfügung stehen. Das geht nicht ohne Einschränkungen für den Autoverkehr. Dies wird das Land in seinen Bauplanungen und bei der Förderung von Verkehrsinfrastruktur verstärkt berücksichtigen. Zusätzlich investiert die Landesregierung systematisch in Radschnellwege.

E-Scooter gelten gerade in Großstädten als ökologische Alternative. Können sie das Auto in Innenstädten verdrängen?
Das ist unwahrscheinlich. E-Scooter eignen sich in erster Linie für das Zurücklegen der „Letzten Meile“, etwa für die Strecke zwischen Bahnhof und Wohnung oder Arbeitsplatz – sie ersetzen also entsprechende kurze Autofahrten. Auf ihnen kann ich jedoch keine Einkäufe transportieren oder die Kinder zur Kita bringen. Hier sind elektrisch betriebene Lastenfahrräder eine gute Alternative zum Auto. E-Scooter sind ein innovatives Fortbewegungsmittel, das im Zusammenspiel mit dem Ausbau des Rad- und Fußverkehrs und der Elektromobilität den Verkehr in den Innenstädten verändern wird.

Eine Übersicht über verschiedene Pilotprojekte in Baden-Württemberg findest du unten nach dem Interview.

Welche Maßnahmen müssen umgesetzt werden, um eine bestmögliche Sicherheit auf den Straßen zu garantieren?
Unser Ziel heißt „Vision Zero“ – ein Straßenverkehr ohne Getötete und Schwerverletzte. Seit 2013 gibt es ein Verkehrssicherheitskonzept, welches das Land mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen hinterlegt hat. Das geht von baulichen Verbesserungen bis zu Informationskampagnen zum richtigen Parken. Mit Blick auf die Verkehrswende bis 2030 wollen wir ein Drittel weniger Kraftfahrzeuge in den Städten haben – dafür sind sichere und ausreichend breite Geh- und Radwege genauso wichtig wie sichere Straßenquerungen.

Manche Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2030 weltweit jedes dritte neu zugelassene Auto elektrisch fährt. Halten Sie eine solche Entwicklung auch in Baden-Württemberg für realistisch?
Ja – aber wir wollen mehr erreichen. Als innovatives Autoland haben wir ein ambitionierteres Ziel: Bis 2030 sollte jedes dritte Auto auf der Straße bereits klimaneutral sein. Und dabei bleiben wir neben der Elektromobilität auch technologieoffen für beispielsweise Wasserstoffantriebe und synthetische Kraftstoffe.

Seit einiger Zeit wird kontrovers darüber diskutiert, wie klimafreundlich Elektroautos sind. Haben sie tatsächlich eine bessere Ökobilanz als Diesel oder Benziner?
Eine berechtigte Frage, da mit der Herstellung der Batterie ein hoher Energieaufwand verbunden ist und auch die spätere fachgerechte Entsorgung berücksichtigt werden muss. Die Studienlage spricht eine deutliche Sprache: Batterieelektrische Fahrzeuge sind über die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs gerechnet schon heute im Vorteil gegenüber Diesel und Benzin. Beim heutigen deutschen Strommix mit Kohlestromanteilen tritt dieser Vorteil bei kompakten Elektroautos bei etwa 50.000 bis 70.000 km Fahrleistung ein und bei größeren Fahrzeugen bei über 100.000 km. Steigt der erneuerbare Anteil am Strommix weiter an oder wird mit Ökostrom gefahren, rentieren sich Elektroautos in Sachen Klimaschutz deutlich schneller.

Vorreiterprojekte: E-Mobilität in Baden-Württemberg

Für den Verkehrsminister ist E-Mobilität ein zentrales Thema. Auch darum setzt sich das Land mit mehreren Programmen dafür ein, dass sich Elektroautos und Co. in Zukunft durchsetzen werden.

SAFE: Ladenetz fürs ganze Ländle

Reicht der Akku oder nicht? Diese Frage begleitet viele Elektroauto-Fahrer. Deswegen rief das Land Baden-Württemberg Ende 2017 das Programm „Flächendeckendes Sicherheitsladenetz für Elektrofahrzeuge“ (SAFE) ins Leben. Heute ist Baden-Württemberg das einzige Bundesland, das über ein flächendeckendes Netz an E-Ladepunkten verfügt. Alle zehn Kilometer gibt es eine Ladestation, alle 20 Kilometer eine Schnelllademöglichkeit.
Mehr Infos: safe-bw.net

Charge@BW: Ladestationen für Unternehmen

Anfang September ist das Programm „Charge@BW“ gestartet, das Teil der „Landesinitiative III Marktwachstum Elektromobilität BW“ ist. Damit unterstützt das Land Baden-Württemberg erstmalig Unternehmen, die Mitarbeitern Ladestationen für private Elektroautos bereitstellen möchten. Auch Dienstwagen werden gefördert.
Mehr Infos: digital-bw.de

LINOx BW: E-Mobilität für eine bessere Luft

In einigen Kommunen in Baden-Württemberg ist die Luft stark belastet, weil die Stickoxid-Grenzwerte (NOx) überschritten werden. 16 der 24 betroffenen Kommunen haben sich deshalb im Projekt „Aufbau von Ladeinfrastruktur zur Reduktion der NOx-Belastungen in Baden-Württemberg“ (LINOx BW) zusammengeschlossen. Bis September 2022 sollen rund 2.000 Ladestationen entstehen, damit mehr Menschen auf Elektroautos umsteigen.
Mehr Infos: e-mobilbw.de/linox-bw

Fit-For-eBike: Radsportverband schult Einsteiger

Auf einem E-Bike zu fahren, ist nicht so leicht. Denn du bist schneller unterwegs als auf einem Fahrrad, das einige Kilos leichter ist. Damit du entspannt und unfallfrei radeln kannst, bietet der Württembergische Radsportverband (WRSV) in Kooperation mit der AOK Baden-Württemberg Technik- und Sicherheitsschulungen an.
Mehr Infos: wrsv.de/fit-for-ebike

E-Scooter: Diese Anbieter verleihen Tretroller

Ob Stuttgart, Mannheim oder Heidelberg: In vielen Städten in Deutschland kannst du E-Scooter für kurze Fahrten ausleihen. Die bekanntesten Anbieter sind derzeit folgende:

  • Lime
  • Tier
  • Circ
  • Bird

Via App wird dir angezeigt, wo du freie E-Scooter in deiner Nähe findest. Die Aktivierung erfolgt ebenfalls mit der jeweiligen App.
Wichtig: E-Scooter darf man erst an einem Alter von 18 Jahren fahren.

E-Mobilität: Bist du dabei?

Elektroautos, E-Scooter und Co. verändern den Straßenverkehr in der Region. Erzähle und diskutiere hier über deine Erfahrungen mit Elektromobilität.

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veröffentlicht am 28.10.2019
AOK-Expertin für Umwelt und Nachhaltigkeit

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